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Iowa City: Die amerikanische Stadt, in der fast jeder an einem Buch schreibt

Hermann (CC0), Pixabay
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In Iowa City scheint Literatur nicht nur in Bibliotheken, Seminarräumen oder Buchhandlungen zu Hause zu sein. Sie liegt in der Luft. In Cafés, Bars, kleinen Läden und auf den Straßen der Innenstadt begegnet man Menschen, die lesen, schreiben, diskutieren – oder zumindest den Eindruck machen, gerade heimlich an einem Roman zu arbeiten.

Besonders sichtbar wird dieser Geist in Prairie Lights Books, einer der bekanntesten unabhängigen Buchhandlungen der USA. Wenn dort Autorinnen und Autoren lesen, ist das Publikum nicht nur neugierig, sondern auffallend fachkundig. Viele Zuhörerinnen und Zuhörer sind selbst angehende Schriftsteller. Sie fragen nicht bloß, woher Ideen kommen, sondern interessieren sich für Erzählstimme, Struktur, Überarbeitung und Handwerk.

Das ist kein Zufall. Iowa City gilt als eine der wichtigsten literarischen Städte Amerikas. Der Grund liegt vor allem an der University of Iowa und ihrem berühmten Iowa Writers’ Workshop. Das Programm wurde 1936 gegründet und gilt als erster Studiengang für kreatives Schreiben in den Vereinigten Staaten. Ehemalige Lehrende und Absolventen lesen sich wie ein Who’s who der amerikanischen Literatur: Kurt Vonnegut, Philip Roth, Raymond Carver, Flannery O’Connor und viele andere sind mit dem Programm verbunden.

2008 wurde Iowa City als erste Stadt der USA zur UNESCO City of Literature ernannt. Doch der literarische Ruf der Stadt lebt nicht nur von Auszeichnungen. Er zeigt sich im Alltag. In der Haunted Bookshop, einem verwinkelten Antiquariat nördlich der Innenstadt, erzählt die Besitzerin, dass praktisch jeder in der Stadt an irgendeinem Buchprojekt arbeite. Sogar ein Taxifahrer mit tintenverschmierten Fingern passt hier ins Bild.

Dabei ist Iowa City keineswegs nur ein akademisches Idyll. Die Stadt liegt im Mittleren Westen, umgeben von Agrarland, weit entfernt von den großen Verlagen an den Küsten. Gerade dieser Abstand macht ihren Reiz aus. Iowa City wirkt entspannt, überschaubar und zugleich erstaunlich weltoffen. Die Universität prägt das Stadtbild, doch die Stadt ist mehr als ein Campus.

Im Zentrum liegt die Ped Mall, eine fußgängerfreundliche Einkaufs- und Ausgehzone mit Restaurants, Bars, kleinen Geschäften und kulturellen Veranstaltungsorten. Lokale Akteure haben lange dafür gekämpft, dass die Innenstadt nicht zu einer reinen Ausgehmeile verkommt, sondern ein echter öffentlicher Raum bleibt: morgens belebt, mittags geschäftig, abends kulturell aktiv.

Zum Angebot gehören das Iowa City Book Festival, Lesungen, Theater, Musikveranstaltungen und Kunstfestivals. Venues wie das Englert, Riverside Theater oder kleinere Musikclubs sorgen dafür, dass sich die Stadt trotz ihrer überschaubaren Größe kulturell größer anfühlt, als sie ist.

Auch kulinarisch pflegt Iowa City seinen eigenen Stil. Das Hamburg Inn No. 2 ist ein klassisches Diner, das schon frühere und spätere US-Präsidenten besuchten. Berühmt sind dort die sogenannten Pie Shakes – Milchshakes mit Eiscreme und echtem Kuchenstück. Wer danach noch Hunger hat, findet in alten Tavernen, veganen Cafés, Pizzerien und Bars genug Gründe, den literarischen Spaziergang zu unterbrechen.

Die Umgebung liefert weitere eigentümliche Geschichten. In der Nähe liegt Riverside, ein Ort, der sich mit Humor als künftiger Geburtsort von Captain James T. Kirk aus „Star Trek“ inszeniert. Straßenlaternen, Museumsstücke und ein kleines History Center feiern dort eine fiktive Zukunft, als wäre sie lokale Geschichte.

Zurück in Iowa City wird deutlich, dass diese Stadt von Geschichten lebt – von gedruckten, erzählten, erfundenen und gelebten. Auf dem Oakland Cemetery steht die unheimliche Statue des Black Angel, um die sich lokale Legenden ranken. In Bars wie Dave’s Fox Head Tavern erinnern dunkle Holznischen und alte Anekdoten an Zeiten, in denen Schriftsteller wie Vonnegut oder Carver dort gesessen haben könnten.

Natürlich hat sich auch Iowa City verändert. Es gibt weniger Buchhandlungen als früher, und selbst berühmte Autoren ziehen heute nicht mehr automatisch riesige Menschenmengen an. Die Aufmerksamkeit ist fragmentierter geworden, das Kulturangebot vielfältiger, die Konkurrenz größer. Aber vielleicht liegt genau darin die Stärke der Stadt: Iowa City lebt nicht von Nostalgie allein, sondern von einer fortlaufenden Gegenwart des Schreibens.

Hier werden Bücher nicht nur verkauft oder gelesen. Hier werden sie geplant, verworfen, diskutiert, korrigiert und wieder neu begonnen. Iowa City ist kein lautes Reiseziel. Es ist kein Ort, der sich aufdrängt. Aber wer Literatur liebt, findet hier etwas Seltenes: eine Stadt, in der Geschichten tatsächlich zum Alltag gehören.

Und vielleicht sitzt im Café am Nebentisch wirklich jemand, der gerade den ersten Satz seines Romans notiert.

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