Startseite Allgemeines Kapitalismus zum Anstehen: Zürich feiert die neue „Royal Pop“
Allgemeines

Kapitalismus zum Anstehen: Zürich feiert die neue „Royal Pop“

skefalacca (CC0), Pixabay
Teilen

Es ist Samstagmorgen, 4 Grad, Zürich Bahnhofstrasse. Andere Menschen schlafen aus oder trinken Kaffee. Hunderte Männer hingegen stehen seit Stunden vor einem Swatch-Store, um eine Plastikuhr zu kaufen, die aussieht wie eine Luxusikone – nur günstiger und in knalligen Farben.

Die neue „Royal Pop“, eine Kooperation zwischen Swatch und Audemars Piguet, sorgt für Zustände irgendwo zwischen Apple-Launch, Schlussverkauf und sozialwissenschaftlichem Feldexperiment.

90 Prozent der Wartenden sind männlich. Viele haben die Nacht auf dem Trottoir verbracht. Nicht etwa aus Liebe zur Uhrmacherkunst – sondern weil sich mit einer Uhr für 350 Franken offenbar innerhalb von Minuten das nächste Wochenendbudget erwirtschaften lässt.

Kaum öffnete der Laden früher als geplant, begann vor der Tür der spontane Freiluft-Schwarzmarkt. Frisch gekaufte „Royal Pops“ wurden direkt wieder weiterverkauft – für 1000, 2000 oder gleich 3000 Franken. Der Sekundärmarkt funktioniert inzwischen schneller als die Schweizer Bahn.

Besonders engagierte Wiederverkäufer kauften die Uhr bereits am Flughafen Zürich, stiegen danach gemütlich in den Zug und verkauften sie den Wartenden vor dem Laden mit mehreren hundert Franken Aufschlag. Man könnte es moderne Wertschöpfung nennen. Oder einfach: sehr kreative Arbeitsverweigerung.

Vor Ort kam es immer wieder zu Streit. Menschen beschuldigten sich gegenseitig des Vordrängelns, filmten einander wie bei einer Realityshow und diskutierten mit Security-Mitarbeitern über den „Ehrenkodex der Schlange“. Ein Satz, den man bisher eigentlich nur aus dystopischen Netflix-Serien kannte.

Die Sicherheitskräfte wirkten leicht resigniert. „Die Mehrheit bestimmt“, erklärte ein Mitarbeiter achselzuckend. Demokratie, aber für Luxusplastik.

Swatch-CEO Vivian Stauffer zeigte sich derweil begeistert vom Massenauflauf. Audemars Piguet stehe für Ikone, Swatch für Popkultur, gemeinsam habe man „etwas Schönes gemacht“. Vermutlich meint er damit die seltene Fähigkeit, erwachsene Menschen freiwillig fünf Tage vor einem Geschäft campieren zu lassen.

Beruhigend auch seine Botschaft an alle, die leer ausgehen: Die Uhr werde noch „drei bis vier Monate“ erhältlich sein. Eine Information, die denjenigen besonders gefallen dürfte, die gerade 3000 Franken beim Typen aus der Warteschlange bezahlt haben.

Die „Royal Pop“ orientiert sich optisch an der legendären Royal Oak von Audemars Piguet – jener Uhr, für die Fans sonst problemlos sechsstellige Summen ausgeben. Nun gibt es die Designidee also auch als farbenfrohe Einstiegsdroge für den ambitionierten Hype-Konsumenten.

Mehr als 1000 Menschen sollen zwei Jahre lang heimlich an dem Projekt gearbeitet haben. Das Ergebnis: Erwachsene Männer streiten sich im Morgengrauen um eine Uhr, die noch vor Verkaufsstart bereits auf Ricardo angeboten wird.

Die Schweizer Uhrenindustrie nennt das vermutlich Markenstrategie. Außenstehende nennen es eher eine sehr teure Form kollektiver Langeweile.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Aphrodite: Wie die Göttin der Liebe zum umstrittensten Schönheitsideal der Kunstgeschichte wurde

Seit rund 3.000 Jahren steht Aphrodite für Schönheit, Liebe und menschliches Begehren....

Allgemeines

Durchsuchungen bei Ex-Prinz Andrew waren rechtswidrig – Ermittlungen gehen trotzdem weiter

Eine juristische Niederlage für die britische Polizei im Fall Andrew Mountbatten-Windsor: Der...

Allgemeines

Frankfurter Börse am 8. Oktober 2026: DAX unter 25.000 Punkten – Autoaktien und Nebenwerte verlieren kräftig

Der deutsche Aktienmarkt hat am Donnerstag weitere Verluste verzeichnet. Der DAX fiel...

Allgemeines

Deutsche Messwesen GmbH: Kritik an Smart-Meter-Schreiben – Unternehmen weist Vorwürfe zurück

Die bundesweite Werbung der Deutschen Messwesen für intelligente Stromzähler hat bei Verbrauchern...