Im Nahen Osten wird wieder einmal intensiv verhandelt, dementiert, gedroht und gleichzeitig von „historischen Fortschritten“ gesprochen. Kurz gesagt: Die Diplomatie läuft auf Hochtouren – also weiß momentan niemand, was eigentlich wirklich passiert.
US-Präsident Donald Trump erklärte am Mittwoch, die Gespräche mit dem Iran liefen „sehr gut“. Das ist bemerkenswert, weil dieselben Gespräche wenige Tage zuvor noch ungefähr den Charme eines atomaren Scheidungskriegs hatten.
Besonders optimistisch zeigte sich Trump bei der Atomfrage. Der Iran habe zugestimmt, keine Atomwaffen zu besitzen, erklärte der Präsident im Weißen Haus. Welche weiteren Punkte Teheran angeblich akzeptiert habe, ließ Trump offen – vermutlich, damit die iranische Regierung beim Lesen selbst überrascht ist.
In Teheran wiederum klingt die Sache etwas anders. Dort spricht man eher von „Prüfung eines Vorschlags“ und davon, dass westliche Medien maßlos übertreiben würden. Übersetzt heißt das diplomatisch meistens: Niemand hat bisher irgendetwas unterschrieben, aber alle möchten so tun, als wären sie kurz davor.
Parallel dazu pausierten die USA ihre Militäraktion in der Straße von Hormus. Das Projekt trug den typisch zurückhaltenden Namen „Project Freedom“ und sollte Schiffe schützen. Trump erklärte nun, man unterbreche die Operation „für kurze Zeit“, um zu sehen, ob ein Deal möglich sei.
Mit anderen Worten: Erst wird bombardiert, dann kurz gewartet, ob die Gegenseite plötzlich verhandlungsbereit wird.
Der Iran reagierte erwartungsgemäß widersprüchlich. Während einige Vertreter sichere Schiffspassagen in Aussicht stellten, warf Parlamentspräsident Mohammed-Bagher Ghalibaf den USA gleichzeitig vor, Iran zur „Kapitulation“ zwingen zu wollen. Andere iranische Politiker bezeichneten den amerikanischen Vorschlag wiederum als „Wunschliste“.
Man könnte auch sagen: Beide Seiten sitzen am Pokertisch, bluffen aggressiv und hoffen, dass zuerst der andere nervös wird.
Im Zentrum steht offenbar erneut das iranische Atomprogramm. Laut US-Medien soll Teheran bereit sein, Zugeständnisse bei Kontrollen und hochangereichertem Uran zu machen. Dafür könnten eingefrorene iranische Milliarden freigegeben werden.
Oder auch nicht.
Denn wie immer in diesen Konflikten existieren derzeit ungefähr sechs verschiedene Wahrheiten gleichzeitig:
- Trump spricht von einem Durchbruch,
- Teheran von „Prüfungen“,
- Israel weiß angeblich von nichts,
- Pakistan vermittelt,
- CNN relativiert,
- und alle posten irgendetwas auf Social Media.
Unterdessen wächst der Druck auf beide Seiten. Die iranische Wirtschaft liegt schwer angeschlagen am Boden, die Energiepreise belasten weltweit die Konjunktur und die Golfstaaten zählen Schäden an Raffinerien und Infrastruktur.
Die „New York Times“ schreibt bereits, Trump suche nun nach einer „magischen Formel“, um aus dem Krieg wieder herauszukommen. Denn die ursprüngliche Hoffnung auf einen schnellen Regimewechsel in Teheran scheint sich ähnlich realistisch entwickelt zu haben wie ein störungsfreier Flughafenbetrieb in den Sommerferien.
Der Iran wiederum versucht, nicht wie der Verlierer auszusehen. Schließlich gehört in der internationalen Diplomatie neben Macht vor allem eines dazu: so zu tun, als hätte man jederzeit alles unter Kontrolle – selbst wenn rundherum längst alles brennt.
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