David Ferrugio war zwölf Jahre alt, als sein Vater bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ums Leben kam. David Francis Ferrugio arbeitete im World Trade Center. An jenem Morgen ging er wie gewohnt zur Arbeit und kehrte nicht mehr zu seiner Familie zurück.
Inzwischen ist sein Sohn 37 Jahre alt. Die Erfahrung des plötzlichen Verlusts hat nicht nur sein persönliches Leben geprägt, sondern auch seinen beruflichen Weg bestimmt. Ferrugio lebt heute in Los Angeles und moderiert den Podcast „DEAD Talks“. Darin spricht er mit bekannten und weniger bekannten Gästen über Tod, Trauer und den individuellen Umgang mit Verlusten.
Im September erscheint außerdem sein Buch „You’re Not Dead Yet“. Darin beschreibt Ferrugio, was ihn die Trauer über das Leben gelehrt hat. Dass er sich 25 Jahre nach dem Tod seines Vaters öffentlich mit diesem Thema beschäftigen würde, hätte er sich als Zwölfjähriger nicht vorstellen können.
Der Tod seines Vaters fiel in eine Lebensphase, in der Ferrugio gerade an der Schwelle zum Jugendalter stand. Zunächst behielt er viele seiner Gefühle für sich. Er sprach wenig über seinen Schmerz und brachte ihn stattdessen auf andere Weise zum Ausdruck. Erst später erkannte er, wie wichtig es sein kann, über Trauer zu reden. Aus dieser Erkenntnis entstand vor sechs Jahren die Idee für seinen Podcast.
Ferrugio beobachtet, dass die amerikanische Gesellschaft heute offener über Verlust und Tod spricht als früher. Die Corona-Pandemie habe diese Entwicklung verstärkt. Millionen Menschen seien gleichzeitig mit Krankheit, Abschied und Trauer konfrontiert worden. Dadurch hätten viele begonnen, ihre eigenen Erfahrungen bewusster wahrzunehmen und das lange gemiedene Thema Tod offener anzusprechen.
Für Ferrugio gehören Leben und Tod untrennbar zusammen. Wer über die Endlichkeit spreche, beschäftige sich zwangsläufig auch intensiver mit dem Leben. Gespräche über den Tod hätten ihm deshalb nicht nur geholfen, seinen Verlust zu verarbeiten. Sie hätten zugleich seine Wertschätzung für Gegenwart, Beziehungen und gemeinsame Zeit vertieft.
Trauer beschreibt er als den Eintritt in eine andere Welt. Nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen verschiebe sich die gesamte Wahrnehmung. Selbst wenn ein Tod vorhersehbar sei, könne niemand vollständig auf die Wirklichkeit vorbereitet sein, die danach beginne.
Ferrugio ist überrascht, dass aus der schwersten Erfahrung seines Lebens auch etwas Wertvolles entstehen konnte. Durch den Verlust habe er gelernt, aufmerksamer zu leben, Menschen bewusster wahrzunehmen und gemeinsame Momente länger festzuhalten. Auch sein Podcast und sein Buch wären ohne diese Erfahrung vermutlich nie entstanden.
Das bedeutet für ihn jedoch nicht, dass er in der Tragödie einen verborgenen Sinn erkennen möchte. Wenn er wählen könnte, würde er all das, was später daraus entstand, gegen die Rückkehr seines Vaters eintauschen. Persönliches Wachstum ersetzt für ihn nicht den Menschen, den er verloren hat.
Den 25. Jahrestag der Anschläge möchte Ferrugio gemeinsam mit seiner Familie in New Jersey verbringen. Geplant ist auch eine Fahrt nach New York, wo die Familie zusammen mit Angehörigen der Finanzfirma Cantor Fitzgerald trauern will. Ferrugios Vater arbeitete für das Unternehmen, das am 11. September besonders viele Mitarbeiter verlor.
Bei dem Treffen soll es nicht ausschließlich um Schmerz gehen. Ferrugio möchte Geschichten über seinen Vater erzählen, gemeinsam mit der Familie lachen und auch Tränen zulassen. Seine Nichten und Neffen waren zur Zeit der Anschläge noch nicht geboren. Durch Erinnerungen und Familiengeschichten können sie ihren Großvater beziehungsweise Großonkel dennoch kennenlernen.
Darin erkennt Ferrugio eine besondere Kraft des Erzählens. Solange Menschen von einem Verstorbenen berichten, bleiben dessen Persönlichkeit, Eigenheiten und gemeinsame Erlebnisse lebendig. Erinnerungen können den Tod nicht rückgängig machen, aber sie verhindern, dass ein Mensch nur noch als Name unter Tausenden Opfern erscheint.
Die allgegenwärtige öffentliche Erinnerung an den 11. September ist für Angehörige zugleich belastend. Das Versprechen „Never Forget“ soll die Opfer würdigen, bedeutet für Hinterbliebene aber auch, dass sie regelmäßig und oft unerwartet mit Bildern der Anschläge konfrontiert werden. Ein Plakat mit den symbolischen Lichtstrahlen an der Stelle der Zwillingstürme kann eine private Erinnerung auslösen, selbst wenn man gerade nicht darauf vorbereitet ist.
Ferrugio gibt deshalb halb im Scherz zu, dass er manchmal gerne für ein Jahr vergessen würde. Die Anschläge waren ein öffentliches Ereignis von historischer Bedeutung. Für ihn bleiben sie gleichzeitig der Tag, an dem sein Vater starb. Diese beiden Ebenen lassen sich nicht voneinander trennen.
Menschen, die den Jahrestag begehen möchten, empfiehlt Ferrugio einen Moment des Innehaltens. Der 11. September habe gezeigt, wie plötzlich sich das Leben verändern könne und wie begrenzt selbst die sorgfältigsten Pläne seien. Niemand wisse mit Sicherheit, was als Nächstes geschehe.
Aus dieser Erkenntnis zieht er keine Aufforderung zu ständiger Angst. Für ihn ist sie vielmehr eine Einladung, die Gegenwart ernster zu nehmen: Zeit mit wichtigen Menschen nicht aufzuschieben, Zuneigung auszusprechen und das eigene Leben bewusster wahrzunehmen. Seine zentrale Erfahrung nach 25 Jahren Trauer lautet, dass die Beschäftigung mit dem Tod den Blick auf das Leben schärfen kann.
Kommentar hinterlassen