Während die USA und China längst mit atomwaffenähnlicher KI-Technologie hantieren, diskutiert Europa weiterhin darüber, ob man dafür vielleicht zunächst einen Arbeitskreis gründen sollte.
Im Zentrum der aktuellen Nervosität steht „Claude Mythos“, das neue KI-Modell des US-Unternehmens Anthropic. Die künstliche Intelligenz findet Sicherheitslücken in Software schneller als deutsche Behörden neue Passwörter vergessen können – und könnte diese theoretisch auch ausnutzen. In der IT-Branche spricht man bereits von der „Stunde der Wahrheit“ für Cybersicherheit. Andere sprechen schlicht von: „Oh oh.“
Besonders unangenehm für Europa: Zugriff auf das System haben bislang vor allem amerikanische Großkonzerne wie Google, Microsoft, Apple und JPMorgan Chase. Die EU hingegen darf höflich von draußen zuschauen und gelegentlich empört Pressemitteilungen verschicken.
Dabei wäre das Interesse groß. Claude Mythos fand zuletzt Hunderte Sicherheitslücken, darunter eine Schwachstelle, die seit 27 Jahren in OpenBSD schlummerte. Offenbar brauchte es erst eine Super-KI aus Kalifornien, um Dinge zu entdecken, die weltweit jahrzehntelang niemand bemerkt hatte – was für die IT-Sicherheit ungefähr so beruhigend ist wie ein Rauchmelder, der erst beim Vollbrand anspringt.
In Brüssel reagierte man entsprechend beleidigt. Das EU-Parlament lud Anthropic zu Gesprächen über die Risiken der Technologie ein. Anthropic sagte ab. Zu kurzfristig.
Ein diplomatischer Vorgang, der sinngemäß bedeutet: „Danke für die Einladung, aber wir sind gerade beschäftigt damit, die Zukunft zu bauen.“
Besonders frustriert zeigte sich die EU-Abgeordnete Kim van Sparrentak, die die Absage „extrem beunruhigend“ nannte. Europa kennt dieses Gefühl inzwischen allerdings ganz gut: erst die großen Plattformen verpassen, dann bei KI den Anschluss verlieren und anschließend Regulierung schreiben für Technologien, die anderswo entwickelt werden.
Immerhin versucht Brüssel nun Stärke zu demonstrieren. Ab August soll das neue europäische KI-Amt notfalls sogar Zugriff auf Systeme wie Claude Mythos erzwingen können. Europa setzt damit erneut auf seine bewährte Superkraft: Formulare.
Während Silicon Valley also künstliche Intelligenzen erschafft, die globale Infrastruktur hacken könnten, arbeitet die EU an der Möglichkeit, demnächst vielleicht ein offizielles Schreiben mit Fristsetzung zu verschicken.
Besonders bitter: Selbst europäische Banken bekommen bislang keinen Zugang zur Technologie. JPMorgan Chase ist dabei, Europa nicht. Wieder einmal sitzt man also nicht mit am Tisch, sondern maximal neben der Garderobe.
Und genau das ist das eigentliche Problem.
Denn während in Brüssel hitzig über Regulierung diskutiert wird, entwickeln amerikanische und chinesische Konzerne längst die nächste Generation digitaler Machtinstrumente. Europa hingegen produziert vor allem Debatten, Positionspapiere und die Hoffnung, dass irgendwann jemand den „AI Act“ liest und beeindruckt ist.
Dabei ist die große KI-Apokalypse vermutlich ohnehin noch nicht unmittelbar bevorstehend. Vieles an Claude Mythos ist derzeit auch exzellentes Marketing. „Diese KI könnte theoretisch alles zerstören“ verkauft sich eben deutlich besser als „praktisches Tool zur Sicherheitsanalyse“.
Trotzdem zeigt der Fall einmal mehr die geopolitische Realität des KI-Zeitalters:
Die USA entwickeln.
China kopiert und skaliert.
Und Europa prüft regulatorisch, ob das Formular korrekt ausgefüllt wurde.
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