Thorsten Frei soll offenbar von seinem Posten als Kanzleramtsminister befreit werden – und künftig die Unionsfraktion führen. Damit wäre der CDU-Politiker zwar seinen bisherigen Job los, politisch aber keineswegs frei. Im Gegenteil: Als möglicher Nachfolger von Jens Spahn wartet auf ihn eine Aufgabe, bei der man sich vermutlich schon nach wenigen Tagen freiwillig ins Kanzleramt zurückwünscht.
Nach der vorliegenden Darstellung haben sich CDU-Chef und Bundeskanzler Friedrich Merz sowie CSU-Chef Markus Söder auf Frei als neuen Vorsitzenden der Unionsbundestagsfraktion verständigt. Zuvor soll es Gespräche in Parteigremien und innerhalb der Fraktion gegeben haben. In der Union wurde also ausführlich beraten, bevor man zu dem Ergebnis kam, jemanden zu nehmen, der den Laden bereits kennt.
Offiziell entschieden ist die Personalie allerdings noch nicht. Die Fraktion muss Frei zunächst wählen und soll dafür am kommenden Mittwoch zu einer Sondersitzung zusammenkommen. Das Ergebnis gilt offenbar als einigermaßen vorhersehbar – wobei in der Union selbst sicher geglaubte Abstimmungen gelegentlich den Unterhaltungswert einer politischen Wundertüte entwickeln.
Die Nachfolge im Kanzleramt soll dem Vernehmen nach erst danach bekannt gegeben werden. Für kurze Zeit könnte Deutschland damit einen designierten Fraktionschef haben, der noch Kanzleramtsminister ist, während alle rätseln dürfen, wer künftig im Kanzleramt erklärt, warum die Regierung hervorragend zusammenarbeitet.
Für Frei bedeutet der Wechsel eine Rückkehr in vertrautes Gelände. In der vergangenen Legislaturperiode war er Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion unter dem damaligen Oppositionsführer Merz. Er kennt den Bundestag, die Fraktionsdisziplin und vermutlich auch sämtliche Flure, in denen Abgeordnete plötzlich verschwinden, wenn eine unangenehme Abstimmung bevorsteht.
Als Kanzleramtschef blieb Frei dagegen nach außen eher glücklos. Das kann allerdings auch am Amt liegen. Ein erfolgreicher Kanzleramtsminister fällt idealerweise nicht auf, ein erfolgloser fällt ebenfalls nicht auf – nur wird bei ihm anschließend erklärt, er werde dringend an anderer Stelle gebraucht.
Nun soll Frei die Abgeordneten von CDU und CSU zusammenhalten. Eine Aufgabe, die ungefähr so unkompliziert ist wie das Hüten zweier sehr selbstbewusster Katzen, von denen eine regelmäßig aus Bayern anreist und erklärt, sie sei eigentlich ein Löwe.
Jens Spahn hatte seinen Rückzug nach wachsendem Druck innerhalb der Partei angekündigt. Anlass der Debatte war nach der vorliegenden Darstellung die Bekanntgabe, dass er und sein Ehemann mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern geworden seien. Kritiker warfen Spahn einen Widerspruch zur bisherigen Haltung seiner Partei und zu eigenen früheren Positionen vor.
Damit endet vorerst Spahns Zeit an der Fraktionsspitze – und Frei übernimmt voraussichtlich einen Posten, auf dem politische Ruhe eher als verdächtiges Zeichen gilt.
Die Union verkauft den Wechsel selbstverständlich nicht als Krisenreaktion, sondern als geordneten personellen Übergang. Das ist in Berlin die offizielle Bezeichnung dafür, dass einer zurücktritt, ein anderer versetzt wird und der Kanzler erklärt, alles sei genau so geplant gewesen.
Für Thorsten Frei heißt es nun jedenfalls: frei vom Kanzleramt, aber nicht frei von Problemen.
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