Es gibt Sätze im Fußball, die haben ungefähr die Halbwertszeit einer Kugel Eis in der Sahara. Bei RB Leipzig gehört inzwischen folgender dazu:
„Wir stehen voll hinter dem Trainer.“
Sobald Sportgeschäftsführer Marcel Schäfer diesen Satz ausspricht, sollte der betreffende Coach vorsorglich seinen Keller nach Umzugskartons durchsuchen, die Kündigungsfrist studieren und seinen Berater auf Kurzwahl legen.
Denn Ole Werner erlebt gerade möglicherweise live und in Farbe, was es bedeutet, wenn man bei RB erfolgreich ist.
Champions League erreicht? Check.
Besseren Punkteschnitt als fast alle Vorgänger geliefert? Check.
Unter schwierigen Bedingungen eine völlig umgekrempelte Mannschaft stabilisiert? Check.
Belohnung? Diskussion über die Entlassung.
Das muss diese berühmte Leipziger Wertschätzungskultur sein.
Marcel Schäfer – der Sportchef ohne Sportchef-Macht?
Der eigentliche Hauptdarsteller dieser Tragikomödie ist mittlerweile aber gar nicht mehr Ole Werner.
Es ist Marcel Schäfer.
Offiziell Sportgeschäftsführer.
Inoffiziell wirkt er inzwischen eher wie der Praktikant im Vorstandsbüro des Red-Bull-Imperiums.
Die satirische Tagesplanung könnte aktuell ungefähr so aussehen:
06:30 Uhr: Schäfer öffnet sein Mailprogramm.
06:31 Uhr: E-Mail an Klopp und Mintzlaff.
Betreff: „Was denke ich heute?“
09:00 Uhr: Antwort aus dem Global-Soccer-Hauptquartier.
Betreff: „Trainerdiskussion fortsetzen.“
09:01 Uhr: Meinung übernommen.
13:00 Uhr: Presseanfrage zu Ole Werner.
13:05 Uhr: Neue Direktive erhalten.
13:06 Uhr: Meinung angepasst.
18:00 Uhr: Trainer genießt Vertrauen.
19:00 Uhr: Trainer genießt möglicherweise nicht mehr ganz so viel Vertrauen.
20:00 Uhr: Demichelis-Videos auf YouTube anschauen.
Viele Fans fragen sich inzwischen ernsthaft, ob Schäfer überhaupt noch Entscheidungen trifft oder lediglich die PowerPoint-Präsentationen anderer vorliest.
Während andere Vereine Spieler holen, feuert RB gedanklich Trainer
Eigentlich hätte Leipzig momentan ganz andere Themen.
Neue Außenverteidiger.
Ein kreativer Spielmacher.
Verstärkungen für die Champions League.
Ein Kader, der den Ansprüchen gerecht wird.
Doch stattdessen beschäftigt sich der gesamte Klub seit Wochen mit einer Trainerdiskussion, die außerhalb des Red-Bull-Kosmos kaum jemand nachvollziehen kann.
Während Bayern Spieler verpflichtet, Dortmund Talente präsentiert und Leverkusen den Kader plant, läuft in Leipzig die Dauerschleife:
„Bleibt Werner?“
„Geht Werner?“
„Kommt Demichelis?“
„Wer entscheidet das eigentlich?“
Die drei Schäfer-Szenarien
Mittlerweile scheint sogar die Zukunft des Sportgeschäftsführers selbst offen.
Variante eins:
Schäfer verkauft Werner die Trennung, präsentiert Demichelis und verliert dabei endgültig sein Gesicht. Dann weiß jeder, dass wichtige Entscheidungen längst woanders getroffen werden.
Variante zwei:
Schäfer wirft entnervt hin und überlässt das Feld dem globalen Expertenrat. Arbeitslos wäre er vermutlich keine Woche. Frankfurt wird bereits als mögliches Ziel gehandelt.
Variante drei:
Schäfer weigert sich, den Erfüllungsgehilfen zu spielen, stellt sich vor Werner und wird selbst zum nächsten Kandidaten auf der Abschussliste.
In Leipzig scheint derzeit nur sicher:
Irgendjemand geht.
Die Frage ist nur noch, wer zuerst.
Jürgen Klopp – vom Hoffnungsträger zum Pfeifkonzert
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung von Jürgen Klopp.
Als er bei Red Bull einstieg, hofften viele Fans auf frischen Fußball-Sachverstand.
Heute sehen ihn viele Anhänger eher als Chefdramaturgen dieses Trainer-Theaters.
Ob gerecht oder nicht, spielt dabei kaum noch eine Rolle.
Die Wahrnehmung zählt.
Und die lautet mittlerweile:
Wenn irgendwo im Red-Bull-Kosmos ein Trainerstuhl wackelt, sitzt Klopp vermutlich bereits daneben und prüft die Statik.
Dazu kommen seine jüngsten Aussagen als WM-Experte, bei denen er ebenfalls nicht jeden begeistert hat. Manche Fans vermuten inzwischen scherzhaft, Klopp sammele Trainerjobs wie andere Menschen Panini-Bilder.
Sollte er demnächst in Leipzig auftauchen, dürfte ihn jedenfalls kein Jubelsturm erwarten.
Eher ein Pfeifkonzert, das selbst am Flughafen Halle-Leipzig noch als ungewöhnliches Wetterereignis registriert werden könnte.
Das große RB-Puppentheater
Am Ende bleibt ein erstaunliches Bild.
Ein erfolgreicher Trainer steht vor dem Aus.
Ein Sportchef weiß offenbar selbst nicht, wie viel Macht er noch besitzt.
Ein globales Beratergremium bestimmt die Schlagzeilen.
Und die Fans verlieren zunehmend das Vertrauen in die handelnden Personen.
Während andere Vereine an ihrer Zukunft bauen, beschäftigt sich RB Leipzig damit, eine Champions-League-Qualifikation wie eine sportliche Krise aussehen zu lassen.
Der Titel dieser Inszenierung steht deshalb längst fest:
„RB-Riesenblödheit – oder wie man aus Erfolg ein Problem macht.“
Die nächste Folge läuft vermutlich schon morgen.
Und möglicherweise erfährt Marcel Schäfer dann gemeinsam mit den Fans, wie sie ausgeht.
Ich schließe mich dieser Meinung gerne an. Marcel Schäfer dürfte sich in seiner aktuellen Rolle und angesichts der Entwicklungen der vergangenen Wochen sicherlich nicht besonders wohlfühlen.
Gerade deshalb finde ich es richtig, wenn man ihm auch einmal offen sagt, was viele RB-Fans denken. Und damit meine ich nicht die Anhänger, die dem Verein blind hinterherlaufen, sondern diejenigen, die ihren Klub unterstützen, ihn aber auch kritisieren, wenn sie der Meinung sind, dass etwas nicht richtig läuft.
Die gewählte Form mag ungewöhnlich sein, doch wie mein Vorredner bereits geschrieben hat: In jeder guten Satire steckt immer auch ein Stück Wahrheit. Oft werden Dinge überspitzt dargestellt, aber der Kern der Botschaft bleibt dennoch erkennbar.
Ich glaube, viele Fans wünschen sich derzeit vor allem Klarheit, Kontinuität und nachvollziehbare Entscheidungen. Die Diskussionen rund um die Trainerfrage haben viel Unruhe erzeugt und nicht wenige Anhänger fragen sich, wer die sportliche Richtung bei RB Leipzig tatsächlich vorgibt.
Umso wichtiger wäre es aus meiner Sicht, Marcel Schäfer als verantwortlichen Sportgeschäftsführer zu stärken und ihm die Möglichkeit zu geben, seine Handschrift noch deutlicher zu hinterlassen. Denn am Ende wird der Verein nicht an Pressekonferenzen oder internen Machtstrukturen gemessen, sondern an dem, was auf dem Platz passiert.
Und genau dort möchten die Fans RB Leipzig wieder sehen: im Kampf um die Spitzenplätze, in der Champions League und als ernsthaften Herausforderer der Bayern. Über solche Themen würden wir schließlich alle lieber diskutieren als über Trainerdebatten und Vereinsgerüchte.
Klasse Artikel, weiterso Redaktion!
Auch wenn der Artikel satirisch geschrieben ist, steckt doch sehr viel Wahrheit in der Satire. Marcel Schäfer ist schließlich auch ein Teil des Erfolgs von Ole Werner, und das sollte man durchaus einmal erwähnen. Aus meiner Sicht sind Werner und Schäfer (noch) ein hervorragendes Team.
Was ich persönlich gut finde: Endlich gibt es einmal nicht nur weichgespülte Kommentierungen, sondern auch Stimmen, die Klartext reden. Dafür ein großes Dankeschön an die Redaktion.
Wer weiß, wie dünnhäutig RB Leipzig auf kritische Berichterstattung reagieren kann, wird sicherlich verstehen, dass man solche satirischen Beiträge dort nicht unbedingt gerne liest.
Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wir – sobald dieses Trainer-Sommertheater vorbei ist – auch hier in der Redaktion wieder weniger satirische und dafür mehr euphorische Berichte lesen werden. Zum Beispiel dann, wenn RB Leipzig die Gruppenphase der Champions League übersteht, das Halbfinale des DFB-Pokals erreicht und den FC Bayern in der Bundesliga-Tabelle ernsthaft herausfordert.
Am Ende wünschen sich die Fans doch genau das: Dass wieder über sportliche Erfolge gesprochen wird – und nicht wochenlang über Trainerfragen und interne Machtspiele.