Das pazifistische Land möchte künftig Krieg verhindern – mit mehr Waffen
Lange Zeit war Japan das Musterbeispiel einer Nation, die nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs auf militärische Zurückhaltung setzte.
Nun scheint Tokio zu einer bemerkenswerten Erkenntnis gelangt zu sein:
Wenn man verhindern will, dass irgendwo Krieg ausbricht, braucht man möglicherweise erst einmal mehr Kriegsschiffe.
Japans Verteidigungsminister Shinjiro Koizumi erklärte der BBC jedenfalls, sein Land müsse seine Verteidigungsfähigkeiten deutlich stärken. Ziel sei es, Frieden zu sichern.
Das ist die Art von Logik, die in Verteidigungsministerien rund um die Welt traditionell hervorragend funktioniert.
Aus Pazifismus wird Exportgeschäft
Besonders stolz ist die japanische Regierung auf eine Neuerung, die vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar gewesen wäre.
Zum ersten Mal seit rund einem halben Jahrhundert darf Japan wieder Waffen und militärische Ausrüstung exportieren.
Australien kauft bereits japanische Kriegsschiffe.
Die Philippinen interessieren sich für ausgemusterte Zerstörer.
Indonesien führt Gespräche.
Neuseeland schaut ebenfalls interessiert vorbei.
Anders formuliert:
Japan hat Jahrzehnte damit verbracht zu erklären, warum es kein normales Militär braucht – und verkauft nun Kriegsschiffe an die halbe Pazifikregion.
Die Verfassung wird zum Museumsstück
Seit 1947 enthält Japans Verfassung den berühmten Artikel 9.
Darin verzichtet das Land auf Krieg als Mittel der Politik und erklärt sogar, keine Streitkräfte zu unterhalten.
Das Problem ist nur:
Japan besitzt längst Streitkräfte.
Sie heißen lediglich anders.
Offiziell handelt es sich um „Selbstverteidigungsstreitkräfte“.
Praktisch verfügen sie über moderne Kampfjets, Kriegsschiffe, Raketenabwehrsysteme und hochprofessionelle Soldaten.
Es ist ein wenig so, als würde jemand mit einem Ferrari vorfahren und darauf bestehen, dass es sich eigentlich um ein Fahrrad handelt.
China als Dauerargument
Der eigentliche Treiber der japanischen Aufrüstung sitzt allerdings nicht in Tokio, sondern in Peking.
China baut seine Streitkräfte seit Jahren massiv aus.
Flugzeugträger kreuzen zunehmend im Pazifik.
Die Spannungen um Taiwan nehmen zu.
Und die umstrittenen Senkaku-Inseln sorgen regelmäßig für diplomatische Verstimmungen.
Für Japan ist China inzwischen das, was Russland für viele europäische Verteidigungsminister geworden ist:
Die universelle Begründung für steigende Militärausgaben.
Der amerikanische Weckruf
Hinzu kommt der Druck aus Washington.
Die USA stellen seit Jahrzehnten den Schutzschirm für Japan bereit.
Doch unter Donald Trump gilt zunehmend ein einfaches Prinzip:
Wer Schutz möchte, soll gefälligst selbst mehr bezahlen.
Der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth formulierte es zuletzt wenig diplomatisch:
Die Zeit, in der die USA die Verteidigung wohlhabender Staaten subventionieren, sei vorbei.
Übersetzt bedeutet das:
Liebe Verbündete, wir helfen euch weiterhin – aber die Rechnung kommt jetzt direkt.
Zwei Prozent und kein Ende
Japans Premierministerin Sanae Takaichi hat die Verteidigungsausgaben bereits auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht.
Damit verdoppelt das Land faktisch seinen jahrzehntelangen Nachkriegsstandard.
Investiert wird in Raketen, Drohnen, Kriegsschiffe und neue Technologien.
Wirtschaftsexperten sehen bereits einen neuen Boom für Japans Rüstungsindustrie.
Manche Manager dürften inzwischen feststellen, dass sich Frieden zwar gut anhört, Verteidigungsausgaben aber oft die besseren Quartalszahlen liefern.
Die große semantische Operation
Interessant ist dabei, wie sorgfältig die Sprache gewählt wird.
Niemand spricht von Aufrüstung.
Niemand spricht von Militarisierung.
Niemand spricht von einer Armee.
Stattdessen ist von Abschreckung, Verteidigungsfähigkeit, Resilienz und regionaler Stabilität die Rede.
Die Panzer bleiben dieselben.
Nur die Wortwahl wird freundlicher.
Die Bevölkerung ist skeptisch
Nicht alle Japaner verfolgen diese Entwicklung begeistert.
Die Debatte über eine Verfassungsänderung hat die größten Friedensproteste seit Jahren ausgelöst.
Viele Bürger sehen die pazifistische Nachkriegsordnung als Kern der modernen japanischen Identität.
Andere halten sie für ein Relikt aus einer Zeit, in der China noch keine globale Militärmacht war und Nordkorea keine Raketen über Japan hinwegschickte.
Die neue Realität
Am Ende steht Japan vor einem historischen Wandel.
Das Land, das sich nach 1945 bewusst von militärischer Macht distanzierte, bewegt sich Schritt für Schritt in Richtung eines „normalen“ Verteidigungsstaates.
Nicht mit revolutionären Schritten.
Nicht mit martialischen Reden.
Sondern typisch japanisch:
Sorgfältig geplant, höflich formuliert und mit vielen Sitzungen vorbereitet.
Fazit
Japan möchte weiterhin ein pazifistisches Land sein.
Es möchte Frieden sichern.
Es möchte Stabilität garantieren.
Es möchte keine Kriege führen.
Und genau deshalb kauft und verkauft es inzwischen Kriegsschiffe, erhöht massiv seine Verteidigungsausgaben und diskutiert über eine Verfassungsänderung.
Man könnte sagen:
Der Pazifismus lebt in Japan weiter.
Er trägt inzwischen nur deutlich mehr Tarnfarbe.
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