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Schweinepest bedroht Spaniens Milliardenbranche: Die Schweineindustrie kämpft um ihr Überleben

RitaE (CC0), Pixabay
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 Spaniens gewaltige Schweinefleischindustrie steht unter massivem Druck. Nach dem Nachweis der Afrikanischen Schweinepest (ASP) im Nordosten des Landes geraten Exporte, Preise und ganze Betriebe ins Wanken. Für viele Schweinehalter ist die Lage existenziell – und die Angst wächst, dass Spanien denselben Absturz erlebt wie zuvor Deutschland.

Für Landwirte wie Jordi Saltiveri war die Nachricht vom Ausbruch Ende vergangenen Jahres ein Schock. Auf seinem Hof in der Provinz Lleida in Katalonien hält er rund 8.000 Schweine. Als bekannt wurde, dass die Afrikanische Schweinepest in Spanien nachgewiesen wurde, sei für ihn sofort klar gewesen, was das bedeutet.

„Ich war traurig, wütend und hilflos“, sagt er. Denn sobald ein Land als betroffen gilt, reagieren viele Importländer sofort – und stoppen den Bezug von Schweinefleisch.

Jedes Tier bringt plötzlich deutlich weniger Geld

Obwohl der Ausbruch bislang regional begrenzt ist und Saltiveris Betrieb selbst nicht betroffen ist, spürt er die Folgen unmittelbar. Wie fast alle Schweinehalter in Spanien leidet auch er unter dem Preisverfall.

Nach seinen Angaben bringt jedes Schwein, das zur Schlachtung verkauft wird, derzeit 30 bis 40 Euro weniger als vor dem Ausbruch. Für viele Betriebe bedeutet das binnen kurzer Zeit erhebliche Verluste.

Die Afrikanische Schweinepest ist für Schweine und Wildschweine hoch ansteckend und meist tödlich, stellt für Menschen aber keine Gefahr dar.

Ausgangspunkt nahe Barcelona

Der erste bekannte Fall wurde Ende November im Collserola-Park am Rand von Barcelona entdeckt. Dort wurde ein infiziertes Wildschwein gefunden. Die Behörden reagierten schnell, sperrten das Gebiet und begannen mit der Suche nach weiteren Kadavern.

Bis heute ist unklar, wie das Virus genau in die Region gelangte. Eine erste Untersuchung schloss ein Leck aus einer nahegelegenen tiermedizinischen Forschungseinrichtung aus. Als Hauptproblem gelten inzwischen die großen Bestände an Wildschweinen, die sich in der Region stark ausgebreitet haben und teils bis in die Randgebiete Barcelonas vordringen.

Wildschweine als Brandbeschleuniger der Krise

Kataloniens Landwirtschaftsminister Òscar Ordeig sieht in der Überpopulation von Wildtieren einen zentralen Grund für die Ausbreitung.

Nach Schätzungen leben in Katalonien zwischen 120.000 und 180.000 Wildschweine. Die Regionalregierung will diesen Bestand nun halbieren. Bereits 24.000 Tiere wurden in diesem Jahr getötet.

Besonders intensiv wird in einem Radius von sechs Kilometern um die ersten Fundorte gejagt. Darüber hinaus gibt es eine weitere Überwachungszone von 20 Kilometern. Zum Einsatz kommen Netze, Metallfallen und schallgedämpfte Waffen. Zusätzlich werden Kameras und Drohnen genutzt, um Bewegungen der Tiere zu verfolgen. Alle erlegten Wildschweine werden getestet. Bis Ende März waren 232 Tiere positiv auf das Virus getestet worden.

Spanien verteidigt eine Schlüsselbranche

Die Behörden setzen auf maximale Biosicherheit. Fahrzeuge und Schuhe der Einsatzkräfte werden nach Kontrollen in Risikogebieten desinfiziert, Zäune sollen die Wanderbewegungen der Tiere einschränken.

Für die Politik ist klar: Es geht um weit mehr als um Tierseuchenbekämpfung. Spaniens Schweinefleischsektor hat sich seit dem letzten großen ASP-Ausbruch vor rund 30 Jahren zu einer wirtschaftlichen Schwergewichtsbranche entwickelt. Heute ist er mit einem geschätzten Volumen von 25 Milliarden Euro die größte Schweineindustrie Europas.

Doch genau das macht die Lage so gefährlich: Sobald ein Land offiziell als ASP-betroffen gilt, schließen viele Exportmärkte sofort ihre Grenzen.

Wichtige Exportmärkte brechen weg

Bereits mehrere Länder – darunter Brasilien, Japan, Mexiko, Südafrika und die USA – haben den Import von spanischem Schweinefleisch gestoppt.

Andere Märkte, darunter EU-Staaten, China und Großbritannien, verfolgen einen regional begrenzten Ansatz und sperren bislang nur Produkte aus dem betroffenen Gebiet im Nordosten Spaniens.

Trotzdem ist der Schaden erheblich. Weniger Nachfrage aus dem Ausland bedeutet nicht nur sinkende Exportmengen, sondern auch fallende Preise im Inland – mit direkter Wirkung auf die Erzeuger.

Allein in Katalonien lagen die Schweinefleischexporte im Januar 17 Prozent unter dem Vorjahreswert. Nach Angaben der Bauernorganisation Unión de Uniones hat die spanische Schweinebranche seit Beginn der Krise bereits mehr als 600 Millionen Euro verloren.

Die große Angst: Ein deutsches Szenario

In der Branche ist die Sorge groß, dass Spanien in eine ähnliche Entwicklung rutschen könnte wie Deutschland. Dort hat die Afrikanische Schweinepest in den vergangenen Jahren massive Schäden angerichtet. Die Produktion brach deutlich ein, Tausende Betriebe gaben auf.

In Spanien hoffen viele stattdessen auf das Beispiel Belgien. Dort gelang es, die Seuche innerhalb von 14 Monaten nach dem ersten Fall wieder zu eliminieren.

Doch nicht jeder in der Branche ist mit dem Krisenmanagement zufrieden. Nachdem im Februar auch außerhalb der ersten Hochrisikozone infizierte Wildschweine entdeckt wurden, kritisierte der katalanische Agrarmarkt Mercolleida, der als wichtige Referenz für Lebensmittelpreise in Spanien gilt, das Vorgehen der Behörden als zu langsam.

Die Botschaft aus der Branche ist eindeutig:
Spanien darf nicht zu einem zweiten Deutschland werden.

Verbraucher bleiben bislang gelassen

Trotz der Unruhe in der Landwirtschaft zeigt sich der heimische Markt bislang vergleichsweise stabil. Auf Märkten in Barcelona vertrauen viele Verbraucher auf die Sicherheitsmaßnahmen der Behörden.

Da die Afrikanische Schweinepest nicht auf Menschen übertragbar ist, bleibt die Verunsicherung geringer als bei früheren Lebensmittelskandalen wie dem Rinderwahnsinn in den 1990er-Jahren.

Auch im Einzelhandel haben sich die Preise bislang nicht dramatisch verändert. Metzger berichten eher von allgemeiner Kaufzurückhaltung wegen hoher Lebenshaltungskosten als von einem Einbruch durch die Schweinepest.

Ein Land kämpft um einen seiner wichtigsten Agrarsektoren

Für Spaniens Schweinehalter ist die Lage dennoch brandgefährlich. Noch ist der Ausbruch regional begrenzt. Noch funktionieren Teile des Exportgeschäfts. Noch hält der Binnenmarkt.

Aber die Erfahrung anderer Länder zeigt: Wenn die Afrikanische Schweinepest nicht schnell und konsequent eingedämmt wird, kann aus einer regionalen Tierseuche innerhalb weniger Monate eine nationale Wirtschaftskrise für einen ganzen Sektor werden.

Für Spanien steht deshalb weit mehr auf dem Spiel als nur der Preis pro Schwein.
Es geht um Milliardenumsätze, internationale Marktanteile und die Zukunft tausender Höfe.

Fazit

Die Afrikanische Schweinepest ist für Menschen ungefährlich – für Spaniens Schweinebranche aber ein potenzieller Albtraum. Preisverfall, Exportstopps und der Kampf gegen Wildschweinbestände zeigen bereits jetzt, wie verwundbar selbst eine milliardenschwere Agrarindustrie ist.

Ob Spanien die Krise schnell eindämmt oder in eine langwierige Markt- und Strukturkrise rutscht, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden.

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