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Indien beendet Hungerstreik auf besonders einfache Weise: Man trägt den Hungernden weg

Skorge (CC0), Pixabay
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Sonam Wangchuk kommt nach 20 Tagen ins Krankenhaus – der Protest bleibt praktischerweise zurück

Der indische Aktivist und Bildungsreformer Sonam Wangchuk ist nach 20 Tagen ohne Nahrung von Sicherheitskräften aus seinem Protestlager in Neu-Delhi geholt und in ein staatliches Krankenhaus gebracht worden.

Wangchuk hatte bei großer Sommerhitze lediglich Wasser und Salz zu sich genommen. Er verlor rund neun Kilogramm, litt unter Dehydrierung und war körperlich stark geschwächt. Am 21. Tag des Hungerstreiks wurde er gegen seinen Willen in das Safdarjung Hospital gebracht. Nach Angaben des Krankenhauses war er bei Bewusstsein und zunächst stabil.

Die Behörden lösten damit zumindest ein Problem:

Der Hungerstreik befand sich anschließend nicht mehr am Hungerstreikort.

Polizei erscheint mit medizinischem Abholservice

Videoaufnahmen zeigten, wie zahlreiche Polizisten und paramilitärische Kräfte am frühen Morgen das Protestlager am Jantar Mantar betraten. Unterstützer, die sich ihnen entgegenstellten, wurden zurückgedrängt. Wangchuk wurde mit Tüchern abgeschirmt, von der Bühne getragen und mit einem Krankenwagen abtransportiert.

Die Polizei erklärte, sie habe auf medizinischen Rat und auf Grundlage einer gerichtlichen Anordnung gehandelt. Der Delhi High Court hatte zuvor verlangt, Wangchuks Gesundheitszustand regelmäßig zu kontrollieren und bei Bedarf notwendige Maßnahmen zu ergreifen.

Das Gericht sagte also sinngemäß:

„Bitte achten Sie auf seine Gesundheit.“

Der Staat verstand:

„Schicken wir mehrere Dutzend Sicherheitskräfte.“

In Indien benötigt selbst eine medizinische Untersuchung offenbar gelegentlich die personelle Ausstattung einer kleineren Militäroperation.

Ehefrau fordert Zustimmung vor Behandlungen

Wangchuks Ehefrau Gitanjali Angmo erklärte anschließend, ihm dürften ohne Zustimmung der Familie und der behandelnden Ärzte weder Medikamente noch Infusionen verabreicht werden.

Das Krankenhaus teilte mit, der Aktivist sei zwar geschwächt und leicht dehydriert, seine Vitalwerte seien jedoch stabil. Über die genaue medizinische Bewertung entstand später zusätzlicher Streit zwischen dem Krankenhaus und Wangchuks persönlichem Arzt.

Damit hatte Indien nun drei Konflikte gleichzeitig:

einen Streit über Bildungsreformen, einen Streit über das Recht auf Protest und einen Streit darüber, wer dem Protestierenden einen Tropf anschließen darf.

Effiziente Regierungsarbeit bedeutet schließlich, aus einem ungelösten Problem möglichst mehrere neue zu entwickeln.

Protest gegen Prüfungslecks

Wangchuk unterstützte die sogenannte Cockroach Janta Party, kurz CJP. Die satirische Protestbewegung entstand nach wiederholten Unregelmäßigkeiten und mutmaßlichen Lecks bei wichtigen indischen Prüfungen.

Besonders große Empörung löste die Absage einer landesweiten medizinischen Aufnahmeprüfung aus, nachdem Prüfungsunterlagen vorzeitig bekannt geworden waren. Die Bewegung fordert umfassende Reformen und den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan.

Der Name „Cockroach Janta Party“ bedeutet ungefähr „Kakerlaken-Volkspartei“. Die Beteiligten bezeichnen sich selbst als Kakerlaken – also als jene Wesen, die auch unter äußerst schlechten Bedingungen überleben.

Das ist für eine Protestbewegung praktisch.

Es erschwert der Regierung allerdings die übliche Strategie, sie einfach auszusitzen.

Kakerlaken sind bekanntlich nicht dafür berühmt, aufzugeben, nur weil die Verwaltung gerade nicht erreichbar ist.

Minister hält Bewegung für Störtruppe

Bildungsminister Pradhan bezeichnete die Bewegung als Hilfstruppe störender Elemente. Die Regierung von Premierminister Narendra Modi führte bislang keine substantiellen Gespräche mit den Demonstrierenden.

Das ist eine klassische politische Arbeitsteilung:

Die Studierenden berichten über undichte Prüfungssysteme.

Die Regierung berichtet über störende Studierende.

Das Problem mit den Prüfungen bleibt derweil in Ruhe liegen und bereitet sich vermutlich auf das nächste Leck vor.

Der Ersatz-Hungernde ist bereits da

Wer glaubte, mit Wangchuks Abtransport sei der Protest beendet, unterschätzte die organisatorische Vorbereitung der Bewegung.

CJP-Gründer Abhijeet Dipke trat unmittelbar an Wangchuks Stelle und begann ebenfalls einen unbefristeten Hungerstreik. Die für den 20. Juli geplante Demonstration zum Parlament solle weiterhin stattfinden.

Das Protestlager funktioniert damit ähnlich wie eine besonders entschlossene Schichtplanung:

Ein Aktivist wird ins Krankenhaus gebracht.

Der nächste übernimmt.

Die Regierung entfernt einen Hungerstreikenden und stellt fest, dass das System automatisch nachbesetzt wurde.

Möglicherweise hätte man doch ein Gespräch versuchen sollen.

Wangchuk wollte notfalls als Geist mitmarschieren

Noch vor seiner Einlieferung hatte Wangchuk erklärt, er sei äußerlich schwach, innerlich aber stark. Trotz seines Gesundheitszustands wollte er am Marsch zum Parlament teilnehmen.

Für den Fall seines Todes scherzte er, sein Geist werde bei der Demonstration mitlaufen.

Das war schwarzer Humor in einer ernsten Situation.

Politisch enthält der Satz jedoch eine klare Botschaft: Eine Person kann man von einem Protestplatz entfernen. Das zugrunde liegende Thema lässt sich deutlich schwieriger in einen Krankenwagen setzen.

Opposition spricht von Angriff auf Demokratie

Mehrere Oppositionspolitiker verurteilten den Polizeieinsatz. Sie bezeichneten das Vorgehen als staatliche Gewalt und Angriff auf das demokratische Protestrecht.

Bereits zuvor hatten Politiker und Vertreter der Zivilgesellschaft die Regierung aufgefordert, mit Wangchuk und den Studierenden zu sprechen.

Die Regierung entschied sich stattdessen zunächst für jene Form des Dialogs, bei der nur eine Seite spricht und die andere von der Bühne getragen wird.

Das spart Zeit.

Es verbessert allerdings selten die Stimmung.

Ein 300 Jahre alter Protestort und sehr moderne Probleme

Der Hungerstreik fand am Jantar Mantar statt, einer historischen Sternwarte, die heute regelmäßig als Demonstrationsort genutzt wird.

Vor Jahrhunderten beobachteten Menschen dort die Bewegungen der Himmelskörper.

Heute beobachten sie, ob sich eine Regierung bewegt.

Beides kann sehr lange dauern.

Die Demonstrierenden verlangen letztlich etwas vergleichsweise Bodenständiges: faire Prüfungen, politische Verantwortung und ein Bildungssystem, in dem Prüfungsfragen nicht bereits vor dem Prüfungstermin eine eigene Reise antreten.

Fazit

Sonam Wangchuk wurde nach einem lebensgefährlichen Hungerstreik in ein Krankenhaus gebracht. Medizinisch mag der Eingriff notwendig gewesen sein. Politisch beseitigt er jedoch keine der Forderungen, die zu dem Protest führten.

Die Studierenden verlangen weiterhin Reformen. Die CJP setzt den Hungerstreik fort. Der Marsch zum Parlament soll stattfinden.

Indiens Regierung hat damit zwar den Aktivisten vom Protestplatz entfernt, nicht aber den Protest aus der Öffentlichkeit.

Man kann einen Menschen ins Krankenhaus bringen. Ein Prüfungsleck lässt sich leider nicht mit dem Krankenwagen abholen.

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