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Krebs mit 25 Jahren: Plötzlich wurde die Frage nach eigenen Kindern dringend

HtcHnm (CC0), Pixabay
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Mit 37 Jahren hielt Elle Crofton schließlich ihren Sohn Harry im Arm. Zwölf Jahre zuvor war kaum absehbar, ob dieser Moment jemals möglich sein würde.

An ihrem 25. Geburtstag saß Crofton im MD Anderson Cancer Center der University of Texas und wartete auf eine Diagnose, die ihr Leben grundlegend verändern sollte. Zuvor hatte sie ihre starke Erschöpfung auf lange Arbeitswochen und intensives Training zurückgeführt. Doch dahinter steckte keine Überlastung.

Bei ihr wurde ein myelodysplastisches Syndrom (MDS) festgestellt, eine seltene Erkrankung des Knochenmarks, die vor allem bei wesentlich älteren Menschen auftritt.

Die Behandlung bot ihr eine Chance, die Krankheit zu überleben. Gleichzeitig bedrohten Chemotherapie und Stammzelltransplantation jedoch ihre Möglichkeit, später eigene Kinder zu bekommen.

Damit musste sich eine 25-Jährige neben ihrer Krebserkrankung plötzlich mit einer Frage beschäftigen, die sie eigentlich erst Jahre später beantworten wollte: Will ich einmal Kinder – und was muss ich heute tun, damit diese Möglichkeit überhaupt bestehen bleibt?

Krebs trifft zunehmend auch jüngere Erwachsene

Croftons Geschichte steht für ein Problem, mit dem sich die Medizin verstärkt auseinandersetzt.

Zwar sind die Sterberaten bei Krebserkrankungen über Jahrzehnte gesunken, gleichzeitig werden jedoch bestimmte Krebsarten zunehmend auch bei jüngeren Erwachsenen diagnostiziert.

Nach Angaben des US-amerikanischen National Cancer Institute nahm zwischen 2010 und 2019 die Häufigkeit von 14 Krebsarten bei Menschen unter 50 Jahren zu. Eine eindeutige Erklärung für diese Entwicklung gibt es bislang nicht.

In den USA erhalten jedes Jahr etwa 80.000 Menschen zwischen 20 und 39 Jahren eine Krebsdiagnose.

Für viele dieser Patienten geht es deshalb nicht allein darum, die Erkrankung zu überleben. Eine Krebstherapie kann Entscheidungen über Partnerschaft, Familienplanung und Kinderwunsch um Jahre vorverlegen.

Warum Krebsbehandlungen die Fruchtbarkeit gefährden können

Sowohl eine Krebserkrankung selbst als auch ihre Behandlung können Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit haben.

Bestimmte Tumorerkrankungen betreffen unmittelbar die Fortpflanzungsorgane. Dazu gehören beispielsweise Erkrankungen der Eierstöcke, Hoden, Gebärmutter oder des Gebärmutterhalses.

Darüber hinaus können Chemotherapie und Strahlentherapie Eizellen, Spermien und Gewebe des Fortpflanzungssystems schädigen.

Für junge Patienten bedeutet das: Noch bevor die eigentliche Krebsbehandlung beginnt, kann bereits eine weitere medizinische Entscheidung notwendig werden.

Sollten Eizellen oder Spermien vorsorglich eingefroren werden?

Und bleibt dafür überhaupt genügend Zeit?

Fruchtbarkeit ist nach der Krebsdiagnose oft zunächst kein Thema

Terri Woodard, Professorin für gynäkologische Onkologie und Reproduktionsmedizin am MD Anderson Cancer Center, leitet dort ein Programm zur sogenannten Onkofertilität.

Ihre Erfahrung zeigt, dass viele Betroffene bei ihrer Krebsdiagnose zunächst überhaupt nicht daran denken, welche Folgen die Behandlung für ihre spätere Familienplanung haben könnte.

Das ist nachvollziehbar. Wer gerade erfahren hat, an Krebs erkrankt zu sein, beschäftigt sich zunächst mit Überlebenschancen, Behandlungsmöglichkeiten und der unmittelbaren Zukunft.

Die Frage, ob man vielleicht zehn Jahre später Kinder haben möchte, kann in diesem Moment weit entfernt erscheinen.

Dennoch kann genau zu diesem Zeitpunkt eine Entscheidung notwendig sein.

Eizellen einfrieren bedeutet nicht automatisch Kinderwunsch

Die Möglichkeiten der Fruchtbarkeitserhaltung haben sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt.

Als Crofton 2015 ihre Eizellen einfrieren ließ, war dieses Thema noch weniger fest in die Krebsbehandlung integriert als heute. Mittlerweile haben große US-Krebszentren eigene Programme aufgebaut, die Onkologie und Reproduktionsmedizin miteinander verbinden.

Dabei geht es nicht darum, junge Krebspatienten zu einer späteren Elternschaft zu bewegen.

Das Einfrieren von Eizellen oder Spermien kann vielmehr eine Möglichkeit bewahren, deren Bedeutung sich erst viele Jahre später zeigt.

Auch Menschen, die zum Zeitpunkt ihrer Diagnose keine Kinder planen, können sich dafür entscheiden, ihre Fruchtbarkeit vorsorglich zu sichern. Denn Lebenspläne können sich verändern.

Gleichzeitig bedeutet eine Krebsbehandlung nicht automatisch Unfruchtbarkeit. Manche ehemalige Patienten können später auf natürlichem Weg Kinder bekommen. Andere nutzen gespendete Eizellen oder Embryonen oder entscheiden sich für Adoption.

Für Crofton wurde die Zeit plötzlich knapp

Crofton hatte schon lange gewusst, dass sie eines Tages Kinder haben wollte. Sie arbeitete im Bereich der frühkindlichen Bildung und hatte zuvor jahrelang als Nanny gearbeitet.

Nach ihrer Diagnose im Mai 2013 erhielt sie zunächst ein Medikament, das ihre Erkrankung möglichst mehrere Jahre stabilisieren sollte.

Doch bereits nach rund 18 Monaten verlor die Behandlung ihre Wirkung.

Ihr Körper konnte zunehmend schlechter gesunde rote Blutkörperchen produzieren. Damit rückte eine Stammzelltransplantation plötzlich deutlich näher.

Und mit ihr die intensive Chemotherapie, die ihre Fruchtbarkeit gefährden konnte.

Crofton musste deshalb zwei Risiken gegeneinander abwägen: Eine Verzögerung der Krebsbehandlung durfte ihre Gesundheit nicht gefährden. Gleichzeitig benötigte sie Zeit, um Eizellen entnehmen und einfrieren zu lassen.

Die Krebsbehandlung hatte selbstverständlich Vorrang.

Nur ein Versuch vor der Stammzelltransplantation

Bei einer Fruchtbarkeitsbehandlung werden üblicherweise möglichst mehrere reife Eizellen gewonnen.

Denn nicht jede eingefrorene Eizelle führt später zu einem Embryo und nicht jeder Embryo zu einer erfolgreichen Schwangerschaft.

Bereits beim Auftauen können Eizellen verloren gehen. Weitere Ausfälle können bei der Befruchtung und während der Entwicklung zum Embryo auftreten.

Bei Krebspatientinnen besteht zusätzlich ein entscheidendes Problem: Zeit.

Eine notwendige Chemotherapie oder Stammzelltransplantation kann häufig nicht über längere Zeit verschoben werden, nur um mehrere Zyklen zur Eizellentnahme durchführen zu können.

Bei Crofton gelang es den Ärzten im März 2015, die Stammzelltransplantation so lange aufzuschieben, dass ein Zyklus möglich wurde.

Das Ergebnis: neun eingefrorene Eizellen.

Niemand konnte ihr damals versprechen, dass daraus irgendwann ein Kind entstehen würde.

Fruchtbarkeitserhaltung kann zehntausende Dollar kosten

Neben dem medizinischen Zeitdruck gibt es insbesondere in den USA ein weiteres Problem: die Kosten.

Eine einzelne Behandlung zur Gewinnung und zum Einfrieren von Eizellen kann nach Angaben der im ursprünglichen Bericht zitierten Spezialistin etwa 8.000 bis 12.000 US-Dollar kosten.

Hinzu kommen unter anderem Lagerung, Transport, späteres Auftauen, Befruchtung, Embryonenentwicklung und Transfer.

Insgesamt können dadurch Kosten von 15.000 bis 20.000 Dollar entstehen.

Versicherungen übernehmen diese Ausgaben nicht immer.

Gerade jüngere Erwachsene stehen damit vor einer erheblichen finanziellen Belastung. Viele befinden sich noch im Studium, in der Ausbildung oder am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn.

Eine schwere Erkrankung kann damit nicht nur zur gesundheitlichen, sondern auch zur finanziellen Herausforderung für eine spätere Familienplanung werden.

Nach der Therapie musste Crofton ihr Leben neu aufbauen

Crofton überstand ihre Behandlung.

Während dieser Zeit lebte sie bei ihren Eltern in Houston. Danach kehrte sie nach Philadelphia zurück und ließ ihre eingefrorenen Eizellen dorthin transportieren.

Doch die Krankheit hatte ihren ursprünglichen Lebensplan verändert.

Jahre, in denen Freunde Partnerschaften eingingen, Häuser kauften oder Familien gründeten, hatte Crofton mit Behandlung und Genesung verbracht.

Mit 35 Jahren traf sie schließlich eine Entscheidung: Sie wollte ihren Kinderwunsch nicht länger davon abhängig machen, zunächst den richtigen Partner zu finden.

Sie entschied sich, allein Mutter zu werden.

Dafür wählte sie einen Samenspender aus und ließ ihre Jahre zuvor eingefrorenen Eizellen auftauen.

Von neun Eizellen blieb ein Embryo

Nun zeigte sich, wie unsicher eine Fruchtbarkeitsbehandlung trotz moderner Medizin sein kann.

2015 waren neun Eizellen eingefroren worden.

Beim späteren Auftauen überlebten davon drei.

Diese wurden mit dem Sperma eines Spenders befruchtet.

Am Ende entwickelte sich daraus ein einziger Embryo, der für einen Transfer geeignet war.

Dieser eine Embryo führte zur Schwangerschaft.

Crofton wurde Mutter eines Sohnes.

Sie nannte ihn Harry.

Mehr als ein Jahrzehnt nach der Diagnose

Viele Jahre nachdem Terri Woodard Crofton als junge Krebspatientin kennengelernt und sie bei der Sicherung ihrer Fruchtbarkeit begleitet hatte, trafen sich beide wieder.

Dieses Mal ging es nicht um Krebsbehandlung, Chemotherapie oder eingefrorene Eizellen.

Crofton stand mit ihrem Baby vor ihr.

Aus neun Eizellen war nach mehr als einem Jahrzehnt, einer schweren Erkrankung, einer Stammzelltransplantation und einem langen Weg zur Familiengründung schließlich ein Kind geworden.

Warum Gespräche über Kinderwunsch zur Krebsbehandlung gehören

Croftons Geschichte verdeutlicht, warum Fruchtbarkeit bei jungen Krebspatienten möglichst früh angesprochen werden sollte.

Eine Krebsdiagnose stellt zunächst das Überleben in den Mittelpunkt. Gleichzeitig können Entscheidungen vor Beginn der Behandlung Auswirkungen auf das gesamte spätere Leben haben.

Dabei geht es nicht darum, dass jeder junge Patient Eizellen oder Spermien einfrieren muss.

Es geht darum, Betroffene rechtzeitig darüber zu informieren, welche Folgen die Erkrankung und ihre Behandlung für die Fruchtbarkeit haben können und welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen.

Denn eine 25-jährige Patientin weiß möglicherweise noch nicht, ob sie mit 35 oder 40 Jahren Kinder haben möchte.

Eine Krebstherapie kann jedoch dazu führen, dass sie sich bereits mit 25 Jahren damit auseinandersetzen muss.

Für Elle Crofton wurde diese Entscheidung viele Jahre später von entscheidender Bedeutung.

Von ihren ursprünglich neun eingefrorenen Eizellen führte am Ende nur eine Entwicklung zu einem übertragbaren Embryo.

Und aus diesem Embryo wurde ihr Sohn Harry.

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