Venture-Capital-Spezialist Alfred Wieder über Deep Tech, globale Recheninfrastruktur und die Chancen professioneller Investoren
Künstliche Intelligenz verändert Wirtschaft und Gesellschaft in rasantem Tempo. Doch hinter jeder KI-Anwendung steht eine noch grundlegendere Frage: Woher kommt die Rechenleistung der Zukunft? Genau dort setzt der geplante QAI 2 Fund von QAI Ventures an. Der Fonds will in Unternehmen investieren, die globale Compute-Infrastruktur skalieren – von Quantencomputing über Halbleiter bis zu Hochleistungsrechnen. Wir haben mit dem Venture-Capital-Spezialisten Alfred Wieder über Chancen, Risiken und die neue Bedeutung von Deep-Tech-Investments gesprochen.
Herr Wieder, QAI Ventures stellt den neuen Fonds unter das Motto, die nächste Generation globaler Recheninfrastruktur zu skalieren. Warum ist dieses Thema aus Ihrer Sicht gerade jetzt so relevant?
Alfred Wieder:
Weil wir an einem Punkt stehen, an dem Rechenleistung selbst zu einem strategischen Rohstoff wird. Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, Halbleitertechnologie und Hochleistungsrechnen sind nicht mehr nur Spezialthemen für Forschungslabore. Sie werden zur Grundlage ganzer Industrien. Wer künftig Medikamente schneller entwickeln, Logistik optimieren, Verschlüsselung neu denken oder industrielle Prozesse effizienter machen will, braucht neue Formen von Compute-Infrastruktur.
Die Präsentation von QAI Ventures bringt es sehr klar auf den Punkt: Enterprise-Kunden fragen zunehmend nach Next-Generation-Compute. Gleichzeitig entwickelt sich Quantencomputing Schritt für Schritt von einem reinen Forschungsthema in Richtung kommerzieller Anwendungen. Genau diese Übergangsphase ist für Venture Capital besonders interessant.
In der Präsentation heißt es sinngemäß: „You are in 2016 for Quantum. The difference is you know it.“ Was bedeutet dieser Vergleich?
Wieder:
Das ist natürlich eine zugespitzte Formulierung, aber sie beschreibt ein bekanntes Muster im Technologiesektor. Große Infrastrukturtrends werden am Anfang oft unterschätzt. Bei Nvidia konnte man 2016 bereits erkennen, dass Grafikprozessoren für KI und Rechenzentren eine enorme Bedeutung bekommen würden. Viele Investoren haben die Tragweite damals trotzdem nicht gesehen.
QAI Ventures zieht nun den Vergleich zum Quantencomputing. Die Aussage lautet: Wir stehen heute möglicherweise an einem ähnlichen Punkt. Die Kategorie ist für viele Investoren noch nicht offensichtlich, Bewertungen sind teilweise noch nicht von breitem institutionellem Kapital getrieben, und wer früh Zugang bekommt, kann sich Beteiligungen sichern, bevor der Markt vollständig entdeckt wird.
Ist das nicht auch eine sehr ambitionierte These?
Wieder:
Ja, selbstverständlich. Venture Capital lebt von solchen Thesen, aber sie müssen kritisch geprüft werden. Nicht jedes Quantenunternehmen wird erfolgreich sein. Nicht jede Technologie wird sich durchsetzen. Und nicht jede hohe Erwartung wird sich in Rendite verwandeln. Aber genau deshalb ist Spezialisierung so wichtig. In Deep Tech reicht es nicht, Kapital bereitzustellen. Man muss Technologie, Märkte, Gründerteams, Anschlussfinanzierungen und spätere Exit-Pfade verstehen.
Der geplante QAI 2 Fund soll in Series-A- bis Series-C-Unternehmen investieren. Warum gerade diese Phase?
Wieder:
Series A bis C ist oft der Bereich, in dem aus Technologie langsam ein skalierbares Unternehmen werden muss. Die reine Forschungsphase ist idealerweise bereits verlassen. Es gibt eine bewährte Technologie, erste kommerzielle Traktion und einen klareren Weg zur Skalierung. Gleichzeitig ist das Unternehmen noch nicht so spät, dass die Bewertung bereits vollständig institutionell durchoptimiert ist.
QAI Ventures will laut Präsentation genau dort investieren: in Unternehmen mit nachgewiesener Technologie, früher kommerzieller Zugkraft und Skalierungsperspektive. Die geplanten Ticketgrößen liegen bei acht bis zwölf Millionen US-Dollar. Das ist kein Streusand-Ansatz, sondern ein konzentrierter Venture-Ansatz mit signifikanten Beteiligungen.
QAI spricht nicht nur von Investment, sondern auch von einer Kommerzialisierungsplattform. Was ist damit gemeint?
Wieder:
Das ist ein zentraler Punkt. QAI will sich nicht als reiner Finanzinvestor verstehen. Die Präsentation beschreibt einen geschlossenen Wertschöpfungskreislauf: Zugang zu Universitäten, Laboren und frühen Technologie-Ökosystemen, Auswahl und Validierung überzeugender Unternehmen, operative Unterstützung und schließlich kommerzielle Beschleunigung über Unternehmenspartnerschaften.
Das Ziel ist, Unternehmen nicht nur zu finanzieren, sondern sie schneller in reale Märkte zu bringen. In Deep Tech ist genau das häufig die größte Hürde. Viele Unternehmen haben starke Technologie, aber keinen einfachen Weg zu industriellen Kunden, strategischen Partnern oder späteren Käufern. Wer diese Brücke bauen kann, hat tatsächlich einen Mehrwert.
Welche Branchen stehen konkret im Fokus?
Wieder:
Der Fonds fokussiert laut Präsentation auf Advanced Computing. Dazu gehören Quantencomputing und Anwendungen, fortgeschrittene Halbleiter und Hardware sowie Cloud-, Edge- und Distributed-Systems. Das ist ein relativ enger, aber strategisch sehr relevanter Korridor.
Es geht also nicht um beliebige Software-Start-ups, sondern um die Infrastruktur hinter den großen Technologietrends. Wenn KI weiter wächst, steigt der Bedarf an spezialisierter Rechenleistung. Wenn klassische Chiparchitekturen an Grenzen stoßen, werden neue Hardwarekonzepte wichtiger. Und wenn Quantencomputing marktnäher wird, entstehen neue Wertschöpfungsketten.
QAI verweist auf den ersten Fonds und nennt mehr als 30 Investments, zwei Exits in weniger als zwei Jahren und mehr als 250 Millionen US-Dollar Follow-on-Finanzierungen bei Portfoliounternehmen. Wie ist das einzuordnen?
Wieder:
Das sind interessante Frühindikatoren. Besonders Follow-on-Finanzierungen durch namhafte Investoren können zeigen, dass spätere Kapitalgeber die Unternehmen ebenfalls validieren. Die Präsentation nennt unter anderem Beteiligungen von IBM, GitHub, Toshiba, der Europäischen Investitionsbank und führenden institutionellen Investoren.
Man muss aber sauber bleiben: Der ausgewiesene TVPI von 1,45x wird als früh und überwiegend unrealisiert beschrieben. Das bedeutet: Ein großer Teil der Wertentwicklung basiert auf Bewertungen aus Folgerunden, nicht auf realisierten Exits. Das ist im Venture-Capital-Bereich normal, aber Anleger sollten den Unterschied zwischen Buchwerten und realisierten Rückflüssen verstehen.
Die Präsentation nennt ein Ziel von 20 Prozent Netto-IRR und einem Netto-Multiple von etwa 3 bis 4x. Ist das realistisch?
Wieder:
Es ist ambitioniert, aber im Venture-Capital-Bereich nicht ungewöhnlich, solche Zielgrößen zu formulieren. Entscheidend ist: Das sind Ziele, keine Garantien. Gerade bei Deep Tech können Ergebnisse extrem auseinanderlaufen. Einzelne Gewinner können sehr hohe Multiples erzielen, viele andere Beteiligungen können aber deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben oder ganz ausfallen.
Ein professioneller Investor sollte daher nicht nur auf Zielrenditen schauen, sondern auf Portfolioaufbau, Fondsgröße, Gebührenstruktur, Beteiligungsquoten, Follow-on-Strategie, Liquidität, Exit-Pfade und Risikomanagement.
Was unterscheidet Deep-Tech-Investments von klassischen Software- oder Plattforminvestments?
Wieder:
Deep Tech ist kapitalintensiver, langsamer und technisch komplexer. Ein Softwareunternehmen kann oft schneller Kunden gewinnen und skalieren. Ein Quanten-, Halbleiter- oder Hardwareunternehmen benötigt meist mehr Forschungszeit, mehr Kapital, spezialisierte Teams, Lieferketten, Infrastruktur und regulatorische oder industrielle Validierung.
Dafür können erfolgreiche Deep-Tech-Unternehmen besonders strategisch relevant werden. Wenn eine Technologie wirklich in kritische Infrastruktur hineinwächst, entstehen hohe Markteintrittsbarrieren. Genau dort liegen die Chancen – aber auch die Risiken.
QAI betont den Zugang zu proprietärem Dealflow. Wie wichtig ist dieser Punkt?
Wieder:
Sehr wichtig. In Venture Capital entscheidet Zugang oft über Rendite. Die besten Unternehmen können sich ihre Investoren aussuchen. Wenn ein Fonds erst dann zum Zug kommt, wenn eine Runde breit im Markt kursiert, ist er häufig Preisnehmer. Wer dagegen früh mit Gründern, Universitäten, Laboren und Ökosystemen verbunden ist, kann Unternehmen kennenlernen, bevor der Wettbewerb einsetzt.
QAI argumentiert, dass es über Plattformbeziehungen, Domain-Expertise und kommerzielle Unterstützung Zugang vor institutionellen Runden erhält. Das ist ein starker Anspruch. Entscheidend ist, ob dieser Zugang dauerhaft reproduzierbar ist.
Die Präsentation nennt bekannte Namen im Team: Alexandra Beckstein, Michael A. Jackson und Dr. Axel Thierauf. Welche Bedeutung hat das Management bei einem solchen Fonds?
Wieder:
Bei Venture Capital ist das Management fast alles. Man investiert nicht nur in eine Strategie, sondern in Menschen, deren Netzwerk, Urteilskraft und Fähigkeit zur Unterstützung von Portfoliounternehmen. Die Präsentation stellt das Team mit Erfahrung in Fondsmanagement, Direktinvestments, Exits, M&A und Quanten- beziehungsweise KI-Projekten vor.
Solche Track Records sind wichtig, müssen aber genau geprüft werden. Anleger sollten fragen: Welche Erfolge wurden persönlich erzielt? In welcher Rolle? Waren es Fondsinvestments, Angel-Investments oder frühere institutionelle Mandate? Sind die Ergebnisse brutto oder netto? Welche Gebühren und Carried Interest wären im neuen Fonds relevant? Genau diese Due-Diligence-Fragen gehören bei professionellen Investments dazu.
Für wen wäre ein solcher Fonds geeignet?
Wieder:
Ausschließlich für professionelle Investoren, die illiquide, langfristige und riskante Anlagen verstehen. Die Präsentation selbst macht deutlich, dass sie nur für professionelle Investoren bestimmt ist. Außerdem wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass alle Investments Risiken bis hin zum möglichen Kapitalverlust enthalten und dass frühere Ergebnisse keine Garantie für künftige Resultate sind.
Ein solcher Fonds eignet sich nicht für Anleger, die kurzfristige Liquidität brauchen, planbare Ausschüttungen erwarten oder keine starken Wertschwankungen akzeptieren können.
Die rechtlichen Hinweise am Ende der Präsentation sind sehr umfangreich. Was ist daraus besonders wichtig?
Wieder:
Besonders wichtig ist, dass die Präsentation kein verbindliches Angebotsdokument ist und nicht Grundlage einer Investitionsentscheidung sein soll. Maßgeblich wären erst die finalen Fondsunterlagen, also Private Placement Memorandum, Limited Partnership Agreement und weitere rechtliche Dokumente.
Außerdem wird ausdrücklich gesagt, dass der Fonds zum Zeitpunkt der Präsentation noch nicht gegründet war und es keine Garantie gibt, dass er tatsächlich aufgelegt wird oder die genannten Renditeziele erreicht. Für professionelle Investoren ist das ein klarer Hinweis: Diese Präsentation ist Marketing beziehungsweise vorläufige Information, nicht die rechtliche Grundlage der Investition.
Wie sollten Investoren eine solche Gelegenheit prüfen?
Wieder:
Sehr strukturiert. Erstens: Team und Track Record prüfen. Zweitens: Fondsstruktur, Gebühren, Carried Interest, Laufzeit und Liquiditätsbeschränkungen analysieren. Drittens: Dealflow und bestehende Pipeline verstehen. Viertens: Bewertungsmethodik hinter früheren Performancezahlen prüfen. Fünftens: Rechtliche und steuerliche Struktur begutachten lassen. Sechstens: Risiken des Sektors realistisch einschätzen.
Gerade bei Quantencomputing sollte man nicht nur auf die große Vision schauen. Man muss fragen: Welche Unternehmen haben echte Kunden? Welche Technologie ist marktnah? Welche Roadmaps sind plausibel? Wer sind potenzielle Käufer? Und wie lange reicht das Kapital bis zur nächsten Finanzierungsrunde?
Welche Risiken sehen Sie besonders?
Wieder:
Erstens technologische Risiken: Nicht jede Technologie funktioniert wie geplant oder erreicht rechtzeitig Marktreife. Zweitens Marktrisiken: Kunden können langsamer adoptieren als erwartet. Drittens Finanzierungsrisiken: Deep-Tech-Unternehmen brauchen oft mehrere Kapitalrunden. Viertens Bewertungsrisiken: Wenn Märkte drehen, können Anschlussbewertungen sinken. Fünftens Exit-Risiken: Strategische Käufer müssen bereit sein, hohe Preise zu zahlen.
Hinzu kommt die Illiquidität. Die Präsentation weist darauf hin, dass Rückgabe- und Übertragungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, kein Sekundärmarkt erwartet wird und Anleger bereit sein müssen, ihr Investment ganz oder teilweise zu verlieren. Das ist bei solchen Fonds zentral.
Trotzdem klingt Ihre Einschätzung nicht negativ.
Wieder:
Nein, nicht negativ. Eher differenziert. Der Markt ist spannend. Advanced Computing, Quantencomputing und spezialisierte Halbleiter gehören zu den strategisch wichtigsten Technologiefeldern der nächsten Jahre. Ein spezialisierter Fonds mit gutem Zugang, technischem Verständnis und kommerzieller Plattform kann dort einen echten Vorteil haben.
Aber gute Storys allein reichen nicht. Venture Capital ist kein Versprechen, sondern eine Risikokapitalanlage. Wer investiert, muss mit Unsicherheit umgehen können.
Was ist aus Ihrer Sicht die zentrale Botschaft für professionelle Investoren?
Wieder:
Die zentrale Botschaft lautet: Wer an die nächste Welle globaler Recheninfrastruktur glaubt, sollte sich Deep Tech und Quantencomputing genau ansehen. Aber er sollte es professionell tun. Nicht aus Euphorie, nicht wegen eines Nvidia-Vergleichs, sondern auf Basis von Due Diligence, Fondsunterlagen, Teamprüfung und einer klaren Portfoliostrategie.
Der QAI-2-Fonds adressiert ein hochattraktives Zukunftsfeld. Gleichzeitig bleibt er ein spezialisiertes, illiquides und risikoreiches Venture-Capital-Produkt. Für den richtigen Investor kann das interessant sein. Für den falschen Investor kann es ungeeignet sein.
Ihr Fazit?
Wieder:
Wir stehen in einer Phase, in der Recheninfrastruktur politisch, wirtschaftlich und technologisch immer wichtiger wird. KI hat den Bedarf sichtbar gemacht, Quantencomputing könnte die nächste Stufe einleiten. Fonds wie QAI 2 versuchen, sich früh an möglichen Gewinnern dieser Entwicklung zu beteiligen.
Das ist chancenreich, aber nicht risikolos. Professionelle Investoren sollten solche Angebote nicht als sichere Renditechance verstehen, sondern als Beteiligung an einem hochspezialisierten Innovationsmarkt. Wer die Risiken tragen kann, lange Laufzeiten akzeptiert und das Fondsmanagement nach sorgfältiger Prüfung überzeugt findet, für den kann ein solcher Ansatz ein Baustein im alternativen Anlageportfolio sein.
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