China will künstliche Intelligenz umfassend in Wirtschaft und Gesellschaft einsetzen. Gleichzeitig versucht die Regierung, mögliche Folgen für Beschäftigung und soziale Stabilität zu begrenzen.
Bei der World AI Conference in Shanghai hat Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping für eine stärkere internationale Regulierung künstlicher Intelligenz und zugleich für einen breiteren Zugang zu der Technologie geworben.
China befindet sich im weltweiten Wettbewerb um die technologische Führungsrolle vor allem mit den Vereinigten Staaten. Dabei verfolgt die Regierung in Peking eine doppelte Strategie: KI soll möglichst schnell in Industrie, Dienstleistungen und öffentlicher Verwaltung eingesetzt werden. Zugleich sollen negative Folgen für den Arbeitsmarkt und die gesellschaftliche Stabilität kontrolliert werden.
Automatisierung ist bereits weit verbreitet
China verfügt über umfangreiche Erfahrungen mit der Automatisierung von Arbeitsprozessen. In mehreren Städten sind fahrerlose Taxis und Lieferfahrzeuge im Einsatz. Drohnen transportieren Lebensmittel, Serviceroboter arbeiten in Hotels und Restaurants, während automatisierte Systeme auf Parkplätzen Batterien von Elektrofahrzeugen wechseln.
Auch in der Industrie gehört China zu den führenden Ländern beim Einsatz von Robotern. Besonders in der Fahrzeugproduktion und der Elektronikindustrie übernehmen Maschinen zahlreiche Aufgaben, die zuvor von Menschen erledigt wurden.
Die chinesische Regierung hat in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel in Forschung, Rechenzentren, Robotik und die Entwicklung eigener KI-Systeme investiert. Ziel ist es, die Abhängigkeit von ausländischen Technologien zu reduzieren und China als führenden Standort der KI-Wirtschaft zu etablieren.
Robotaxis lösten Debatte über Arbeitsplatzverluste aus
Wie konfliktträchtig die Automatisierung sein kann, zeigte sich in Wuhan. Die zentralchinesische Stadt gehört zu den wichtigsten Testgebieten für autonomes Fahren. Der Technologiekonzern Baidu hatte dort seinen Robotaxi-Dienst Apollo Go stark ausgeweitet.
Taxifahrer äußerten daraufhin Sorgen über sinkende Einnahmen und den möglichen Verlust ihrer Arbeitsplätze. Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt die Debatte, nachdem ein autonomes Fahrzeug in Wuhan einen Fußgänger erfasste.
In sozialen Netzwerken wurde daraufhin sowohl über die Verkehrssicherheit der Fahrzeuge als auch über die Auswirkungen auf Beschäftigte diskutiert. Kritische Beiträge wurden teilweise gelöscht oder eingeschränkt. Dennoch zeigte die Debatte, dass Automatisierung auch in China gesellschaftlichen Widerstand auslösen kann.
Beschäftigung als politisches Risiko
Die chinesische Führung betrachtet die möglichen Folgen künstlicher Intelligenz nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als politische Herausforderung.
Die Konjunktur entwickelt sich schwächer als in früheren Jahren. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen hoch. Besonders betroffen sind Hochschulabsolventen, die trotz guter Ausbildung Schwierigkeiten beim Berufseinstieg haben.
Auch gering qualifizierte Beschäftigte mittleren Alters geraten durch Automatisierung unter Druck. Für sie ist ein Wechsel in neue Berufsfelder häufig besonders schwierig.
Ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit könnte das Vertrauen in die Regierung beeinträchtigen und soziale Spannungen verstärken. Deshalb versucht die Kommunistische Partei, den technischen Wandel mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen zu begleiten.
Neue Arbeitsplätze und Weiterbildungsangebote
Im aktuellen Fünfjahresplan verpflichtet sich die chinesische Führung, die Auswirkungen von KI auf die Beschäftigung umfassend zu berücksichtigen.
Der Staatsrat stellte dazu einen Maßnahmenplan vor, der unter anderem die Entstehung neuer KI-bezogener Berufe fördern soll. Das Ministerium für Humanressourcen und soziale Sicherheit kündigte gezielte Beschäftigungsprogramme für besonders betroffene Branchen an.
Darüber hinaus setzt die Regierung auf berufliche Weiterbildung. Beschäftigte sollen für Tätigkeiten qualifiziert werden, die im Zusammenhang mit KI-Systemen, Datenverarbeitung, Robotik und automatisierter Produktion entstehen.
Aus dem politischen Raum gibt es zudem Vorschläge für eine spezielle Arbeitslosenversicherung für Menschen, deren Stellen durch künstliche Intelligenz ersetzt werden.
Gerichte setzen Grenzen bei KI-bedingten Kündigungen
Auch die chinesische Justiz beschäftigt sich zunehmend mit arbeitsrechtlichen Folgen der Automatisierung.
In einem viel beachteten Verfahren entschied ein Gericht, dass ein Technologieunternehmen einen Mitarbeiter nicht rechtmäßig entlassen hatte, nachdem dessen Aufgaben durch eine KI-Anwendung übernommen worden waren.
Das Gericht stellte klar, dass Unternehmen ihre Arbeitsabläufe zwar aufgrund technischer Entwicklungen verändern dürfen. Gleichzeitig müssten sie jedoch die Rechte und berechtigten Interessen der Beschäftigten beachten.
Die Entwicklung künstlicher Intelligenz solle dazu beitragen, Arbeit zu erleichtern, Beschäftigung zu fördern und die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern, erklärte das zuständige Gericht.
Das Urteil wurde als Signal an Unternehmen verstanden, KI nicht ohne Prüfung arbeitsrechtlicher Verpflichtungen als unmittelbaren Ersatz für Beschäftigte einzusetzen.
Starker Einfluss des Staates
Chinas Vorgehen beruht auf einer weitreichenden staatlichen Steuerung. Die Regierung kann Unternehmen Investitionsziele vorgeben, Branchen fördern, Geschäftsmodelle begrenzen und auf Personalentscheidungen Einfluss nehmen.
Technologiepolitik, Arbeitsmarktpolitik und gesellschaftliche Kontrolle sind dabei eng miteinander verbunden. Die chinesische Führung will den wirtschaftlichen Nutzen künstlicher Intelligenz ausschöpfen, ohne die politische Stabilität zu gefährden.
Dieser Ansatz lässt sich nur eingeschränkt auf westliche Demokratien übertragen. Dort unterliegen Eingriffe in unternehmerische Entscheidungen, Meinungsfreiheit und Arbeitsmärkte anderen rechtlichen und politischen Grenzen.
Dennoch verweist die chinesische Strategie auf eine Frage, die auch andere Staaten beschäftigt: Wie lässt sich technologischer Fortschritt fördern, ohne große Teile der Bevölkerung wirtschaftlich zurückzulassen?
Indien setzt auf Wachstum und neue Arbeitsplätze
Indien verfolgt einen anderen Schwerpunkt. Die Regierung betrachtet künstliche Intelligenz vor allem als Instrument zur Steigerung von Produktivität und Wirtschaftswachstum.
Das Land investiert stark in Rechenzentren und digitale Infrastruktur. Neben dem indischen Mischkonzern Reliance bauen auch internationale Unternehmen wie Google, Amazon und Microsoft ihre Kapazitäten aus.
Die Regierung hofft, dass dadurch neue Arbeitsplätze in den Bereichen Software, Datenverarbeitung, Rechenzentrumsbetrieb und digitale Dienstleistungen entstehen.
Diese Strategie ist auch dem demografischen Druck geschuldet. Jedes Jahr treten in Indien mehrere Millionen Menschen neu in den Arbeitsmarkt ein. Die Wirtschaft muss deshalb dauerhaft eine große Zahl zusätzlicher Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen.
Weiterbildungsprogramme sollen dafür sorgen, dass Beschäftigte nicht nur von Automatisierung betroffen sind, sondern auch von neuen Tätigkeiten profitieren.
Da Indien bisher nur in begrenztem Umfang eigene Halbleiter produziert, setzt das Land vor allem auf Rechenzentren, Software und KI-Dienstleistungen als mögliche Wettbewerbsvorteile.
Japan nutzt KI gegen den Arbeitskräftemangel
In Japan sind die Ausgangsbedingungen erneut anders. Das Land leidet unter einer alternden Bevölkerung und einem zunehmenden Mangel an Arbeitskräften.
Die Regierung fördert deshalb den Einsatz von KI und Robotik vor allem in Bereichen, in denen Personal fehlt. Dazu gehören die Pflege, die Medizin, die Gastronomie, der Einzelhandel und die Logistik.
Automatisierung soll dort nicht in erster Linie Arbeitsplätze verdrängen, sondern fehlende Beschäftigte ersetzen und bestehendes Personal entlasten.
Besonders in der Pflege werden Roboter und KI-Systeme erprobt, die bei körperlich belastenden Tätigkeiten, der Überwachung von Patienten oder der Dokumentation unterstützen können.
Unterschiedliche Antworten auf dieselbe Herausforderung
China, Indien und Japan verfolgen unterschiedliche Strategien im Umgang mit künstlicher Intelligenz.
China verbindet technologischen Ausbau mit staatlicher Kontrolle und Maßnahmen zur Stabilisierung des Arbeitsmarkts. Indien setzt auf Investitionen, Wachstum und die Entstehung neuer digitaler Dienstleistungen. Japan nutzt KI vor allem als Antwort auf den demografisch bedingten Arbeitskräftemangel.
Gemeinsam ist allen drei Ländern, dass sie künstliche Intelligenz nicht nur als technologische Entwicklung betrachten. Sie verstehen sie als wirtschafts-, arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitische Herausforderung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, welche Staaten die leistungsfähigsten KI-Systeme entwickeln. Ebenso wichtig ist, wie sie mit den Menschen umgehen, deren Arbeitsplätze und Lebensbedingungen sich durch diese Technologie verändern.
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