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Lemonaid-Aktie: Viel Haltung, hohe Bewertung und ein ungewöhnliches Verkaufsangebot

wjgomes (CC0), Pixabay
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Mit „Be the change“ wirbt Lemonaid nicht nur um Kunden, sondern erstmals auch um Aktionäre. Für 39,90 Euro je Aktie können Privatanleger sogenannte „Fairholder“ der LemonAid Beverages AG werden. Die Mindestmenge beträgt sieben Aktien, sodass der tatsächliche Mindesteinsatz bei 279,30 Euro liegt.

Das Unternehmen bringt zweifellos eine überzeugende Geschichte mit: Seit mehr als 17 Jahren verkauft Lemonaid Bio-Limonaden und ChariTea-Produkte mit fair gehandelten Zutaten. Nach Unternehmensangaben flossen bislang über 13 Millionen Euro an den gemeinnützigen Lemonaid & ChariTea e. V. Die Marke ist etabliert, das gesellschaftliche Engagement sichtbar und das Geschäftsmodell wesentlich greifbarer als bei vielen jungen Crowdinvesting-Projekten.

Die Plattformkategorie „Startup“ erscheint deshalb etwas irreführend. Lemonaid ist kein Unternehmen am Anfang seiner Entwicklung, sondern ein mittelständischer Getränkeanbieter mit fast 100 Beschäftigten und einem Umsatz von rund 30,4 Millionen Euro im Jahr 2024.

Anleger finanzieren keine klassische Kapitalerhöhung

Der entscheidende Punkt des Angebots steht nicht prominent in der Werbebotschaft, sondern im Wertpapierprospekt: Die angebotenen 1.002.480 Aktien werden nicht neu ausgegeben. Sie stammen vollständig aus dem Bestand der Lemonaid & ChariTea Impact GmbH, die vor dem Angebot alleinige Aktionärin ist. Das Unternehmen selbst erhält aus dem Aktienverkauf zunächst keinen Emissionserlös.

Bei vollständiger Platzierung werden knapp 40 Millionen Euro erlöst. Nach Kosten sollen rund 37,4 bis 37,5 Millionen Euro bei der Anbieterin verbleiben. Der Prospekt nennt je nach Abschnitt Emissionskosten von bis zu 2,5 beziehungsweise 2,6 Millionen Euro. Diese kleine, aber auffällige Abweichung sollte erläutert werden.
Von den Einnahmen sollen eine Million Euro gespendet, 1,3 Millionen Euro an Darlehensverbindlichkeiten gegenüber der LemonAid Beverages AG zurückgezahlt und bis zu 6,7 Millionen Euro für ein mit zwölf Prozent verzinstes Wandeldarlehen verwendet werden. Weitere vier Millionen Euro sind für den Kauf früherer Gesellschafteranteile vorgesehen.

Der danach verbleibende Betrag von ungefähr 24,5 Millionen Euro fließt in die freie Liquiditätsreserve der Anbieterin. Diese beabsichtigt zwar, damit Lemonaid oder andere nachhaltige Unternehmen und Projekte zu finanzieren. Eine rechtliche Verpflichtung, das Geld vollständig der LemonAid Beverages AG zur Verfügung zu stellen, besteht laut Prospekt jedoch nicht.

Das Angebot ist damit eher ein Teilverkauf durch die Eigentümerholding als ein gewöhnlicher Börsengang, bei dem frisches Kapital direkt in das operative Unternehmen fließt.

Der Preis setzt eine ambitionierte Bewertung voraus

Das Grundkapital der Gesellschaft ist in 5,75 Millionen Aktien aufgeteilt. Bei einem Angebotspreis von 39,90 Euro ergibt sich rechnerisch eine Bewertung des gesamten Eigenkapitals von rund 229,4 Millionen Euro.

Diese Bewertung entspricht ungefähr dem 7,5-Fachen des für 2024 angegebenen Umsatzes. Das ist für ein Unternehmen, das 2024 einen Verlust schrieb, anspruchsvoll. Der Prospekt enthält keine aktuelle Zwischenbilanz und keine Zwischen-Gewinn-und-Verlustrechnung. Anleger beurteilen ein Angebot aus dem Sommer 2026 somit im Wesentlichen anhand der geprüften Zahlen von Ende 2024 und einiger nachträglich genannter Kapitalmaßnahmen.

Eine nachvollziehbare Herleitung des Preises von 39,90 Euro anhand von Gewinnprognosen, Vergleichsunternehmen oder einem Bewertungsverfahren ist im Prospekt nicht ausführlich dargestellt. Der rechnerische Anteil einer Aktie am Grundkapital beträgt lediglich einen Euro. Das bedeutet nicht, dass die Aktie nur einen Euro wert ist – zeigt aber, wie groß der Aufschlag für Marke, Wachstumserwartungen und zukünftige Ertragschancen ausfällt.

Die Bilanz besitzt nur einen dünnen Puffer

2024 erzielte Lemonaid einen Rohertrag von rund 20,1 Millionen Euro. Durch gestiegene Personal- und sonstige betriebliche Kosten entstand operativ jedoch ein leichter Verlust. Unter dem Strich stand ein Jahresfehlbetrag von rund 231.000 Euro, nachdem 2023 noch ein Gewinn von etwa 511.000 Euro erzielt worden war.

Das Eigenkapital belief sich Ende 2024 auf lediglich rund 535.000 Euro bei einer Bilanzsumme von 19,45 Millionen Euro. Die Eigenkapitalquote lag damit bei nur etwa 2,8 Prozent. Gleichzeitig bestanden Verbindlichkeiten von rund zehn Millionen Euro und Rückstellungen von 7,84 Millionen Euro. Der größte Rückstellungsposten entfiel mit 5,49 Millionen Euro auf mögliche Pfandrückgaben.
Auch die Liquidität war zum Bilanzstichtag knapp: Die Bankguthaben sanken von rund 568.000 Euro auf nur noch 59.000 Euro. Das muss nicht bedeuten, dass Lemonaid zahlungsunfähig war, unterstreicht aber die im Prospekt ausdrücklich genannte hohe Kapitalbindung durch Vorräte, Forderungen und das Mehrwegsystem.

Bemerkenswert ist außerdem, dass im Vorjahr Ausschüttungen von insgesamt 800.000 Euro vorgenommen wurden. Das lag über dem Jahresgewinn 2023 und hat den ohnehin begrenzten Eigenkapitalpuffer reduziert.

Positiv ist, dass der Jahresabschluss von PricewaterhouseCoopers ohne Einwendungen testiert wurde. Die Wirtschaftsprüfer bestätigten, dass Abschluss und Lagebericht den gesetzlichen Vorgaben entsprechen und ein zutreffendes Bild vermitteln. Ein besonderer Warnhinweis zur Unternehmensfortführung wurde nicht ausgesprochen.

Im Jahr 2026 wurden zudem 300.000 Euro in die Kapitalrücklage eingezahlt und das Grundkapital von 50.000 Euro auf 5,75 Millionen Euro erhöht. Allerdings fehlen Pro-forma-Finanzinformationen, die zeigen würden, wie die aktuelle Bilanz nach diesen Maßnahmen und der Geschäftsentwicklung 2025 tatsächlich aussieht.

Dividenden sind vorerst nicht der Kern der Anlage

Die Aktien sind ab 2026 gewinnberechtigt und gewähren jeweils eine Stimme. Eine feste Dividende wird jedoch nicht versprochen. Lemonaid verfügt laut Prospekt über keine etablierte Dividendenpraxis und möchte zukünftige Gewinne teilweise im Unternehmen behalten, um Wachstum und Working Capital zu finanzieren.

Die Rendite der Anleger dürfte deshalb vor allem davon abhängen, ob der Wert der Aktie steigt und später ein Käufer gefunden wird. Genau das ist unsicher: Die Aktien sind derzeit nicht börsennotiert. Nach Ende des Angebots soll eine Aufnahme in den Freiverkehr der Börse München beantragt werden. Weder die Zulassung noch ein liquider Handel werden garantiert. Ein Verkauf könnte deshalb nur mit Verzögerung, mit deutlichem Abschlag oder überhaupt nicht möglich sein.

Auch nach einem vollständigen Verkauf aller angebotenen Aktien behält die Impact GmbH 82,6 Prozent der Stimmrechte. Die neuen Aktionäre halten zusammen lediglich 17,4 Prozent. Der Gründer bleibt damit klarer Mehrheitsaktionär und zugleich Vorstand. Die Prospektunterlagen weisen ausdrücklich auf mögliche Interessenkonflikte hin.

Fazit

Lemonaid ist kein substanzloses Versprechen. Das Unternehmen verfügt über eine bekannte Marke, einen erheblichen Umsatz, eine lange Historie und einen glaubwürdigen gesellschaftlichen Anspruch. Der geprüfte Jahresabschluss und die klare Darstellung zahlreicher Risiken sind weitere Pluspunkte.

Trotzdem ist die Aktie kein unkompliziertes Impact-Investment. Der Angebotspreis setzt eine sehr hohe Unternehmensbewertung voraus, während die letzten verfügbaren geprüften Zahlen einen Verlust, eine geringe Eigenkapitalquote und niedrige liquide Mittel zeigen. Hinzu kommt, dass der Verkaufserlös nicht unmittelbar an die LemonAid Beverages AG geht, sondern zunächst an die Eigentümerholding.

Wer die Aktie zeichnet, kauft daher nicht nur fair gehandelte Limonade mit Stimmrecht. Er setzt darauf, dass Lemonaid kräftig wächst, wieder nachhaltig profitabel wird und die ambitionierte Bewertung eines Tages rechtfertigt. Der soziale Mehrwert kann ein gutes Kaufmotiv sein – ersetzt aber weder eine belastbare Bewertung noch einen realistischen Blick auf das Totalverlustrisiko.

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