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Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen

u_bdw6dw6hfj (CC0), Pixabay
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So oder so ähnlich dürfte derzeit die Stimmung bei vielen Mitarbeitern der Siemens-Tochter Evosoft sein. Jahrzehntelang entwickelte man Software, IT-Lösungen und Automatisierungstechnik für den Mutterkonzern Siemens. Man arbeitete zuverlässig, effizient und offenbar so gut, dass rund 95 Prozent aller Aufträge direkt aus dem eigenen Konzern kamen.

Doch nun lautet die neue Botschaft aus der Konzernzentrale offenbar: Danke für die jahrzehntelange Zusammenarbeit – die Arbeit machen künftig andere. Und zwar im Ausland.

Natürlich heißt das heutzutage nicht Verlagerung, sondern „Umstrukturierung“. Das klingt moderner und verursacht weniger schlechte Presse. Tatsächlich bleibt das Ergebnis jedoch dasselbe: Bis Ende 2027 verschwinden die deutschen Evosoft-Standorte, und hunderte Beschäftigte dürfen sich überlegen, wie ihre persönliche Zukunft aussieht.

Besonders bemerkenswert ist die Begründung. Die Geschäftsgrundlage entfällt, weil Siemens die Aufträge künftig nicht mehr an die eigene deutsche Tochter vergeben möchte. Das muss man erst einmal schaffen: Ein Unternehmen verliert seine Existenzgrundlage, weil der Eigentümer beschließt, die Aufträge künftig woanders zu vergeben. Betriebswirtschaftlich sicherlich nachvollziehbar. Für die Betroffenen vermutlich weniger.

Immerhin gibt es Hoffnung. Die Mitarbeiter dürfen sich nun auf freie Stellen bei Siemens bewerben. Das ist großzügig. Man nimmt den Menschen zwar die bisherigen Arbeitsplätze weg, gibt ihnen aber die Möglichkeit, sich auf neue Stellen zu bewerben. Wer dabei leer ausgeht, darf sich vermutlich damit trösten, Teil einer erfolgreichen Transformation gewesen zu sein.

Die eigentliche Frage lautet jedoch: Was bleibt von den ständig beschworenen Bekenntnissen zum Industriestandort Deutschland?

In Sonntagsreden hört man regelmäßig, wie wichtig Fachkräfte, Innovationen und hochwertige Arbeitsplätze in Deutschland seien. Wenn es dann aber um Kosten, Renditen und internationale Wettbewerbsfähigkeit geht, entdeckt selbst ein deutscher Traditionskonzern plötzlich die Vorzüge günstigerer Standorte im Ausland.

Natürlich ist Siemens damit nicht allein. Seit Jahren erleben wir dieselbe Geschichte in immer neuen Varianten. Zuerst wird erklärt, wie unverzichtbar die Mitarbeiter sind. Anschließend wird betont, dass man vor enormen Herausforderungen stehe. Danach folgt die Umstrukturierung. Und am Ende stellt man fest, dass die Arbeit auch in Ungarn, Rumänien, Indien oder anderswo erledigt werden kann.

Für die Betroffenen bleibt die Erkenntnis, dass Loyalität in modernen Konzernen häufig eine Einbahnstraße ist. Solange die Zahlen stimmen, gehört man zur Familie. Werden andere Standorte günstiger, wird aus der Familie schnell ein Kostenfaktor.

Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.

Nur dass man es heute etwas eleganter formuliert: „Im Rahmen einer strategischen Neuausrichtung werden Synergien gehoben und internationale Kompetenzen gebündelt.“ Klingt doch gleich viel freundlicher.

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