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David Bowie der Rebell

SCAPIN (CC0), Pixabay
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Schon als Teenager ein Rebell: Wie David Bowie früh gegen Konventionen aufbegehrte

Lange bevor David Bowie zu einer der außergewöhnlichsten Figuren der Popgeschichte wurde, bevor Ziggy Stardust, „Space Oddity“ und all die radikalen Neuerfindungen kamen, war eines bereits erkennbar: Dieser junge Mann wollte sich nicht vorschreiben lassen, wie er auszusehen, zu leben oder zu denken hatte.

Am 12. November 1964 saß der damals 17-jährige David Jones, wie Bowie noch hieß, in einem BBC-Fernsehstudio und sprach über ein Thema, das heute fast kurios wirkt: die Diskriminierung von Männern mit langen Haaren. Bowie war Gründer einer augenzwinkernd benannten Vereinigung zum Schutz langhaariger Männer und erklärte im Fernsehen, die ständigen abwertenden Kommentare gegenüber jungen Männern mit längeren Haaren müssten endlich aufhören.

Was zunächst wie ein cleverer PR-Gag wirkte, offenbarte bereits etwas, das seine gesamte Karriere prägen sollte: Bowie hatte ein feines Gespür dafür, wo gesellschaftliche Normen Menschen einengten – und er hatte Freude daran, genau diese Normen herauszufordern.

Lange Haare als gesellschaftlicher Affront

Heute würde Bowies Frisur aus dem Jahr 1964 kaum Aufmerksamkeit erregen. Damals aber war das anders.

In Großbritannien der 1960er-Jahre standen lange Haare bei Männern stellvertretend für einen Generationenkonflikt. Für viele Angehörige der älteren Generation gehörten kurze Haare zu Disziplin, Respektabilität und gesellschaftlicher Ordnung. Junge Männer mit längeren Haaren galten dagegen schnell als aufsässig oder unseriös.

Die Folgen konnten durchaus real sein. Schüler wurden wegen ihrer Frisur von Schulen verwiesen, junge Männer hatten Schwierigkeiten am Arbeitsplatz. 1969 legten Beschäftigte eines britischen Industriebetriebs sogar die Arbeit nieder, weil sich ein 20-jähriger Schweißer weigerte, seine langen Haare schneiden zu lassen.

Vor diesem Hintergrund hatte Bowies vermeintlicher Scherz einen durchaus ernsten Kern.

Er erklärte damals sinngemäß, er sehe keinen Grund, warum Menschen wegen ihrer Frisur verfolgt oder ausgegrenzt werden sollten. Sollte jemand wegen langer Haare aus einer Fabrik entlassen oder aus einem Lokal geworfen werden, wolle seine Gruppe Petitionen organisieren.

Der spätere Bowie war bereits zu erkennen

Die Aktion war vermutlich auch Werbung für seine noch junge Musikkarriere. Bowie war damals bereits als Sänger aktiv und hatte wenige Monate zuvor mit „Davie Jones and the King Bees“ einen BBC-Auftritt absolviert.

Doch selbst wenn die Kampagne teilweise inszeniert war, passt sie erstaunlich gut zu dem Künstler, der später aus David Jones werden sollte.

Bowie probierte in den folgenden Jahren immer wieder neue musikalische und modische Identitäten aus. Er trat zunächst im Mod-Look auf, experimentierte später mit Hippie-Einflüssen und suchte jahrelang nach einem eigenen künstlerischen Ausdruck.

Auch sein Name änderte sich. Weil es bereits den Sänger Davy Jones von den Monkees gab, wählte er schließlich den Künstlernamen David Bowie, inspiriert vom amerikanischen Grenzgänger Jim Bowie. 1969 gelang ihm mit „Space Oddity“ der große Durchbruch.

Vom langen Haar zu Ziggy Stardust

Was 1964 mit der Verteidigung langer Haare begann, entwickelte sich bald zu einem viel größeren künstlerischen Spiel mit Identität.

Auf dem Cover von „The Man Who Sold the World“ zeigte sich Bowie mit langen Haaren und in einem Kleid. 1972 erschuf er die androgyne Kunstfigur Ziggy Stardust.

Damit stellte Bowie traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit, Sexualität und Geschlechterrollen offen infrage. Menschen, die zuvor gesellschaftlich eher am Rand standen, sahen plötzlich einen international erfolgreichen Künstler, der genau diese Andersartigkeit nicht versteckte, sondern zum Zentrum seiner Kunst machte.

Aus dem Jugendlichen, der wegen seiner Haare verspottet worden war, wurde ein Künstler, der einer ganzen Generation vermittelte, dass man sich nicht dafür entschuldigen muss, anders zu sein.

„Niemand kann verstehen, wie ich mich fühle“

Auch hinter „Space Oddity“ steckte mehr als nur die Faszination für Raumfahrt.

Bowie erklärte später, dass ihn Stanley Kubricks Film „2001: A Space Odyssey“ und dessen Gefühl von Isolation stark beschäftigt hätten. Als junger Mensch habe er selbst diese typische Vorstellung gekannt, niemand auf der Welt könne seine Einsamkeit und seine Gefühle wirklich nachvollziehen.

Major Tom, der einsame Astronaut aus „Space Oddity“, wurde damit auch zu einer Projektionsfläche für Bowies eigenes Gefühl des Andersseins.

Gerade diese Fähigkeit machte Bowie später so bedeutend: Er verwandelte persönliche Fremdheit und Unsicherheit in Kunst.

Immer wieder ein anderer Bowie

In den 1970er-Jahren wechselte Bowie scheinbar mühelos zwischen Glam Rock, Soul, elektronischer Musik und Post-Punk. In den 1980ern wurde er zum globalen Superstar, in den 1990ern experimentierte er unter anderem mit Industrial Rock und Drum and Bass.

Stillstand passte nie zu ihm.

Seine größte Konstante war vielleicht gerade die Veränderung.

Er wollte sich nicht auf eine Identität reduzieren lassen, nicht musikalisch und nicht äußerlich.

Und dann sagte Bowie das Internet voraus

Besonders bemerkenswert ist ein Interview aus dem Jahr 1999.

Bowie erzählte damals, er habe ursprünglich Musiker werden wollen, weil Musik für ihn rebellisch gewesen sei. Würde er noch einmal als junger Mensch beginnen, sagte er, wäre wahrscheinlich das Internet sein Medium.

Er beschrieb das Netz als subversiv, rebellisch und chaotisch und erklärte, dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft könnten sowohl faszinierend als auch beängstigend werden. Bowie war überzeugt, dass die Menschen damals noch kaum erahnten, wie fundamental das Internet Inhalte, Medien und Gesellschaft verändern würde.

Rückblickend wirken diese Aussagen geradezu erstaunlich vorausschauend.

Der Rebell blieb

Eine kleine Anekdote aus Bowies späterem Leben zeigt vielleicht am schönsten, wie sehr sich die Gesellschaft seit seinem ersten Fernsehauftritt verändert hatte.

Er erzählte einmal von einer Begegnung mit dem damaligen britischen Premierminister Tony Blair. Bowie trug dabei einen schwarzen Anzug, einen Priesterkragen – und Damen-High-Heels.

Blair habe nicht einmal mit der Wimper gezuckt.

1964 war Bowie wegen vergleichsweise harmloser längerer Haare verspottet worden.

Jahrzehnte später konnte er dem Premierminister in Frauenabsätzen gegenüberstehen, ohne dass dies noch für größere Irritation sorgte.

Vielleicht ist das ein passendes Symbol für seine Karriere.

David Bowie passte sich nicht einfach der Gesellschaft an. Mit seiner Musik, seiner Kleidung und seinem Spiel mit Identitäten half er vielmehr dabei, die Grenzen dessen zu verschieben, was gesellschaftlich als normal galt.

Und wenn man den 17-jährigen David Jones 1964 im BBC-Studio betrachtet, kann man den späteren Bowie bereits erkennen: neugierig, selbstbewusst, ironisch – und fest entschlossen, anders zu sein.

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