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Aue im freien Fall: Ist Erzgebirge Aue inzwischen das Musterbeispiel dafür, wie Dilettantismus in der Geschäftsführung einen Traditionsverein kaputtmacht?

jorono (CC0), Pixabay
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Man muss es fast bewundern.

Nicht die sportliche Leistung.
Nicht die Kaderplanung.
Nicht die Trainerwahl.
Sondern die fast schon künstlerische Konsequenz, mit der man es beim FC Erzgebirge Aue geschafft hat, binnen kürzester Zeit aus einem stolzen Traditionsklub eine Art abschreckende PowerPoint-Präsentation für misslungene Vereinsführung zu machen.

Der jüngste Höhepunkt dieses Verwaltungsabenteuers:
Michael Tarnat ist nach nur 95 Tagen wieder weg.

95 Tage.
Das ist in etwa die Haltbarkeit einer guten Silvester-Vorsatzliste.
Oder die durchschnittliche Geduld eines Aue-Fans, bevor er den Fernseher anschreit.

95 Tage Tarnat – oder: Wie man in drei Monaten maximalen Schaden anrichtet

Der Ex-Bayern-Star kam, sah – und verwechselte offenbar den Tabellenkeller mit einer VIP-Lounge.

Bei seiner Vorstellung erklärte Tarnat allen Ernstes, in der Kabine stecke „unglaubliche Qualität“.
Man müsse nur herausfinden, warum die „PS nicht auf die Platte“ kämen.

Das Problem war nur:
In Aue standen weniger PS auf der Platte als ein kaputter Rasenmäher im Januar.

Während draußen längst die Hütte brannte, redete der neue Sportchef den Kader schön, als hätte er gerade versehentlich den Mannschaftsbus mit dem FC Barcelona verwechselt.

Ein Team, das in der Winterpause einen Punkt über dem Strich stand, wurde intern offenbar behandelt wie ein missverstandenes Kunstprojekt.

Die Wintertransfer-Offensive: Ein Spieler aus der 5. Liga und ganz viel Hoffnung auf ein Wunder

Wenn ein Verein im Abstiegskampf steckt, erwartet man in der Winterpause normalerweise:

  • Verstärkungen
  • Erfahrung
  • Tempo
  • Stabilität
  • Führungsqualität

Was bekam Aue?

Einen einzigen Neuzugang.
Aus der 5. Liga.

Herzlich willkommen, Vincent Ocansey.
Der Mann sollte offenbar die Titanic mit einem Kaffeelöffel leer schöpfen.

Bilanz:

  • 9 Spiele
  • 317 Minuten
  • 0 Tore

Das ist nicht einmal ein Fehleinkauf.
Das ist ein Bewerbungsschreiben für den Begriff Verzweiflungstat.

Noch besser: Laut Berichten soll Tarnat sich vorher mit Spielern beschäftigt haben, die ungefähr so realistisch nach Aue gekommen wären wie Jude Bellingham zum FC Wanne-Eickel.

Man griff also ins oberste Regal, stellte fest, dass man nicht drankommt – und kaufte dann unten links das Sonderangebot aus der Resterampe.

Ausreden statt Arbeit – das neue Auer Erfolgsmodell

Statt Lösungen gab es vor allem das, was im deutschen Fußball inzwischen fast zur Kunstform erhoben wurde:

Ausreden.

Mal war es das Geld.
Mal der Standort.
Mal die schwierige Lage.
Mal das Erzgebirge, das man Spielern angeblich nicht schmackhaft machen könne.

Entschuldigung, aber:

Wer als Sportchef in Aue antritt und dann überrascht feststellt, dass Aue im Erzgebirge liegt, sollte vielleicht lieber Wettermoderator auf Malta werden.

Das ist ungefähr so, als würde ein Trainer bei St. Pauli sagen:
„Also dieses Hafen-Thema, schwierig zu verkaufen.“

Oder in Freiburg:
„Zu viel Wald, schwer vermittelbar.“

Oder bei Bayern:
„München? Bisschen provinziell.“

Keine Identifikation? Dann warum zur Hölle nimmt man den Job an?

Das vielleicht Erschreckendste an der ganzen Farce:

Offenbar fehlte es Tarnat selbst an echter Identifikation mit der Region.
Und genau da beginnt das Kernproblem.

Erzgebirge Aue ist kein austauschbarer Plastikverein.
Aue ist nicht irgendein Retortenprojekt mit Investoren-Folklore und Social-Media-Filter.

Aue ist:

  • Tradition
  • Malochermentalität
  • Regionalstolz
  • Ost-Fußball mit Ecken und Kanten
  • ein Klub, der von seiner Identität lebt

Wenn du als Verantwortlicher das nicht verstehst,
wenn du Spielern das Erzgebirge nicht erklären kannst,
wenn du die Wucht dieser Region nicht nutzen kannst,
dann bist du dort schlicht falsch.

Punkt.

Wer in Aue nur Probleme sieht, hat den Verein nie verstanden.

Trainerwechsel mit Ansage – oder: Vitamin B als Abstiegsstrategie

Natürlich durfte in diesem Theaterstück auch der obligatorische Trainerwechsel nicht fehlen.

Jens Härtel raus.
Christoph Dabrowski rein.

Und Tarnat erklärte dazu ernsthaft:

„Mein erster und auch mein einziger Vorschlag war, Christoph Dabrowski zu holen.“

Wie beruhigend.

Also kein Casting.
Keine echte Auswahl.
Keine Alternativen.
Kein Plan B.

Einziger Vorschlag.

Das klingt weniger nach professioneller Kader- und Trainerplanung und mehr nach:

„Ich kenne da einen von früher, der macht das schon.“

Spoiler:
Er machte es nicht.

Die Bilanz liest sich wie ein Notruf:

  • 13 Spiele
  • 11 Niederlagen
  • 2 Remis
  • 0 Siege

Das ist keine Serie.
Das ist ein sportlicher Totalschaden mit eingebauter Wiederholungsschleife.

Kommentar: Aue wirkt inzwischen wie ein Lehrfilm darüber, wie man einen Verein systematisch klein kriegt

Und jetzt muss man die unangenehme Frage stellen:

Ist Erzgebirge Aue inzwischen das Paradebeispiel dafür, wie Dilettantismus in der Geschäftsführung einen Verein kaputtmacht?

Denn irgendwann kann man nicht mehr alles auf Pech, Schiedsrichter, Verletzungen oder „unglückliche Dynamiken“ schieben.

Irgendwann bleibt nur noch die Wahrheit:

  • schlechte Personalentscheidungen
  • falsche Selbstwahrnehmung
  • kein Plan im Abstiegskampf
  • keine saubere Kommunikation
  • fehlende regionale Bindung
  • Aktionismus statt Strategie

Kurz gesagt:

Ein Traditionsverein wird gerade nicht sportlich abgewickelt – sondern administrativ zerlegt.

Und das Schlimmste daran:
Es wirkt nicht einmal wie großes Drama.

Es wirkt wie diese typisch deutsche Fußball-Kompetenzsimulation:

  • geschniegelt auftreten
  • starke Sätze sagen
  • intern alles schönreden
  • falsche Leute holen
  • zu spät reagieren
  • und am Ende so tun, als habe man „aus den Fehlern gelernt“

„Nicht über die Dörfer fahren“ – selten war Arroganz so treffsicher peinlich

Besonders legendär – und für Aue-Fans vermutlich irgendwo zwischen Wutanfall und Lachkrampf – ist die kolportierte Aussage, Tarnat wolle nach einem möglichen Abstieg nicht „über die Dörfer fahren“.

Das ist in etwa der Moment, in dem man als Verantwortlicher endgültig bewiesen hat, dass man in diesem Verein nie angekommen ist.

Denn ganz ehrlich:

Wer über die „Dörfer“ spottet, sollte im Erzgebirge keinen Job annehmen.

Vor allem dann nicht, wenn man es selbst gerade geschafft hat, den Klub genau dorthin zu navigieren.

Das ist ungefähr so, als würde der Kapitän die Titanic versenken und beim Untergang noch sagen:

„Also auf Eisberge hatte ich ehrlich gesagt keine Lust.“

Fazit: Die beste Entscheidung war tatsächlich sein Rücktritt

Am Ende bleibt fast nur noch schwarzer Humor.

Die vielleicht beste Entscheidung von Michael Tarnat in Aue war tatsächlich:
sein Rücktritt.

Das sagt leider alles.

Für einen Klub wie Erzgebirge Aue ist das alles weit mehr als nur ein missglücktes Intermezzo.
Es ist ein weiterer Beleg dafür, wie gefährlich es wird, wenn in Führungspositionen nicht Kompetenz, Identifikation und Klarheit regieren – sondern Eitelkeit, Fehleinschätzung und Fußball-Bullshit-Bingo.

Aue braucht keine Schönredner.
Aue braucht keine Kumpel-Lösungen.
Aue braucht keine Durchgangsmanager mit Bayern-Vergangenheit und Provinzallergie.

Aue braucht Leute, die den Verein begreifen.
Sonst fährt man eben doch bald „über die Dörfer“ –
nur leider nicht aus Arroganz, sondern aus Not.

Kurz-Kommentar im diebewertung-Stil

Erzgebirge Aue wirkt inzwischen wie ein Musterbeispiel dafür, wie man mit dilettantischer Geschäftsführung einen Traditionsverein Stück für Stück ruiniert.
Erst wird der Kader schöngeredet, dann kommt im Abstiegskampf ein Fünftliga-Stürmer als Heilsbringer, dann wird ein Trainer nach Kumpel-Prinzip installiert – und am Ende wundert man sich, dass alles brennt.
Wer das Erzgebirge nicht versteht, sollte dort keinen Job annehmen.
Und wer über „Dörfer“ lästert, nachdem er den Verein Richtung Regionalliga manövriert hat, liefert eigentlich schon selbst die perfekte Stellenbeschreibung für das Problem.

7 Kommentare

  • Hallo, bin selbst Fan von den Himmelblauen aber ich kann das 100 % bestätigen. Alle was A.. einst stark gemacht hat ging verloren. Und ja auch das Himmelblaue Herz musste unter solchen Umständen leiden so wie jetzt die Veilchen es tun müssen. Bis demnächst.

  • Der vorprogrammierte Abstieg begann bereits vor einem Jahr mit der Verletzung der Torgarantie Bär!
    Jeder wusste er würde bis weit in die kommende Saison ausfallen.
    Weder ein Matthias Heidrich, weder der Defensivkünstler Härtel, noch der völlig überforderte Vorstand hielten es für nötig einen Ersatz zu verpflichten.
    Statt einen Testroet, der bereits in Wartestellung gerne gekommen wäre und dessen Wert im Verein und den Fans bekannt waren und sogar eine Art Aufbruchstimmung ermöglicht hätte, wurden Spieler als Ersatz geholt, die über 2 Jahre das Tor nicht getroffen haben. (Julian Günther-Schmidt).
    Folgerichtig wurde Aue mit der zweitschlechtesten Offensive der Liga durchgereicht, statt hier endlich zu reagieren und den völlig ungeeigneten Trainer zu beurlauben, erlaubte man ihm über die Winterpause hinaus noch die ersten 3 Spiele im Jahr 26 ebenfalls noch zu verlieren, gegen direkte Konkurrenten.

  • Das ist endlich mal die wahre Wahrheit…voll aus meinem Herzen gesprochen…traurig,wie schnell man 80Jahre Aue-fussball zerstören kann.
    Diese Zerstörungswut setzt sich aber auch in der Wirtschaft fort.
    Danke für die ehrlichen Worte!!!

    • Das ist dieser Vorstand aus Leuten, die es Leonhardt und seinermalten Vorstand beweisen wollten das sie es besser können!!! Ergebnis…dieser Vorstand geht als Rotengräber des Profifußballs in die Analen des FC Erzgebirge Aue ein! Super hinbekommen, schlimmer als bei jedem Hasenzüchterverein, da sind wirklich Amateure am Werk. Aber die machen das mit Einsatz, Herzblut und unendlicher Vereinsliebe wett und 1000x besser.

      • Herzliche Grüße aus der nördlichen Fangemeinde in Seevetal. Für meinen Sohn und mich ( Wessis), die schon knapp 15 Jahre Mietglied bei Erzgebirge Aue sind, eine ganz schlimme Saison.
        Die Schuldzuweisungen sind verständlich, aber ich spreche den in Verantwortung stehenden Personen, nicht den guten Willen ab. Die Tage des Generals H L waren gezählt und das neue Zeitalter sollte beginnen. Welch Fehleinschätzung, dies ohne die oft notwendigen Millionen in der heutigen Zeit zu versuchen.
        So gesehen beginnt die Arbeit von Neuem, in der Hoffnung das viele weiterhin zu diesem Verein halten und diesem den Rücken stärken. Voraussetzung ist das die folgenden Handelnden und Verantwortlichen Ursprünge und Bestände verstehen. Dies kann ich als „Wessi“ durchaus aussprechen, weil ich lediglich aus dem Gefühl heraus, diesem Verein verbunden bin und nicht aus populistischen Gehabe. Ich freue mich auf die kommende Saison und hoffe natürlich auf die Besinnung auf das Wesentliche. Demut und Stolz der Spieler, für diese Region und Aue spielen zu dürfen.
        Herzliche Grüße Günther Frobel Mitglied seit dem 11.11.2011.

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