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Christopher Nolans „Odyssey“ lässt Homers Klassiker neu aufleben

jankosmowski (CC0), Pixabay
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Der Kinostart von Christopher Nolans „The Odyssey“ sorgt nicht nur an den Kinokassen für Aufmerksamkeit. Auch in den Buchhandlungen und Bibliotheken ist Homers rund 3.000 Jahre altes Epos plötzlich wieder stark gefragt. Besonders eine Ausgabe profitiert vom neuen Interesse: die moderne englische Übersetzung der Altphilologin Emily Wilson.

Nolans Film, prominent besetzt und von Kritikern bereits als eines seiner ambitioniertesten Werke bezeichnet, hat offenbar viele Zuschauerinnen und Zuschauer dazu gebracht, sich vor oder nach dem Kinobesuch noch einmal mit der literarischen Vorlage zu beschäftigen. Nach Daten des Marktforschungsdienstes Circana BookScan sind die Verkäufe verschiedener englischer Übersetzungen der „Odyssey“ in diesem Jahr deutlich gestiegen. Auch digitale Ausleihen und Hörbuchabrufe verzeichneten spürbare Zuwächse.

Besonders gefragt ist Wilsons 2017 erschienene Übersetzung. Sie gilt als erste veröffentlichte englische Gesamtübersetzung der „Odyssey“ durch eine Frau und hat sich in diesem Jahr zur meistverkauften Ausgabe entwickelt. Nach Angaben des Verlags W. W. Norton hat die Übersetzung in den USA bereits mehr als eine Million Exemplare verkauft. Der Anstieg habe nach der Ankündigung des Films im Dezember 2024 eingesetzt.

Auch Bibliotheken berichten von hoher Nachfrage. In der New York Public Library entfällt nach Angaben der Bibliothek ein Großteil der Vormerkungen für gedruckte Ausgaben der „Odyssey“ auf Wilsons Übersetzung. Bei E-Books und Hörbüchern ist der Anteil ebenfalls erheblich.

Der Grund für die besondere Popularität liegt nicht allein in Nolans Verweis auf Wilsons Arbeit. Ihre Übersetzung gilt als zugänglich, klar und bewusst modern. Wilson verwendet eine Sprache, die heutige Leserinnen und Leser unmittelbar erreicht, ohne den antiken Stoff museal wirken zu lassen. Gerade diese Modernität macht ihre Fassung allerdings auch umstritten.

Ein Beispiel für die Debatte ist der Begriff „dad“, den Tom Holland als Telemachus im Trailer des Films verwendet. Kritiker empfanden diese Wortwahl als zu modern. Nolan und Holland verteidigten sie jedoch mit dem Argument, dass auch das traditionellere „father“ keine wirklich authentische Entsprechung zum altgriechischen Original sei. Jede englische Fassung sei zwangsläufig eine moderne Annäherung.

Wilson selbst argumentiert ähnlich. Absolute sprachliche Authentizität sei nur möglich, wenn ein Drehbuch vollständig in homerischem Griechisch verfasst würde – was zwar reizvoll, aber für ein Massenpublikum kaum praktikabel wäre.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt Wilsons Übersetzung auch, weil sie traditionelle Deutungen hinterfragt. Sie vermeidet etwa abwertende Begriffe für die weiblichen Sklavinnen, die in vielen früheren Übersetzungen moralisch verurteilt wurden. Wilson betont, dass solche Beschimpfungen im griechischen Original keine direkte Grundlage hätten. Ihre Fassung versucht daher, Machtverhältnisse, Gewalt und weibliches Leid weniger beschönigend darzustellen.

Damit steht Wilsons „Odyssey“ für einen größeren Trend: Klassiker werden nicht nur neu gelesen, sondern auch neu befragt. Nolans Film hat diesen Prozess nun einem breiten Publikum geöffnet. Ein antiker Text, der seit Jahrtausenden über Heimkehr, Krieg, Treue, Gewalt und Identität erzählt, wird dadurch erneut Teil der Gegenwart.

Der Erfolg zeigt: Alte Stoffe verschwinden nicht. Sie verändern ihre Form, ihre Sprache und ihr Publikum. Homers „Odyssey“ ist durch Nolan und Wilson nicht plötzlich modern geworden – sie war es offenbar immer. Man musste sie nur neu hören.

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