Startseite Allgemeines „Eine Insolvenz ist nicht zwangsläufig das Ende“
Allgemeines

„Eine Insolvenz ist nicht zwangsläufig das Ende“

Teilen

Rechtsanwalt Daniel Blazek über Sanierungschancen, Restrukturierung und vermeidbare Unternehmenskrisen

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland bleibt auf einem hohen Niveau. Viele Betriebe kämpfen mit steigenden Kosten, zurückhaltenden Kunden und schwierigen Finanzierungsbedingungen. Doch bedeutet eine Insolvenz automatisch das Aus für ein Unternehmen?

Wir sprachen mit Rechtsanwalt Daniel Blazek von der Bielefelder Kanzlei BEMK Rechtsanwälte, der sich seit vielen Jahren mit Restrukturierungen, Sanierungen und insolvenzrechtlichen Fragestellungen beschäftigt.

Herr Blazek, viele Unternehmer verbinden das Wort Insolvenz automatisch mit dem Ende ihres Unternehmens. Ist das noch zeitgemäß?

Nein, das entspricht längst nicht mehr der Realität. Eine Insolvenz kann durchaus der Beginn eines Neuanfangs sein. Das moderne Insolvenzrecht bietet zahlreiche Möglichkeiten, Unternehmen zu sanieren, Arbeitsplätze zu erhalten und Geschäftsmodelle neu aufzustellen.

Wir erleben immer wieder Fälle, in denen Unternehmen nach einer erfolgreichen Sanierung deutlich stabiler und wettbewerbsfähiger aus einem Verfahren hervorgehen als zuvor.

Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?

Der Gesetzgeber hat erkannt, dass wirtschaftliche Schwierigkeiten nicht automatisch das Ende eines Unternehmens bedeuten müssen. Instrumente wie Eigenverwaltung, Schutzschirmverfahren oder außergerichtliche Restrukturierungen ermöglichen heute deutlich mehr Handlungsspielräume.

Das Ziel ist nicht mehr ausschließlich die Abwicklung eines Unternehmens, sondern möglichst dessen Fortführung.

Wann wird eine Sanierung schwierig?

Dann, wenn die Unternehmensleitung zu lange wartet.

Das ist leider ein Muster, das wir immer wieder beobachten. Viele Unternehmer hoffen, dass sich Probleme von allein lösen. Sie versuchen zunächst, die Krise intern zu bewältigen und holen externe Hilfe erst dann hinzu, wenn die Liquidität bereits weitgehend aufgebraucht ist.

Je früher gehandelt wird, desto größer sind die Sanierungschancen.

Hätten viele Insolvenzen vermieden werden können?

Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich diese Frage eindeutig mit Ja beantworten.

Natürlich gibt es Fälle, in denen äußere Umstände eine Insolvenz praktisch unvermeidbar machen. Aber es gibt ebenso viele Situationen, in denen eine frühzeitige Restrukturierung, eine Anpassung der Unternehmensstrategie oder Gespräche mit Banken und Gläubigern die Insolvenz hätten verhindern können.

Oft fehlt es nicht an Lösungen, sondern am rechtzeitigen Handeln.

Welche Warnsignale sollten Unternehmer ernst nehmen?

Wenn regelmäßig Liquiditätsengpässe auftreten, Rechnungen verspätet bezahlt werden oder Banken kritische Nachfragen stellen, sollten die Alarmglocken läuten.

Auch sinkende Margen, Umsatzrückgänge oder der Verlust wichtiger Kunden sind deutliche Warnzeichen.

Viele Unternehmen geraten nicht von heute auf morgen in eine Krise. Häufig entwickelt sich diese über Monate oder sogar Jahre.

Was kann ein Restrukturierungsexperte konkret leisten?

Zunächst analysiert er die wirtschaftliche Situation objektiv und ohne emotionale Bindung an das Unternehmen.

Anschließend werden Maßnahmen entwickelt, um Liquidität zu sichern, Kostenstrukturen anzupassen, Finanzierungen neu zu ordnen oder Geschäftsbereiche neu auszurichten.

Manchmal reichen bereits wenige gezielte Schritte aus, um die wirtschaftliche Stabilität wiederherzustellen.

Welche Rolle spielt dabei die Kommunikation mit Gläubigern?

Eine sehr wichtige.

Banken, Lieferanten und andere Gläubiger sind häufig eher bereit, Lösungen zu unterstützen, wenn sie erkennen, dass das Unternehmen aktiv an einer Sanierung arbeitet und professionelle Berater eingebunden sind.

Transparenz schafft Vertrauen – und Vertrauen ist in Krisensituationen oft ein entscheidender Faktor.

Ihr Fazit für Unternehmer?

Unternehmer sollten wirtschaftliche Probleme niemals verdrängen.

Wer frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, verschafft sich Handlungsspielräume. Eine Insolvenz muss kein Scheitern sein. In vielen Fällen kann sie sogar Teil einer erfolgreichen Sanierungsstrategie werden.

Noch besser ist es allerdings, die Krise bereits vorher zu erkennen und gemeinsam mit erfahrenen Restrukturierungs- und Sanierungsexperten gegenzusteuern.

Dann besteht oft die Chance, eine Insolvenz vollständig zu vermeiden.

Zur Person

Rechtsanwalt Daniel Blazek ist Partner der Kanzlei BEMK Rechtsanwälte in Bielefeld. Seine Tätigkeitsschwerpunkte liegen unter anderem im Handels- und Gesellschaftsrecht, Insolvenz- und Sanierungsrecht sowie im Kapitalmarktrecht. Er begleitet seit vielen Jahren Unternehmen in Restrukturierungs- und Sanierungsprozessen.

Weitere Informationen unter: http://www.rae-bemk.de

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Johnson & Johnson bietet bis zu 5,5 Milliarden Dollar für Vergleich in Babypuder-Verfahren

Der US-Gesundheitskonzern Johnson & Johnson will einen langjährigen Rechtsstreit um talumhaltiges Babypuder...

Allgemeines

US-Sänger D4vd muss sich wegen Mordvorwurfs vor Gericht verantworten

Der US-Musiker D4vd muss sich wegen des Todes einer 14-Jährigen vor Gericht...

Allgemeines

Global TREE Project AG: Wer das Aufforstungsgeschäft steuert – und welche Fragen der eigene Prospekt aufwirft

Die Schweizer Global TREE Project AG wirbt mit Aufforstung, Nachhaltigkeit und langfristigen...

Allgemeines

Ecuadors Kampf gegen Drogenbanden: Polizei zwischen Gewalt und Korruption

In der ecuadorianischen Stadt Durán liefern sich Polizei und Drogenbanden einen erbitterten...