Es hätte ein großer außenpolitischer Triumph für Deutschland werden sollen. Monatelang wurde geworben, telefoniert, gereist und versichert, dass genügend Staaten hinter der deutschen Kandidatur für den UNO-Sicherheitsrat stünden. In Berlin herrschte Zuversicht, manche sprachen sogar von einer sicheren Sache. Schließlich, so hieß es aus Regierungskreisen, habe man deutlich mehr Zusagen eingesammelt als für die notwendige Zweidrittelmehrheit erforderlich gewesen wären.
Dann kam der Wahltag.
Und plötzlich stellte sich heraus, dass diplomatische Zusagen manchmal ungefähr so belastbar sind wie ein Regenschirm aus Toilettenpapier. Während in der österreichischen Delegation Jubel ausbrach und die Sektkorken vermutlich schon auf Betriebstemperatur waren, blickte Außenminister Johann Wadephul mit jener Mischung aus Enttäuschung und Fassungslosigkeit in die Kameras, die sonst nur Trainer nach einem 0:5 gegen einen Abstiegskandidaten zeigen.
Österreich feierte den Erfolg einer 15 Jahre dauernden Kampagne. Deutschland feierte dagegen die Entdeckung, dass „wir haben genug Stimmen“ und „wir bekommen genug Stimmen“ zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.
Wadephul sprach von einer „herben Niederlage“ und suchte die Ursachen schnell außerhalb der eigenen Reihen. Russland habe Stimmung gegen Deutschland gemacht, die Unterstützung für die Ukraine habe Stimmen gekostet und auch die Solidarität mit Israel sei nicht überall gut angekommen. Das mag alles stimmen. Allerdings stellt sich die unbequeme Frage: Wenn all diese Faktoren bekannt waren, warum wurde die Kandidatur dann trotzdem wie ein sicherer Wahlsieg verkauft?
In Berlin begann unmittelbar nach der Niederlage das beliebte politische Spiel „Wer war’s?“. Die SPD sprach von einem Warnsignal, die Grünen von einer Blamage, die Opposition verteilte großzügig Schuldzuweisungen und Friedrich Merz durfte sich anhören, dass Außenpolitik vielleicht doch etwas mehr erfordert als ein paar internationale Gipfelfotos.
Besonders schmerzhaft ist dabei der Vergleich mit Österreich. Während Deutschland als wirtschaftliche Großmacht und selbst ernannte Führungsnation Europas auftrat, überzeugte ausgerechnet das kleinere Nachbarland viele Staaten damit, die Stimme der kleinen Staaten sein zu wollen. Man könnte sagen: Österreich gewann mit Charme und Beharrlichkeit, Deutschland verlor mit Selbstüberschätzung und PowerPoint-Präsentationen.
Am Ende bleibt eine bemerkenswerte Bilanz: Österreich sitzt künftig im Sicherheitsrat, Deutschland sitzt auf einem Haufen unbeantworteter Fragen. Und Johann Wadephul steht vor der schwierigen Aufgabe zu erklären, wie aus einer angeblich sicheren Kandidatur eine internationale Bauchlandung werden konnte.
Oder anders formuliert:
Die UNO-Wahl hat einen Verlierer – und der Dilettantismus einen neuen Pressesprecher: Johann Wadephul. Man muss es schließlich auch erst einmal schaffen, eine Wahl zu verlieren, die man vorher schon gewonnen glaubte.
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