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Ein Jahr nach dem Air-India-Absturz: Warum der Streit um die Ursache immer heftiger wird

qimono (CC0), Pixabay
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Ein Jahr nach dem Absturz von Air India Flug 171 ist die entscheidende Frage noch immer unbeantwortet: Warum stürzte die Boeing 787 Dreamliner nur 32 Sekunden nach dem Start ab?

Der Absturz vom 12. Juni 2025 zählt zu den schwersten Flugkatastrophen der vergangenen Jahre. Von den 240 Menschen an Bord überlebte nur ein Passagier. Zudem kamen 19 Menschen am Boden ums Leben. Doch während die Angehörigen auf Antworten warten, entwickelt sich die Untersuchung zunehmend zu einem internationalen Streitfall.

Die Katastrophe wenige Sekunden nach dem Start

Die Maschine war vom Flughafen Ahmedabad auf dem Weg nach London gestartet. Videoaufnahmen zeigen einen zunächst normalen Startvorgang.

Doch kurz nach dem Abheben gewinnt das Flugzeug kaum Höhe. Statt weiter zu steigen, scheint die Maschine nahezu in der Luft zu verharren, bevor sie langsam absinkt und schließlich abstürzt. Sekunden später steigt eine gewaltige Feuer- und Rauchsäule auf.

Die Ursache ist bis heute nicht abschließend geklärt.

Der Vorbericht löst eine Welle von Spekulationen aus

Besonders umstritten ist ein vorläufiger Untersuchungsbericht der indischen Flugunfallbehörde AAIB.

Darin wird festgestellt, dass kurz nach dem Start beide Treibstoffschalter der Triebwerke von der Position „Run“ auf „Cutoff“ wechselten. Dadurch wurde die Treibstoffzufuhr unterbrochen und die Triebwerke verloren ihren Schub.

Zusätzlich verweist der Bericht auf eine Cockpit-Aufzeichnung, in der einer der Piloten den anderen fragt, warum er die Schalter betätigt habe. Der andere Pilot antwortet demnach, dass er dies nicht getan habe.

Mehr Details veröffentlichte die Behörde nicht.

Genau das löste massive Kritik aus.

Wurde vorschnell ein Pilot verantwortlich gemacht?

Pilotenverbände, Luftfahrtexperten und Angehörigenvertreter werfen den Ermittlern vor, mit den bisherigen Informationen indirekt die Besatzung zu belasten.

Insbesondere die Theorie eines möglichen erweiterten Suizids eines Piloten sorgte international für Schlagzeilen.

Mehrere Luftfahrtexperten warnen jedoch davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Die betroffenen Piloten könnten sich nicht mehr gegen entsprechende Vorwürfe verteidigen. Kritiker sehen deshalb die Gefahr, dass menschliches Versagen vorschnell als Ursache präsentiert werde, während technische Probleme nicht ausreichend untersucht würden.

Hinweise auf technische Probleme

Tatsächlich verweisen Kritiker auf eine Reihe technischer Auffälligkeiten.

Demnach soll das Flugzeug bereits in der Vergangenheit elektrische Probleme gehabt haben. Dokumente sollen unter anderem einen Vorfall mit Schäden an einem Hauptstromverteiler aus dem Jahr 2022 belegen. Air India betont allerdings, sämtliche Reparaturen seien ordnungsgemäß nach Herstellervorgaben durchgeführt worden.

Zudem war laut Vorbericht ein bekannter Fehler im sogenannten „Core Network“ des Flugzeugs vorhanden – einem zentralen elektronischen System, das verschiedene Computersysteme der Maschine miteinander verbindet.

Alternative Absturztheorie

Einige Experten vertreten inzwischen eine völlig andere Theorie.

Demnach könnte ein schwerwiegender elektrischer Fehler dazu geführt haben, dass die Flugcomputer unmittelbar nach dem Start neu gestartet wurden. In der Folge könnten Sicherheitssysteme fälschlicherweise angenommen haben, das Flugzeug befinde sich noch am Boden.

Nach dieser Theorie wäre die Treibstoffzufuhr automatisch unterbrochen worden, ohne dass ein Pilot die Schalter tatsächlich betätigt hätte.

Bislang gibt es für diese Annahme jedoch keine offizielle Bestätigung.

Auch das Notstromsystem wirft Fragen auf

Zusätzliche Diskussionen löst das Verhalten des sogenannten Ram Air Turbine Systems (RAT) aus.

Dabei handelt es sich um ein Notstromsystem, das bei schweren Ausfällen automatisch ausfährt und die wichtigsten Flugzeugsysteme mit Energie versorgt.

Videoaufnahmen deuten darauf hin, dass dieses System bereits unmittelbar nach dem Start aktiviert wurde. Anwälte der Opferfamilien argumentieren, dies könne auf technische Probleme hindeuten, die bereits vor dem Ausfall der Triebwerke begonnen hätten.

Boeing und Air India unter Druck

Für Boeing steht viel auf dem Spiel.

Die Boeing 787 Dreamliner galt bislang als eines der sichersten Langstreckenflugzeuge der Welt. Der Absturz von Flug 171 war der erste Totalverlust eines Dreamliners durch einen Unfall.

Auch Air India steht unter Druck. Die Fluggesellschaft kämpft seit Jahren mit wirtschaftlichen Problemen und befindet sich seit der Übernahme durch die Tata Group in einem umfassenden Modernisierungsprozess. Ein technischer Fehler könnte neue Fragen zur Wartung und Flugsicherheit aufwerfen.

Zweifel an der Unabhängigkeit von Flugunfalluntersuchungen

Der Fall hat zudem eine grundsätzliche Debatte ausgelöst.

Kritiker bemängeln, dass Flugunfalluntersuchungen häufig von den Behörden des jeweiligen Landes geleitet werden, während Hersteller und andere Beteiligte gleichzeitig als technische Berater eingebunden sind. Dadurch entstünden Interessenkonflikte oder zumindest der Eindruck mangelnder Unabhängigkeit.

Selbst die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO arbeitet inzwischen an Reformen, um Transparenz und Glaubwürdigkeit bei Flugunfalluntersuchungen zu stärken.

Das entscheidende Dokument wird erwartet

Spätestens zum Jahrestag des Absturzes muss die indische Flugunfallbehörde einen weiteren Bericht oder ein offizielles Update veröffentlichen. Ob dieser Bericht die offenen Fragen tatsächlich beantwortet, bezweifeln jedoch viele Beobachter.

Fest steht bislang nur eines:

Ein Jahr nach dem Absturz von Air India Flug 171 ist die Suche nach der Wahrheit längst nicht beendet. Statt Klarheit herrscht weiterhin Streit über die entscheidenden Sekunden, die mehr als 250 Menschen das Leben kosteten.

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