Japan entwickelt sich für junge Britinnen und Briten zunehmend zum Sehnsuchtsziel. Mount Fuji, dampfende Ramen-Schalen, Anime, Tempel, Neonlichter und kleine Bergdörfer dominieren längst TikTok und Instagram – und genau diese Bilder scheinen immer mehr Menschen zu einer Reise zu bewegen.
Die Zahlen bestätigen den Trend: 483.157 britische Touristen reisten 2025 nach Japan. Das waren 24,8 Prozent mehr als im Vorjahr und sogar 40,8 Prozent mehr als 2019, dem wichtigen Vergleichsjahr vor der Pandemie. Vorläufige Daten für 2026 deuten darauf hin, dass der Boom anhält.
Für viele junge Reisende ist Social Media dabei ein entscheidender Auslöser. Wer auf TikTok nach Japan sucht, stößt beinahe zwangsläufig auf Bilder des Mount Fuji, die roten Torii-Tore von Fushimi Inari in Kyoto, das grelle Nachtleben von Osaka oder die berühmte Shibuya-Kreuzung in Tokio.
Maitri Sanghvi, 24, beschreibt, wie Japan in ihrem Social-Media-Feed immer wieder auftauchte. Schließlich reiste sie mit ihrem Freund für drei Wochen dorthin. Auch andere junge Briten berichten, dass die Bilder und Videos anderer Reisender ihren Wunsch verstärkt hätten, Japan selbst zu erleben.
Ein schwacher Yen macht Japan zusätzlich attraktiv
Ein weiterer Grund für den Reiseboom ist wirtschaftlicher Natur: Der japanische Yen ist stark gefallen. Im Juli erreichte er gegenüber anderen Währungen ein 40-Jahres-Tief.
Für Touristen aus Großbritannien bedeutet das: Der Flug nach Japan kann weiterhin teuer sein, vor Ort aber ist vieles überraschend günstig. Hin- und Rückflüge mit Zwischenstopp beginnen außerhalb der Hauptsaison laut dem Bericht bei rund 450 Pfund.
Besonders die Preise für Essen überraschen viele Besucher. Eine junge Reisende schwärmt davon, dass man in Japan für drei oder vier Pfund eine ausgezeichnete Schüssel Ramen bekommen könne, während vergleichbares Essen in Großbritannien deutlich teurer sei.
Auch Shopping gehört inzwischen fest zum Japan-Erlebnis vieler junger Touristen. Videos, in denen Reisende ihre Einkäufe präsentieren – von besonderen KitKat-Sorten über Kosmetik und Schreibwaren bis hin zu Kleidung – erzielen in sozialen Netzwerken große Aufmerksamkeit.
Ein 23-jähriger Besucher berichtet sogar, so viele Snacks, Matcha-Produkte, Kleidungsstücke und Hautpflegeartikel gekauft zu haben, dass er vor dem Rückflug einen zusätzlichen Koffer benötigte.
Tokio, Kyoto, Osaka – alle reisen auf derselben Route
Viele Besucher folgen dabei nahezu derselben Strecke. Die sogenannte „Golden Route“ führt über Tokio, Kyoto und Osaka, ergänzt um Tagesausflüge etwa nach Nara, Hiroshima oder zum Mount Fuji.
Die Route ist verständlicherweise beliebt. Zwischen den großen Städten bestehen gute Verkehrsverbindungen, und auf vergleichsweise engem Raum finden sich zahlreiche der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Japans.
Doch genau darin liegt zunehmend ein Problem.
Je mehr Videos dieselben Orte als angebliche Geheimtipps präsentieren, desto stärker konzentriert sich der Tourismus auf einzelne Straßen, Tempel, Aussichtspunkte und Fotomotive.
Wenn der Instagram-Traum zum Problem wird
In Japan wächst die Kritik am Overtourism.
Reiseführerin Chiyuki Izumii berichtet von Touristen, die sich in Buswarteschlangen vordrängeln, mit großen Koffern Wege blockieren, nachts laut sind, verbotene Bereiche für Fotos betreten oder sogar ihre Initialen in Bäume des berühmten Bambuswaldes von Kyoto ritzen.
Einige Behörden reagieren inzwischen deutlich.
Die Stadt Fujikawaguchiko nahe dem Mount Fuji sagte wegen wiederholter Probleme mit Besuchern ihr diesjähriges Kirschblütenfest ab. Im Tokioter Stadtteil Shibuya werden seit Juni zudem Geldstrafen für weggeworfenen Müll direkt vor Ort verhängt.
Auch die landesweite Tourismusabgabe wurde im Juli erhöht: Statt 1.000 Yen zahlen internationale Besucher beim Verlassen Japans nun 3.000 Yen. Die zusätzlichen Einnahmen sollen unter anderem in den öffentlichen Verkehr und die Restaurierung historischer Stätten fließen.
Drei Stunden warten – für eine einzige Attraktion
Manche junge Besucher sind von den Menschenmassen regelrecht überrascht.
Die 21-jährige Anime-Fanin Millie Dring hatte zwar mit vielen Touristen gerechnet, aber nicht mit dem tatsächlichen Ausmaß. Im Freizeitpark DisneySea nahe Tokio war es nach ihren Angaben so voll, dass sie und ihre Freundin während ihres Aufenthalts nur eine einzige Attraktion nutzen konnten – nach drei Stunden Wartezeit.
Andere Besucher beginnen inzwischen selbst, den Einfluss sozialer Medien kritisch zu hinterfragen.
Sam Corbett berichtet, einige Orte nur deshalb besucht zu haben, weil sie online ständig auftauchten. Vor einem angesagten Dessertladen in Kyoto habe sich eine lange Schlange gebildet – allerdings habe er dort keinen einzigen Einheimischen gesehen.
Auch Orte wie der Bambuswald von Arashiyama oder bekannte Torii-Tore seien teilweise von Menschenmengen geprägt gewesen, die vor allem versuchten, das perfekte Instagram-Foto zu bekommen.
Japan zwischen Faszination und Überforderung
Der aktuelle Japan-Boom zeigt eindrucksvoll, wie stark soziale Medien inzwischen Reiseentscheidungen beeinflussen können.
Japan bietet tatsächlich vieles von dem, was online so faszinierend aussieht: eine eigenständige Kultur, außergewöhnliche Küche, hochmoderne Metropolen, beeindruckende Natur und eine jahrhundertealte Geschichte. Der schwache Yen macht das Land für ausländische Besucher zusätzlich attraktiv.
Doch der Erfolg bringt neue Herausforderungen mit sich.
Wenn Hunderttausende Reisende denselben TikTok-Videos folgen, dieselben Restaurants besuchen und vor denselben Fotomotiven Schlange stehen, verändert das zwangsläufig auch die Orte selbst. Ein Reiseziel, das wegen seiner Einzigartigkeit gesucht wird, kann durch zu viel Aufmerksamkeit einen Teil genau dieser Einzigartigkeit verlieren.
Gleichzeitig gibt es Reisende, die darin keinen Widerspruch sehen. Sie wollen sowohl das „authentische“ Japan als auch die bekannten Sehenswürdigkeiten erleben – und haben kein Problem damit, sich selbst als Touristen zu begreifen.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Herausforderung des Japan-Booms: Nicht darin, weniger zu reisen, sondern bewusster.
Denn zwischen dem perfekten Mount-Fuji-Foto und der nächsten viralen Ramen-Empfehlung leben Menschen, deren Heimat längst selbst zum weltweiten Social-Media-Trend geworden ist.
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