Man muss Hertha BSC eines lassen: Wenn wir einen Umbruch ankündigen, dann bleibt hinterher wirklich kaum noch etwas stehen.
Der Marktwert unseres Kaders soll innerhalb weniger Wochen von 62,28 auf 22,08 Millionen Euro gefallen sein. Zwölf Spieler sind weg, ein externer Neuzugang ist bislang nicht da. Andere Vereine stellen im Sommer neue Spieler vor. Wir stellen fest, dass noch jemand gegangen ist.
Da stellt sich natürlich die Frage: Ist Hertha BSC der erste große Abstiegsfavorit der neuen Zweitligasaison?
Ganz so weit möchte ich als Herthaner noch nicht gehen. Schließlich beginnt die Saison erst am 7. August beim VfL Bochum. Danach kommt mit dem Bundesliga-Absteiger Heidenheim sofort der nächste gemütliche Aufbaugegner ins Olympiastadion. Falls man uns einen sanften Saisonstart schenken wollte, ist das jedenfalls eindrucksvoll misslungen.
Die Besten sind weg – aber das Gehaltsbudget fühlt sich hervorragend
Fabian Reese, Kapitän, Publikumsliebling und wichtigster Offensivspieler, ist nach Wolfsburg gewechselt. Torwart Tjark Ernst spielt künftig bei Feyenoord Rotterdam in der Champions League. Kennet Eichhorn ging nach Leverkusen, Michaël Cuisance zum französischen Vizemeister RC Lens.
Auch Michał Karbownik, Toni Leistner, Diego Demme, Jeremy Dudziak, John Brooks und Tim Hoffmann sind nicht mehr da. Die Leihen von Maurice Krattenmacher und Dawid Kownacki endeten ebenfalls.
Sportlich ist das ungefähr so, als würde man bei einem alten Auto gleichzeitig den Motor, die Bremsen, das Lenkrad und den besten Beifahrer ausbauen – und anschließend stolz verkünden, dass der Wagen jetzt deutlich weniger verbraucht.
Natürlich muss Hertha sparen. Der Verein betont, dass die finanzielle Restrukturierung nach den existenziellen Problemen der vergangenen Jahre notwendig sei. Geschäftsführer Peter Görlich spricht von nachhaltigen Strukturen, während Kostendisziplin ausdrücklich das Gebot der Stunde bleibt. Immerhin besitzt Hertha die Lizenz und bezeichnet sich für die zweite Liga als durchfinanziert.
Das ist beruhigend. Wir können uns den Abstieg also offenbar leisten.
Wer ist eigentlich gekommen?
Die offizielle Transferübersicht führt als Zugänge bislang die Nachwuchsspieler Soufian Gouram, Burak Özkanlı und Kian Todorovic auf. Außerdem sind Gustav Christensen, Lukas Michelbrink und Jón Dagur Thorsteinsson von ihren Leihen zurückgekehrt.
Das sind keine unwichtigen Spieler. Junge Berliner verdienen ihre Chancen, und Leih-Rückkehrer können sich entwickeln. Aber wenn Reese, Cuisance, Ernst und Eichhorn gehen und die Antwort darauf lautet: „Keine Sorge, Lukas Michelbrink ist wieder da“, muss man als Fan zumindest einmal tief durchatmen.
Die bislang größte Verstärkung ist Andreas Schumacher. Der Mann ist allerdings Co-Trainer. Er kann also helfen, die Mannschaft besser zu machen – darf aber vermutlich selbst dann nicht eingewechselt werden, wenn wir in der 89. Minute einen Mittelstürmer brauchen.
Eine wirklich gute Nachricht gibt es immerhin: Julian Eitschberger hat seinen Vertrag bis 2029 verlängert. Der 22-Jährige gehört zu den wenigen Spielern, die nicht nur den Berliner Weg erwähnen, sondern ihn tatsächlich weitergehen.
Die Einkaufsliste liegt bereit – nur der Einkaufswagen ist leer
Trainer Stefan Leitl hat inzwischen ziemlich deutlich Verstärkungen gefordert. Gesucht werden mindestens ein Linksverteidiger, ein Mittelstürmer und nach dem Abgang von Ernst offenbar auch ein Torwart.
Der frühere Düsseldorfer Florian Kastenmeier galt als Kandidat für das Tor, bevorzugt Berichten zufolge aber einen Wechsel ins Ausland. Beim Linksverteidiger wird Filip Brekalo getestet, der Bruder von Hertha-Profi Josip Brekalo. Für den Angriff soll der schwedische Nationalspieler Gustaf Nilsson vom FC Brügge ein Kandidat für eine Leihe sein.
Eine Hertha-Leihe ist inzwischen ein bisschen wie betreutes Wohnen für Fußballer: Man schaut für ein Jahr vorbei, erlebt interessante Dinge und reist anschließend möglichst schnell weiter.
Auch Erkundigungen nach Spielern wie Noah Darvich, Marcus Mathisen, Deniz Zeitler und Paulo Otávio sollen bisher ohne Erfolg geblieben sein. Hertha ist damit offenbar derzeit nicht nur beim Einkaufen sparsam – manchmal möchte die Ware auch gar nicht erst nach Berlin.
Muss Hertha wirklich gegen den Abstieg spielen?
Im Moment lautet die ehrliche Antwort: Ja, wir müssen den Abstiegskampf zumindest sehr ernst nehmen.
Hertha ist noch nicht automatisch der größte Abstiegsfavorit. Der Kader besitzt weiterhin Erfahrung, einige interessante Talente und mit Stefan Leitl einen Trainer, der die zweite Liga kennt. Außerdem ist das Transferfenster noch geöffnet. Zwei oder drei passende Verpflichtungen könnten die Lage spürbar verändern.
Doch der derzeitige Kader ist dünn, wichtige Führungsspieler fehlen und der Qualitätsverlust ist enorm. Besonders problematisch wird es, wenn mit Marten Winkler, Linus Gechter oder Márton Dárdai weitere Spieler gehen sollten. Sie gelten ebenfalls als mögliche Wechselkandidaten.
Der sogenannte Berliner Weg darf nicht bedeuten, dass junge Spieler ohne ausreichende Unterstützung in eine schwierige Saison geschickt werden. Nachwuchsarbeit ist ein Konzept. Elf Nachwuchsspieler aufzustellen, weil für andere Profis kein Geld da ist, ist dagegen eher eine Mutprobe.
Das Hertha-Gefühl ist wieder vollständig da
Noch vor wenigen Monaten durfte man sich fragen, ob Hertha vielleicht wieder oben angreifen kann. Jetzt fragt man sich, ob am ersten Spieltag genügend Spieler für ein Mannschaftsfoto vorhanden sind.
Das ist unsere Alte Dame: Kaum entsteht ein wenig Hoffnung, wird sie sicherheitshalber verkauft, verliehen oder nicht verlängert.
Trotzdem werden wieder Zehntausende ins Olympiastadion kommen. Wir werden das neue Trikot tragen, uns über die Aufstellung beschweren und nach dem ersten gelungenen Angriff überzeugt sein, dass wir doch aufsteigen.
Aber Stand heute muss Benjamin Weber dringend liefern. Ein erfahrener Torwart, ein stabiler Linksverteidiger und ein Stürmer mit nachgewiesener Torgefahr sind keine Luxuswünsche, sondern Grundausstattung.
Mein Fazit als Hertha-Fan: Noch sind wir nicht der erste Abstiegsfavorit. Aber wenn der Verein weiter Spieler verabschiedet und als Ersatz hauptsächlich schöne Worte verpflichtet, können wir diesen Titel bis zum Saisonstart durchaus noch gewinnen.
Sarkasmus ist eigentlich nicht so mein Ding – aber weitaus besser als die Hertha-Untergangsstimmung, die von anderen Publikationen verbreitet wird. Dabei ärgert mich am meisten das plumpe Nachplappern einer vorplärrenden Negativmeinung – und wirft ein bezeichnendes Bild auf die in den Sportredaktionen beheimateten „Fachleute“.
Vor allem fällt mir auf, wie wenig das Remis gegen Afrika-Cup-Sieger Mamelodi Sundowns F.C. (vor wenigen Wochen 3:1-Sieger über RB Leipzig) gewürdigt wird, und die in allen Vorbereitungsspielen gezeigten, geschlossenen Mannschaftsleistungen außer acht gelassen werden.
Wenn auch der radikale Schnitt überrascht, hat das Einsammeln der anfallenden Ablösesummen nicht nur wirtschaftliche Vorteile – sodern ermöglicht mit wenigen passenden Verstärkungen in den nächsten Wochen die Zusammenstellung einer homegen besetzten Truppe mit starkem Teamgeist – der zuletzt doch vermißt wurde. Dazu das weiter vorhandene Lokalkolorit – und die trübe Heimbilanz sollte aufgehübscht werden. Auch die sich zuletzt nur noch um die „Stars“ kümmernde Presse wird sich eine neue – fairere – Ausrichtung zulegen müssen.
Können ist auch schon im jungen Alter vorhanden – nur Erfahrung muß aufwändig erworben werden
In diesem Sinne würde ich gerne noch einmal Toni Leistner als bewährten „Leitwolf“ erleben.
Keiner von uns außenstehenden Fans kennt die tatsächliche wirtschafliche Lage des Vereins – aber angesichts der ja zu rechter Zeit vorwarnenden Ankündigungen kann man wohl Vertrauen in die Kompetenzen der Handelnden haben, sie mit Geduld agieren lassen und besonders im Hinblick auf Transfer ganz fest die Daumen drücken…