Kontrolle, Abhängigkeit und Drohungen: Eine Frau schildert ihr Leben im System Jeffrey Epsteins
Unter dem Pseudonym „Anya“ berichtet eine frühere Assistentin, wie der verurteilte Sexualstraftäter Jeffrey Epstein sie mit beruflichen Versprechen angeworben und anschließend über Jahre kontrolliert und missbraucht habe. Ihre Schilderungen zeigen, wie auch erwachsene Opfer durch Grooming, wirtschaftliche Abhängigkeit und psychischen Druck gebunden werden können.
Eine Woche nach dem Tod Jeffrey Epsteins im August 2019 stand nach Angaben einer früheren Assistentin dessen Bruder vor ihrer Wohnung in Manhattan. Sie müsse ausziehen, soll er ihr mitgeteilt haben. Die Wohnung gehörte zu mehreren Immobilien, in denen Epstein Frauen unterbrachte, die für ihn arbeiteten und nach ihren späteren Aussagen von ihm missbraucht wurden.
Der Bruder erklärte, von den Straftaten Jeffreys nichts gewusst zu haben.
Für die Frau, die in dem Bericht unter dem Namen „Anya“ auftritt, bedeutete der Verlust der Wohnung zugleich das Ende einer jahrelangen Abhängigkeit. Sie sei zwar weder eingesperrt noch angekettet gewesen, beschreibt aber ein System aus psychischer Kontrolle, finanzieller Unsicherheit, Überwachung und Drohungen. Epstein selbst habe seine Umgebung nach ihrer Darstellung mit einem Kult verglichen, in dem er die Rolle des Anführers einnahm.
Anya gehörte nach eigenen Angaben zu einer Gruppe von zeitweise etwa zwölf Frauen, die Epstein als Assistentinnen beschäftigte. Sie seien rund um die Uhr für ihn verfügbar gewesen, von ihm untergebracht und regelmäßig sexuell missbraucht worden. Ihre Aussagen sind Teil einer aktuellen journalistischen Untersuchung.
Anwerbung über die Modebranche
Anya wuchs in Russland auf und arbeitete nach ihrem Studium als Model in Europa. Nach ihrer Darstellung verfügte sie damals über Freunde, familiäre Kontakte und ein eigenständiges berufliches Leben.
In ihren frühen Zwanzigern lernte sie in einer Pariser Modelagentur einen Vermittler kennen. Dieser soll ihr angeboten haben, sie mit Epstein bekannt zu machen, der angeblich über weitreichende Kontakte in die Modebranche verfügte.
Anya ist heute überzeugt, gezielt ausgewählt worden zu sein. Der betreffende Vermittler hat früher bestritten, von der Gefahr gewusst zu haben, die von Epstein ausging. Zu den aktuellen Vorwürfen äußerte er sich dem Bericht zufolge nicht.
Das erste Treffen fand nach Anyas Darstellung in Epsteins großer Wohnung in Paris statt. Fotografien mit Politikern und anderen prominenten Persönlichkeiten hätten den Eindruck gesellschaftlicher Anerkennung und Seriosität vermittelt.
Epstein habe sie aufgefordert, sich für eine angebliche Beurteilung ihrer Eignung als Model bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Anschließend habe er ihren Körper kritisiert und erklärt, sie müsse intensiver trainieren.
Solche Bemerkungen seien in der Modebranche nicht ungewöhnlich gewesen. Deshalb habe sie das Verhalten damals nicht als unmittelbare Warnung verstanden.
Gleichzeitig habe Epstein ausführlich nach ihrer Familie, ihren beruflichen Zielen und ihren persönlichen Interessen gefragt. Diese Aufmerksamkeit habe ihr das Gefühl vermittelt, ernst genommen zu werden. Später habe sie erkannt, dass die dabei gewonnenen Informationen auch dazu genutzt worden seien, ihre Wünsche, Unsicherheiten und Schwachstellen auszunutzen.
Berufliche Versprechen als Mittel der Kontrolle
Über Monate habe Epstein ihr eine internationale Modelkarriere in Aussicht gestellt. Sie trainierte nach eigenen Angaben intensiv, schickte auf seine Aufforderung Bilder und wartete auf die versprochenen Kontakte.
Tatsächlich arrangierte Epstein ein Treffen mit einer Vertreterin einer bekannten Modelagentur. Anya wurde anschließend mitgeteilt, sie sei für den New Yorker Markt nicht geeignet.
Erst nach der Veröffentlichung neuer Unterlagen habe sie erfahren, dass die Agentur sie offenbar bereits wesentlich früher abgelehnt hatte. Für Anya bestätigte dies den Verdacht, dass das lange Auswahlverfahren vor allem dazu gedient habe, sie emotional zu binden und abhängig zu machen.
Die Vertreterin der Modelagentur weist jede Kenntnis oder Beteiligung an einem mutmaßlichen Menschenhandel zurück. Auch die Agentur erklärte, sie habe keine geschäftliche Beziehung zu Epstein unterhalten.
Nach einem längeren Zeitraum lud Epstein Anya nach Palm Beach in Florida ein. Dort verbüßte er nach seiner Verurteilung im Jahr 2008 eine Haftstrafe mit umfangreichen Freigangsregelungen.
Während eines Besuchs soll er sie erstmals sexuell angegriffen haben. Anschließend habe er ihr Verhalten gegenüber anderen Frauen als übertriebene Schüchternheit dargestellt. Deren Reaktionen hätten dazu geführt, dass sie zunächst an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifelte und sich selbst die Verantwortung gab.
Psychologen beschreiben solche langsamen Manipulationsprozesse als Grooming. Vertrauen wird dabei schrittweise aufgebaut, während Grenzen allmählich verschoben werden. Das Opfer erkennt die zunehmende Kontrolle häufig erst, nachdem bereits eine erhebliche emotionale oder wirtschaftliche Abhängigkeit entstanden ist.
Vom Model zur ständig verfügbaren Assistentin
Epstein hielt Anya nach ihrer Darstellung weiterhin berufliche Möglichkeiten in der Modebranche in Aussicht. Tatsächliche Aufträge habe es jedoch kaum gegeben. Angebliche Buchungen hätten sie stattdessen wiederholt in Häuser Epsteins geführt, wo es zu weiterem Missbrauch gekommen sei.
Später erklärte er ihr, die Modelbranche biete ihr keine Zukunft. Sie solle stattdessen für ihn arbeiten. Er versprach Reisen, Kontakte zu einflussreichen Menschen und eine Ausbildung im Geschäftsleben.
Die Tätigkeit als Assistentin habe jedoch vor allem aus Warten, einfachen Erledigungen und ständiger Verfügbarkeit bestanden. Epstein habe ihr einerseits kaum sinnvolle Aufgaben gegeben, sie andererseits aber dafür abgewertet, untätig zu sein.
Verließ sie das Haus ohne seine Zustimmung, soll er sie wiederholt angerufen und zur Rückkehr aufgefordert haben. Medizinische Versorgung, Wohnung und Lebensunterhalt wurden nach ihrer Darstellung zunehmend von ihm kontrolliert.
Anya verfügte zeitweise weder über ein eigenes Bankkonto noch über die notwendigen Unterlagen, um selbstständig eine Wohnung anzumieten. Gleichzeitig habe Epstein sie mehrfach kurzfristig aus einer von ihm gestellten Unterkunft geworfen. Dadurch sei ihr immer wieder vorgeführt worden, dass ihre gesamte materielle Sicherheit von seinem Wohlwollen abhing.
Erst Jahre später habe sie ein geringes Gehalt erhalten, weil dies für ihren Aufenthaltsstatus erforderlich gewesen sei. Der sexuelle Missbrauch sei währenddessen fortgesetzt worden.
Überwachung und finanzielle Drohkulissen
Als eine andere Assistentin flüchtete, soll Epstein einen Privatdetektiv mit ihrer Suche beauftragt haben. Anschließend habe er Anya eine Aufstellung gezeigt, nach der die Geflüchtete ihm angeblich rund 700.000 Dollar schulde.
Anya verstand dies nach eigener Aussage als Warnung: Wer das System verlasse, werde verfolgt und mit angeblichen Forderungen konfrontiert.
Da Epstein die Telefone der Frauen bereitgestellt und ihre Kommunikation kontrolliert habe, hätten sie außerdem befürchten müssen, dass Kontakte untereinander entdeckt würden.
Nach Anyas Schilderung sammelte Epstein zudem kompromittierendes Material. Er habe sie wiederholt daran erinnert, dass er Nacktaufnahmen von ihr besitze. Bei einer gemeinsamen Foto- und Videoaufnahme soll er mehrere Assistentinnen dazu bewegt haben, sich freizügig und scheinbar ausgelassen zu zeigen.
Anya vermutet, dass solche Aufnahmen später den Eindruck freiwilliger Teilnahme vermitteln und mögliche Aussagen der Frauen unglaubwürdig erscheinen lassen sollten.
Auch sogenannte Dankesbriefe gehörten nach ihrer Darstellung zum System. Die Assistentinnen mussten darin ausführlich formulieren, wie dankbar sie Epstein seien. Solche Schreiben konnten nicht nur die emotionale Abhängigkeit verstärken, sondern im Konfliktfall auch als vermeintlicher Beleg eines guten Verhältnisses eingesetzt werden.
Frauen wurden gegeneinander ausgespielt
Epstein habe die Assistentinnen gezielt voneinander isoliert. Er soll einzelnen Frauen erzählt haben, andere hielten sie für nutzlos oder faul. Gleichzeitig stellte er sich selbst als ihr einziger Unterstützer dar.
Durch diese Strategie sei verhindert worden, dass die Betroffenen Vertrauen zueinander entwickelten, Erfahrungen verglichen oder gemeinsam Widerstand leisteten.
Die psychische Kontrolle bezog sich nach Anyas Angaben auch auf ihren Körper. Epstein störte sich demnach an einer kleinen Tätowierung aus ihrer Jugend. Statt einer üblichen Laserbehandlung soll er darauf gedrängt haben, das tätowierte Hautstück operativ zu entfernen.
Der Eingriff habe sichtbare Narben hinterlassen. Weil Epstein mit dem Ergebnis unzufrieden gewesen sei, habe er später eine weitere Operation verlangt.
Opfer wurden in die Anwerbung weiterer Frauen einbezogen
Als besonders belastend beschreibt Anya, dass auch sie weitere Frauen in Epsteins Umfeld bringen musste. Jede Assistentin sei angehalten worden, mindestens eine weitere junge Frau anzuwerben.
Damit habe Epstein seine Opfer zugleich zu Beteiligten seines Systems gemacht. Wer selbst eine andere Frau vermittelt hatte, musste befürchten, für deren späteren Missbrauch mitverantwortlich gemacht zu werden.
Diese künstlich erzeugte Mitschuld erschwerte nach Anyas Einschätzung einen Ausstieg zusätzlich. Die Betroffenen empfanden sich nicht mehr ausschließlich als Opfer, sondern schämten sich auch für Handlungen, zu denen sie unter Druck gebracht worden waren.
Anya bezeichnet das Umfeld deshalb als ein umfassendes System des Missbrauchs. Epsteins Kontakte zu wohlhabenden und einflussreichen Persönlichkeiten hätten ihm zusätzliche Legitimität verliehen. Wenn bekannte Menschen mit ihm verkehrten, habe sie sich gefragt, welches Recht sie selbst habe, sein Verhalten infrage zu stellen.
Die bloße Erwähnung oder dokumentierte Bekanntschaft mit Epstein belegt allerdings keine Beteiligung an dessen Straftaten. Kontakte, Treffen und gesellschaftliche Beziehungen müssen von Kenntnis oder Mitwirkung am Missbrauch klar unterschieden werden.
Neue Akten und Aussagen vor dem Kongress
Das US-Justizministerium veröffentlichte Ende Januar 2026 nach eigenen Angaben mehr als drei Millionen zusätzliche Seiten aus Ermittlungen und Gerichtsverfahren zu Epstein und Ghislaine Maxwell. Zusammen mit früheren Veröffentlichungen umfasste die Freigabe annähernd 3,5 Millionen Seiten sowie zahlreiche Bilder und Videos. Das Ministerium warnte zugleich, dass sich unter den Unterlagen auch falsche oder ungeprüfte Einsendungen befinden können. Dokumente aus der Sammlung sind deshalb nicht automatisch als Beweis für die darin enthaltenen Behauptungen zu verstehen.
Im Mai 2026 sagte außerdem eine weitere frühere Assistentin, Sarah Kellen, vor dem Kontrollausschuss des US-Repräsentantenhauses aus. Sie schilderte dort nach Angaben des Ausschusses jahrelangen Missbrauch und einen zunehmenden Verlust persönlicher Entscheidungsfreiheit. Der Ausschuss veröffentlichte später das Protokoll ihrer Befragung.
Die Aussagen von Kellen und Anya ähneln sich in zentralen Punkten: Beide beschreiben Epstein als jemanden, der sich zunächst als Helfer und Beschützer präsentierte, anschließend aber wirtschaftliche Abhängigkeiten schuf und die Fähigkeit seiner Opfer zu selbstständigen Entscheidungen systematisch schwächte.
Erwachsene können ebenfalls Opfer von Grooming werden
Der Fall widerspricht der verbreiteten Vorstellung, nur Kinder und Jugendliche könnten durch Grooming in ein Missbrauchssystem geraten.
Auch Erwachsene können gezielt ausgewählt, isoliert und abhängig gemacht werden. Faktoren wie ein unsicherer Aufenthaltsstatus, finanzielle Probleme, berufliche Hoffnungen, familiäre Distanz oder fehlende soziale Netzwerke können dabei ausgenutzt werden.
Entscheidend ist nicht, ob ein Opfer eine Wohnung verlassen oder theoretisch widersprechen konnte. Maßgeblich ist vielmehr, welche wirtschaftlichen, psychischen und sozialen Konsequenzen ihm für diesen Fall angedroht wurden.
Bei coercive control – auf Deutsch etwa zwanghafter oder kontrollierender Machtausübung – entsteht die Bindung nicht zwingend durch sichtbare Gewalt. Sie kann auf der Kontrolle von Geld, Wohnung, medizinischer Versorgung, Kontakten und beruflichen Perspektiven beruhen.
Entschädigung und spätes öffentliches Sprechen
Anya und Sarah Kellen erhielten später Zahlungen aus dem Entschädigungsfonds für Epstein-Opfer. Für eine Entschädigung mussten Betroffene ihre Angaben durch unterstützende Informationen oder Belege nachvollziehbar machen.
Anya erklärt, sie habe zu Epsteins Lebzeiten mit niemandem offen über den Missbrauch gesprochen. Heute wolle sie mit ihrer Geschichte anderen Betroffenen zeigen, wie Abhängigkeitssysteme funktionieren und dass ein Ausstieg möglich ist.
Ihre Schilderung liefert keine vollständige Aufarbeitung des Epstein-Komplexes. Sie macht jedoch sichtbar, dass dessen Macht nicht allein auf Geld, Immobilien oder prominenten Kontakten beruhte.
Das System funktionierte nach ihrer Darstellung vor allem deshalb, weil berufliche Hoffnungen, materielle Abhängigkeit, Scham, Überwachung und Angst miteinander verbunden wurden.
Die entscheidenden Fesseln waren demnach nicht sichtbar. Gerade deshalb waren sie für die Betroffenen so schwer zu lösen.
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