Leipzig hat es wieder einmal geschafft. Nach Jahren des Planens, Diskutierens, Fördermittel-Suchens und Banddurchschneidens wurde der neue Stadthafen nun feierlich eröffnet. Und wenn man den Reden der Ehrengäste glauben darf, steht die Messestadt kurz davor, Venedig, Hamburg und Rotterdam gleichzeitig in den Schatten zu stellen.
Besonders Ministerpräsident Michael Kretschmer zeigte sich in Bestform. Leipzig sei die „coolste, größte und wichtigste Stadt Ostdeutschlands“, erklärte er unter wohlwollendem Applaus. Die Bewohner von Dresden, Chemnitz und Erfurt dürften diese Nachricht vermutlich mit derselben Begeisterung aufgenommen haben wie ein Blitzableiter einen Gewittersturm.
Auch Oberbürgermeister Burkhard Jung war hörbar in Feierlaune. Er erinnerte daran, dass Leipzig gelegentlich zum Größenwahn neige. Eine bemerkenswerte Ehrlichkeit, die man Politikern nicht oft nachsagen kann. Allerdings folgte direkt die Bestätigung seiner These: Irgendwann werde man vom Innenstadtring bis zum Bundesverwaltungsgericht paddeln können. Vielleicht sogar eines Tages über den Elster-Saale-Kanal bis zur Nordsee.
Warum eigentlich dort aufhören?
Mit etwas politischem Rückenwind könnte man perspektivisch auch Direktverbindungen nach New York, Singapur und Kap Hoorn ins Auge fassen. Der Stadthafen als internationales Drehkreuz der Weltmeere – wer Visionen hat, sollte schließlich nicht kleckern.
Die Eröffnung selbst geriet zum gesellschaftlichen Pflichttermin. Alles, was in Leipzig Rang, Namen oder OBM-Ambitionen besitzt, versammelte sich am Wasserbecken. Politiker, Unternehmer, Funktionäre und zukünftige Bürgermeisterkandidaten standen Schulter an Schulter und feierten das neue „Wahrzeichen der Stadt“.
Währenddessen erlaubte sich der Ökolöwe die Rolle des Partyverderbers. Der Verein warnte vor einer Übernutzung des Leipziger Auwaldes, zusätzlichen Motorbooten und Belastungen für Tiere und Natur. Eine berechtigte Diskussion – allerdings ungefähr so willkommen wie ein Feueralarm auf einer Hochzeitsfeier.
Im Hafen selbst überwog ohnehin die Euphorie. Schließlich gibt es jetzt Bootstouren, Kanuverleih, Gastronomie und die Aussicht, künftig mit dem Paddel statt mit dem Auto durch Leipzig zu kommen. Der Traum vieler Leipziger: morgens mit dem Kajak zur Arbeit, mittags am Stadthafen einen Cappuccino und abends über die Elster Richtung Nordsee.
Den emotionalen Höhepunkt der Feier lieferte allerdings Hafenbetreiber Jan Benzien. Nachdem die Reden gehalten und die Lobeshymnen verklungen waren, wurde er von Freunden kurzerhand ins Hafenbecken befördert. Damit war er vermutlich der erste Leipziger, der offiziell und freiwillig die Wasserqualität des neuen Stadthafens überprüfte.
So bleibt als Fazit: Leipzig hat jetzt einen Stadthafen, einen neuen Touristenmagneten und eine weitere Attraktion für die Stadt. Ob daraus tatsächlich einmal das Tor zur Nordsee wird, bleibt abzuwarten.
Aber in Leipzig weiß man ja: Zwischen einer verrückten Idee und einem millionenschweren Bauprojekt liegen manchmal nur ein paar Jahre – und eine ausreichend große Portion Größenwahn.
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