Die Debatte, die lange nur hinter vorgehaltener Hand geführt wurde, erreicht inzwischen immer stärker die politische Mitte:
Kann sich Deutschland die sogenannte „Brandmauer“ zur Alternative für Deutschland auf Dauer überhaupt noch leisten?
Mit den Aussagen des früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Torsten Albig bekommt diese Diskussion nun zusätzliche Brisanz. Der langjährige SPD-Politiker fordert offen, dass seine Partei zumindest bei einzelnen Themen mit der AfD zusammenarbeiten sollte – nicht aus ideologischer Nähe, sondern aus politischer Realität heraus.
Und genau dort liegt der Kern des Problems.
Denn die Zahlen verändern die politische Landschaft massiv.
Wenn eine Partei dauerhaft auf Werte um die 30 Prozent kommt, wie es aktuelle Umfragen für die AfD zeigen, dann wird die bisherige Strategie der vollständigen Isolation immer schwieriger durchzuhalten. Nicht nur mathematisch, sondern auch demokratiepolitisch.
Denn je stärker die AfD wird, desto komplizierter werden stabile Mehrheiten ohne sie.
Die Folge:
immer größere Koalitionen,
immer mehr politische Kompromisse,
immer mehr Zweckbündnisse
und immer mehr Frust bei Wählern, die das Gefühl haben, dass am Ende „alle mit allen“ regieren – nur um eine Partei auszuschließen.
Genau darauf spielt Albig an.
Seine Aussage, man könne nicht dauerhaft so tun, „als wäre die AfD die Ausgeburt der Hölle“, dürfte viele in der SPD empören. Gleichzeitig spricht er aber ein Problem an, das längst viele Bürger beschäftigt:
Was passiert, wenn Millionen Wähler dauerhaft politisch isoliert werden?
Denn eines ist ebenfalls Realität:
Nicht jeder AfD-Wähler ist automatisch Extremist. Viele ehemalige SPD-, CDU- oder Linken-Wähler sind aus Frust, Protest oder Enttäuschung zur AfD gewechselt.
Gerade in Ostdeutschland wird das immer sichtbarer.
Und genau deshalb wächst der Druck auf die etablierten Parteien.
Die eigentliche Gefahr für SPD, CDU oder Grüne liegt möglicherweise nicht einmal in der AfD selbst – sondern darin, dass sie über Jahre zentrale Themen vieler Bürger unterschätzt oder ignoriert haben:
- Migration,
- soziale Unsicherheit,
- Energiepreise,
- innere Sicherheit,
- wirtschaftliche Abstiegsängste
und das Gefühl vieler Menschen, politisch nicht mehr ernst genommen zu werden.
Solange diese Probleme ungelöst bleiben, wird die AfD weiter wachsen – unabhängig von jeder Brandmauer.
Natürlich gibt es gleichzeitig gewichtige Argumente gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD. Teile der Partei werden vom Verfassungsschutz beobachtet, viele Aussagen einzelner Funktionäre sorgen regelmäßig für massive Kritik. Gerade deshalb lehnen viele Politiker Kooperationen kategorisch ab.
Aber genau hier beginnt die eigentliche politische Zerreißprobe:
Kann Demokratie dauerhaft funktionieren, wenn ein immer größerer Teil der Wähler faktisch von jeder Machtbeteiligung ausgeschlossen bleibt?
Diese Frage wird Deutschland in den kommenden Jahren massiv beschäftigen.
Denn die bisherige Strategie zeigt immer weniger Wirkung:
Die AfD verschwindet nicht.
Sie wird stärker.
Und damit wächst zwangsläufig auch die Diskussion darüber, ob starre Brandmauern langfristig politisch überhaupt noch tragfähig sind.
Am Ende könnte die eigentliche Lösung allerdings ganz woanders liegen:
Nicht in Kooperationen mit der AfD –
sondern darin, dass SPD, CDU, CSU, Grüne und Linke endlich wieder Politik machen, bei der sich breite Teile der Bevölkerung vertreten fühlen.
Denn wenn etablierte Parteien Vertrauen zurückgewinnen, verliert auch die Brandmauer automatisch an Bedeutung.
Solange das aber nicht gelingt, dürfte die Debatte über Zusammenarbeit, Minderheitsregierungen und politische Isolation weiter eskalieren.
Der Wiederaufbau nachdem die letzte Brandmauer fiel hat 30 Jahre gedauert.