Für Janet Zitting war ihre Kindheit lange Zeit völlig normal. Erst als sie als Grundschülerin mit einer Nachbarin sprach, wurde ihr bewusst, dass ihre Familie alles andere als gewöhnlich war.
„Ich fragte sie, wie viele Mütter sie habe“, erinnert sich die heute 32-Jährige. „Sie antwortete: ‚Nur eine.‘ Ich ging danach nach Hause und dachte: ‚Wie traurig – sie hat nur eine Mutter.‘“
Zitting wuchs in einer polygamen Familie auf. Ihr Vater lebte mit vier Ehefrauen zusammen, darunter ihre leibliche Mutter. Insgesamt hat sie 44 Geschwister. Heute berichtet sie auf TikTok über ihre außergewöhnliche Kindheit und beantwortet die Fragen von Millionen neugieriger Nutzer. Die Videos haben ihr große Aufmerksamkeit eingebracht.
Aufgewachsen in einer religiösen Gemeinschaft
Nach eigenen Angaben gehörte ihre Familie einer Gruppierung namens „The Work“ an. Dabei handelt es sich um eine Abspaltung der Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (FLDS), die viele Jahre unter der Führung von Warren Jeffs stand. Innerhalb dieser Gemeinschaft wird Polygamie praktiziert.
Während Mehrehen in den Vereinigten Staaten grundsätzlich verboten sind, wurde die Strafverfolgung in Utah in den vergangenen Jahren deutlich entschärft.
Für Janet Zitting gehörte dieses Familienmodell zum Alltag. Erst im Kontakt mit Menschen außerhalb der Gemeinschaft erkannte sie, dass ihre Lebensrealität von der gesellschaftlichen Norm erheblich abwich.
Der Ausstieg aus der Gemeinschaft
Vor rund 13 Jahren entschied sich Zitting, die religiöse Gemeinschaft zu verlassen. Sie gehörte zu den ersten ihrer Geschwister, die diesen Schritt wagten. Etwa die Hälfte ihrer Brüder und Schwestern folgte später ihrem Beispiel, während die andere Hälfte bis heute in der Gemeinschaft lebt.
Von einer dramatischen Flucht möchte sie allerdings nicht sprechen.
„Viele fragen, ob ich fliehen musste. Tatsächlich habe ich meinen Eltern einfach gesagt, dass ich ausziehe“, erzählt sie. Anfangs sei die Situation schwierig gewesen, weil ihre Familie überzeugt gewesen sei, sie begehe einen schweren Fehler. Für sie selbst habe jedoch festgestanden, dass dieses Leben nicht mehr das Richtige sei.
44 Geschwister – und alle Namen im Kopf
Besonders fasziniert sind viele Menschen von der schieren Größe ihrer Familie. Zitting kennt nach eigenen Angaben nicht nur die Namen aller 44 Geschwister, sondern auch deren Geburtstage.
Zwischen dem ältesten und dem jüngsten Geschwister liegen 33 Jahre Altersunterschied. Das älteste ist heute 48 Jahre alt, das jüngste 15.
Auch heute besteht enger Kontakt innerhalb der Familie. Es gibt gemeinsame Gruppen-Chats aller Geschwister, separate Chats der Schwestern sowie zahlreiche kleinere Unterhaltungen. Während sich in der Kindheit häufig kleinere Grüppchen bildeten, sei der Zusammenhalt im Erwachsenenalter sogar noch enger geworden.
Kein Weihnachten, keine Geburtstage
Die religiösen Regeln prägten den Alltag der Familie stark. Weihnachten wurde nicht gefeiert. Auch Geburtstage spielten keine Rolle.
Die Eltern begründeten dies mit religiösen Überzeugungen und bezeichneten Geburtstage als „weltlich“. Rückblickend vermutet Zitting allerdings, dass auch finanzielle Gründe eine Rolle gespielt haben könnten. Selbst heute feiern viele ihrer Geschwister lediglich runde Geburtstage.
Leben mit kaum Privatsphäre
Die Großfamilie lebte auf einer kleinen Farm mit Nutztieren und eigenem Gemüsegarten. Dadurch konnten Lebensmittelkosten reduziert werden. Dennoch verschlang bereits ein Einkauf im Großmarkt erhebliche Summen. An einen Einkauf kurz vor den Feiertagen erinnert sich Zitting besonders – die Rechnung belief sich auf rund 1.500 US-Dollar.
Privatsphäre gab es dagegen kaum. Janet teilte sich zeitweise mit sieben Schwestern ein Zimmer. Während Umbauarbeiten am Haus schliefen zeitweise sogar bis zu 16 Kinder gemeinsam in einem Raum. Um einmal allein zu sein, zog sie sich gelegentlich in einen Schrank zurück, in dem Decken gelagert wurden, und machte dort heimlich ein Nickerchen.
Sie beschreibt das Familienleben als eine Art ständig funktionierende Gemeinschaft, in der jeder Aufgaben übernahm. Kinderbetreuung, Kochen, Putzen, Gartenarbeit und die Versorgung der Tiere seien gemeinsam organisiert worden.
Heute lebt sie ein völlig anderes Leben
Inzwischen hat Janet Zitting selbst ein Kind und kann sich vorstellen, noch ein oder zwei weitere Kinder zu bekommen. Eine Großfamilie wie die ihrer Eltern kommt für sie allerdings nicht infrage.
Sie sagt, sie habe bereits als Jugendliche viele ihrer jüngeren Geschwister mit großgezogen und später häufig als Nanny gearbeitet. Deshalb habe sie das Gefühl, schon früh viel Verantwortung für Kinder übernommen zu haben.
Religiös versteht sie sich heute eher als spirituell. Die strengen Regeln ihrer Kindheit gehören für sie der Vergangenheit an.
Liebe zur Familie bleibt bestehen
Trotz ihres Ausstiegs empfindet Janet Zitting keinen Groll gegenüber den Familienmitgliedern, die weiterhin Teil der Glaubensgemeinschaft sind.
Viele ihrer Geschwister seien ihre engsten Freunde geblieben. Besonders das Verhältnis zu ihren Schwestern beschreibt sie als außergewöhnlich eng. Sie schätze den starken Familienzusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung.
Gleichzeitig macht sie deutlich, dass sie sich in der religiösen Gemeinschaft eingeengt gefühlt habe.
„Für mich war die Religion sehr kontrollierend. Es fühlte sich an, als würde ich in einer Box leben“, sagt sie. Heute sei sie glücklich darüber, ihren eigenen Weg gefunden zu haben – auch wenn sie akzeptiere, dass viele Mitglieder ihrer Familie weiterhin in der Gemeinschaft leben und dort ihre Erfüllung finden.
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