Der Arbeitsmarkt in den USA wird für junge Menschen immer härter – und das längst nicht mehr nur bei der Suche nach dem ersten festen Job. Inzwischen wird selbst das Praktikum, eigentlich der klassische Einstieg ins Berufsleben, für viele zur kaum überwindbaren Hürde.
Ein Beispiel ist Muneeb Iqbal. Der 23-Jährige schließt im kommenden Monat seinen Master in Integrated Design, Business and Technology an der University of Southern California ab. Doch weder einen Job noch ein Praktikum hat er bislang in Aussicht – obwohl er nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr rund 4.000 Bewerbungen verschickt hat.
Auf LinkedIn habe er immer wieder gesehen, dass viele angebliche Einstiegsstellen am Ende an Bewerber gingen, die bereits mehrere Jahre Berufserfahrung mitbringen. Seit Beginn seines Masterstudiums 2024 habe er nur ein einziges Praktikum absolvieren können – und gleichzeitig rund 100.000 Dollar Studienschulden aufgebaut.
„Es ist entmutigend“, sagt Iqbal. Wenn Unternehmen immer nur Kandidaten mit mehr Erfahrung einstellten, fehle ihnen irgendwann der Nachwuchs für spätere Führungs- und Fachpositionen.
Praktika als Schlüssel – und als Engpass
Ökonomen sehen darin ein wachsendes Problem. Praktika oder andere erste Berufserfahrungen gelten als einer der wichtigsten Faktoren für einen erfolgreichen Berufseinstieg. Sie helfen nicht nur Studierenden, sondern auch Unternehmen, frühzeitig Talente an sich zu binden.
Doch genau diese Tür fällt derzeit für viele junge Menschen zu.
Auch Enrique Torres, Student an der University of Mount Olive in North Carolina, kämpft mit dieser Realität. Er hat in den vergangenen Monaten etwa zwei Dutzend Bewerbungen für Praktika verschickt – bislang ohne Erfolg.
Dabei ist ein zwölfwöchiges Praktikum zwingende Voraussetzung, um später in diesem Jahr seinen Bachelor in Kinesiologie und Bewegungswissenschaften abzuschließen. Zwar könnte er vermutlich einen Job auf dem Campus annehmen, doch das würde ihm nicht die fachliche Erfahrung bringen, die er für seinen Lebenslauf braucht.
„Bessere Chancen sehen im Lebenslauf einfach besser aus“, sagt Torres. „Aber das liegt nicht in meiner Hand – und das stresst mich.“
Weniger Angebote, mehr Konkurrenz
Die Zahlen zeigen, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt.
Laut der Jobplattform Indeed lag die Zahl der Praktikumsangebote im vergangenen Jahr unter dem Niveau der fünf Vorjahre und sogar leicht unter dem Stand von 2019. Besonders häufig wurden Praktika noch in der Pharmazie angeboten, gefolgt von Marketing und Bauingenieurwesen.
Gleichzeitig ist die Konkurrenz massiv gestiegen. Die Karriereplattform Handshake meldete für 2025 im Schnitt 109 Bewerbungen pro Praktikumsstelle – fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor. In manchen Branchen war der Andrang noch extremer:
- Technologie: 273 Bewerbungen pro Stelle
- Finanzen: 192 Bewerbungen pro Stelle
Das bedeutet: Selbst gut qualifizierte junge Bewerber konkurrieren heute mit Hunderten anderen um wenige Plätze.
Ohne Praxiserfahrung sinken die Chancen drastisch
Die Folgen reichen weit über das Studium hinaus. Wer während des Studiums arbeitet oder Praktika absolviert, hat deutlich bessere Chancen, direkt nach dem Abschluss eine Stelle zu finden.
Schätzungen von ZipRecruiter zufolge fanden rund vier von fünf Hochschulabsolventen, die während des Studiums Berufserfahrung gesammelt hatten, kurz nach dem Abschluss einen Job. Bei Absolventen ohne jegliche Praxiserfahrung lag die Quote dagegen nur bei etwa 41 Prozent.
Mit anderen Worten: Wer kein Praktikum bekommt, startet oft schon mit einem massiven Nachteil in den Arbeitsmarkt.
Junge Arbeitnehmer besonders betroffen
Besonders problematisch: Junge Menschen gehören traditionell zu den Ersten, die unter einer Abschwächung des Arbeitsmarkts leiden.
Die Arbeitslosenquote der 20- bis 24-Jährigen lag im März laut US-Arbeitsministerium bei 6,4 Prozent. Zwar ist das weniger als der Höchststand von 9,2 Prozent im September, aber immer noch deutlich über der allgemeinen Arbeitslosenquote von 4,3 Prozent.
Zwar wurden im vergangenen Monat noch 178.000 neue Stellen geschaffen. Doch im Februar gingen 133.000 Jobs verloren, sodass über beide Monate hinweg im Schnitt nur ein schwaches Plus von 22.500 Stellen blieb. Hinzu kommt: Die Einstellungsrate fiel im Februar auf den niedrigsten Stand seit 2011 – ausgenommen die Pandemie-Rezession 2020.
Die Unsicherheit dürfte durch geopolitische Krisen zusätzlich verstärkt werden. Auch der anhaltende Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran könnte die Einstellungsbereitschaft vieler Unternehmen weiter bremsen.
Die Gefahr: Ein schlechter Start prägt ganze Karrieren
Ökonomen warnen vor langfristigen Folgen.
Wer nach dem Studium keinen Einstieg findet, läuft Gefahr, dauerhaft von seiner eigentlichen Laufbahn abzukommen. Manche Absolventen wechseln dann in völlig andere Branchen, nur um überhaupt Arbeit zu finden. Damit droht nicht nur ein persönlicher Karrierebruch – auch Unternehmen könnten mittelfristig Probleme bekommen, ihren eigenen Fachkräftenachwuchs aufzubauen.
Fehlt diese interne Talentpipeline, müssen Firmen später teurer extern rekrutieren, statt Mitarbeiter aus den eigenen Reihen weiterzuentwickeln.
Selbst starke Lebensläufe helfen nicht immer
Dass selbst ein beeindruckender Lebenslauf inzwischen keine Garantie mehr ist, zeigt der Fall von Jessica Lopez.
Die 27-Jährige schloss im vergangenen Jahr ihren Bachelor in Betriebswirtschaftslehre an der Arizona State University ab. Während des Studiums absolvierte sie nach eigenen Angaben vier Praktika, neun Fellowships, war Präsidentin der Studierendenvertretung und baute aktiv ein berufliches Netzwerk auf.
Trotzdem fand sie bislang keine Vollzeitstelle im Marketing mit Krankenversicherung – obwohl sie sich auf mehr als 150 Stellen beworben hat. Derzeit lebt sie wieder bei ihrer Mutter in San Diego und arbeitet in zwei Teilzeitjobs.
„Ich habe ein sehr großes Netzwerk, gerade aus meiner Studienzeit mit all meinen Jobs, Praktika und Fellowships – aber geholfen hat mir das bisher kaum“, sagt Lopez.
Ihre Hoffnung: Dass sich die Wirtschaftslage bald wieder verbessert.
Fazit
Was früher als klassischer Karrierestart galt, wird für viele junge Menschen in den USA inzwischen zum Nadelöhr. Praktika, einst Einstiegschance und Sprungbrett, sind heute oft selbst schon ein Auswahlkampf mit Hunderten Bewerbern. Wer keinen Platz bekommt, verliert nicht nur wertvolle Erfahrung – sondern oft auch die realistische Chance auf einen schnellen Berufseinstieg.
Der amerikanische Arbeitsmarkt sendet damit ein deutliches Signal:
Für viele junge Menschen beginnt die Krise nicht erst nach dem Studium – sondern schon lange davor.
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