Startseite Allgemeines Im Dunkeln über Abschiebehaft ICE veröffentlicht zentrale Migrationsdaten nicht mehr – und Trumps Regierung profitiert von der Intransparenz
Allgemeines

Im Dunkeln über Abschiebehaft ICE veröffentlicht zentrale Migrationsdaten nicht mehr – und Trumps Regierung profitiert von der Intransparenz

OpenClipart-Vectors (CC0), Pixabay
Teilen

Die Zahlen stiegen monatelang. Immer mehr Festnahmen, immer mehr Inhaftierte, immer neue Haftzentren. Dann verstummte die Statistik.

Seit Wochen veröffentlicht die US-Einwanderungsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) keine aktuellen Daten mehr zur Abschiebehaft – obwohl der Kongress die Behörde verpflichtet hat, diese Informationen zweimal im Monat offenzulegen. Die letzte Aktualisierung stammt vom 12. Februar, wenige Tage bevor der teilweise Regierungsstillstand begann, ausgelöst durch den Haushaltsstreit um das Heimatschutzministerium (Department of Homeland Security, DHS).

Damit fehlt ausgerechnet jene Datengrundlage, die unter Präsident Donald Trump zu einem der wichtigsten Instrumente geworden ist, um die tatsächliche Entwicklung der amerikanischen Migrationspolitik zu verfolgen.

Denn seit Trump Anfang 2025 ins Weiße Haus zurückgekehrt ist, sind mehrere andere Übersichten und Dashboards des DHS ebenfalls nicht mehr aktualisiert worden. Die ICE-Statistik zur Abschiebehaft blieb zuletzt eine der wenigen verlässlichen Quellen, um zu erkennen, wie viele Menschen inhaftiert werden, wo sie festgehalten werden und wie lange sie im System verbleiben.

Für Beobachter ist das kein technisches Detail, sondern ein massives Transparenzproblem.

„Das war die verlässlichste Form von Transparenz, die wir bei den ICE-Haftdaten hatten“, sagt Ariel Ruiz Soto vom Migration Policy Institute. „Und jetzt fliegen wir seit einem Monat im Blindflug.“

Rekordwerte bei Inhaftierungen

Dabei zeigen die bislang verfügbaren Daten bereits ein klares Bild: Die Zahl der von ICE festgehaltenen Migranten ist unter Trump auf ein Rekordniveau gestiegen.

Ende Januar lag die Zahl der Inhaftierten bei mehr als 70.000 Menschen – rund 80 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Es ist nicht nur die höchste bekannte Zahl seit Jahren, sondern Ausdruck einer strategischen Verschiebung in der US-Migrationspolitik.

Denn während die illegalen Grenzübertritte an der Grenze zu Mexiko bereits am Ende der Biden-Regierung zurückgingen und unter Trump weiter sanken, verlagerte sich der Schwerpunkt der Durchsetzung zunehmend vom Grenzgebiet ins Landesinnere.

Statt vor allem Neuankömmlinge an der Grenze festzusetzen, richtet sich der Fokus nun verstärkt gegen Menschen, die bereits in den USA leben.

Festnahmen vor Gericht, am Arbeitsplatz – und durch Racial Profiling

Nach Recherchen von USA TODAY greifen ICE-Beamte dabei zu zunehmend umstrittenen Methoden, um hohe Festnahmequoten zu erfüllen. Dazu zählen:

  • Festnahmen bei Einwanderungsanhörungen vor Gericht
  • Razzien an Arbeitsplätzen
  • mutmaßlich auch racial profiling, also Kontrollen auf Grundlage äußerer Merkmale

Die Folge ist eine auffällige Veränderung bei der Zusammensetzung der Inhaftierten.

Während vor einem Jahr nur rund 6 Prozent der festgehaltenen Migranten keine strafrechtliche Vorgeschichte hatten, lag ihr Anteil am Ende des ersten Amtsjahres von Trump bereits bei 42 Prozent.

Darunter fallen Menschen, deren einzige „Verstöße“ migrationsrechtlicher Natur sind – etwa ein abgelaufenes Visum oder die unerlaubte Wiedereinreise nach einer Abschiebung. Viele von ihnen warten noch auf ihre Anhörung vor dem Einwanderungsgericht.

Mit anderen Worten: Die Abschiebehaft trifft immer häufiger Menschen, denen kein klassisches Strafdelikt vorgeworfen wird.

Die Regierung verweist auf den Shutdown – Fragen bleiben offen

Offiziell macht das Heimatschutzministerium den andauernden Teil-Shutdown für den Ausfall der Daten verantwortlich. In einer Stellungnahme hieß es, DHS und ICE hätten derzeit „nicht die Ressourcen“, um neue Zahlen zu veröffentlichen.

Wann die Datensätze nachgereicht werden, ließ die Behörde offen.

Unbeantwortet blieb auch eine naheliegende Frage: Warum nutzt die Regierung dafür nicht bereits bewilligte Mittel aus Trumps großem Gesetzespaket von 2025, das dem DHS mehr als 170 Milliarden Dollar zur Verfügung stellt?

Auch mehrere andere Migrations-Dashboards waren bereits vor Beginn des Shutdowns nicht mehr aktualisiert worden.

Für Kritiker ist das ein alarmierendes Signal. Denn je weniger belastbare Zahlen verfügbar sind, desto schwieriger wird es, politische Entscheidungen der Regierung nachzuvollziehen – oder juristisch anzugreifen.

Kongress streitet – ICE baut aus

Im Kongress laufen zwar Verhandlungen über ein Ende des Teil-Shutdowns. Republikaner hatten Anfang April vorgeschlagen, das DHS vollständig zu finanzieren – mit Ausnahme von ICE und Border Patrol. Eine Einigung gab es bis zuletzt jedoch nicht.

Demokraten verlangen im Gegenzug Reformen bei den Einsätzen der Einwanderungsbehörde. Diskutiert werden unter anderem:

  • ein Verbot von Maskierungen bei ICE-Einsätzen
  • ein Ende von Razzien ohne richterlichen Beschluss
  • ein breiterer Einsatz von Bodycams

Doch unabhängig vom Haushaltsstreit läuft die Maschinerie weiter. Denn ICE erhielt bereits 2025 über Trumps zentrales Gesetzespaket fast 75 Milliarden Dollar – Geld, das nun offenbar in den Ausbau der Infrastruktur fließt.

Ein Netz aus Haftzentren überzieht die USA

Wer immer mehr Menschen festsetzt, braucht auch immer mehr Orte, um sie unterzubringen. Und genau das passiert derzeit.

Nach den letzten verfügbaren Angaben hielt ICE Anfang Februar Migranten in 220 Einrichtungen fest – etwa doppelt so viele wie noch zu Beginn des Jahres 2025.

Dazu zählen nicht nur klassische Abschiebegefängnisse, sondern auch:

  • lokale Gefängnisse
  • County Jails
  • provisorisch genutzte Einrichtungen

Nur fünf Bundesstaaten verfügen inzwischen über kein solches Zentrum mehr.

Zusätzlich kauft ICE in mehreren Teilen des Landes Lagerhallen und Industriegebäude, um sie in Haftzentren umzuwandeln. Mehr als eine Milliarde Dollar soll die Behörde dafür bereits ausgegeben haben.

Allerdings wächst der Widerstand vor Ort.

In einer Gemeinde in Georgia kappten lokale Behörden Wasser- und Abwasseranschlüsse für ein geplantes Zentrum und blockierten das Projekt juristisch. In Maryland stoppte ein Bundesrichter den Bau eines ähnlichen Standorts vorläufig.

Haft ohne Strafe – aber mit tödlichen Folgen

Formal gilt Abschiebehaft in den USA nicht als Strafmaßnahme, sondern als verwaltungsrechtliche Sicherungsmaßnahme. In der Praxis berichten Anwälte und Menschenrechtsorganisationen seit Jahren von teils katastrophalen Zuständen.

Kritisiert werden unter anderem:

  • mangelhafte medizinische Versorgung
  • extreme Hitze in den Einrichtungen
  • unhygienische Zustände
  • lange Inhaftierungszeiten ohne ausreichende Betreuung

Besonders alarmierend: Zwischen Januar 2025 und März 2026 registrierte ICE 46 Todesfälle in Gewahrsam.

Allein im ersten Quartal 2026 wurden bereits 14 Tote gemeldet – ein Wert, der darauf hindeutet, dass die Zahl des Vorjahres deutlich überschritten werden könnte.

Eine Untersuchung der Bürgerrechtsorganisation ACLU kam für frühere Jahre zu dem Ergebnis, dass die große Mehrheit dieser Todesfälle durch angemessene medizinische Versorgung vermeidbar gewesen wäre.

Wenn der Staat keine Zahlen mehr liefert

Der Fall zeigt, wie abhängig demokratische Kontrolle von nüchternen Verwaltungsdaten ist. Solange ICE regelmäßig Zahlen veröffentlichte, ließ sich zumindest nachvollziehen, wie sich die Abschiebehaft entwickelte. Wer wurde festgenommen? Wo? Wie lange? Unter welchen Bedingungen?

Jetzt ist genau diese Sicht versperrt.

Für die Trump-Regierung ist das politisch günstig. Sie kann eine aggressive Abschiebepolitik weiter vorantreiben, während zentrale Kennzahlen aus dem öffentlichen Blick verschwinden.

Für Bürgerrechtler, Journalisten und Anwälte hingegen bedeutet es das Gegenteil: weniger Transparenz, weniger Kontrolle, weniger Rechenschaft.

Und für Tausende Migranten in US-Haft heißt es vor allem eines: Dass ihr Schicksal zunehmend in einem System verschwindet, das sich der Öffentlichkeit entzieht.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Ronaldo liefert Saudi-Arabien endlich das perfekte Werbebild

Cristiano Ronaldo stemmt die Meisterschale in den Himmel von Riad – und...

Allgemeines

Verstappen deutet Verbleib in der Formel 1 an – Kritik an neuen Motoren bleibt deutlich

Max Verstappen hat erstmals deutlich erkennen lassen, dass er der Formel 1...

Allgemeines

Tuchel sortiert gnadenlos aus: Palmer und Foden verpassen offenbar die WM

Im Fußball kann sich die Welt erstaunlich schnell drehen. Noch vor zwei...

Allgemeines

„Investor Alert 2026“: Video warnt vor unseriösen Trading- und Forex-Plattformen

Ein User hat uns nachfolgenden Text übermittelt der sich auf Video auf...