Seit Jahrzehnten gehört der staatliche Impfplan für Kinder zu den Grundpfeilern der amerikanischen Gesundheitspolitik. Er bestimmt, welche Schutzimpfungen Ärzte empfehlen, welche Leistungen Versicherungen übernehmen und an welchen Vorgaben sich die einzelnen Bundesstaaten orientieren. Nun steht dieses System vor einem tiefgreifenden Umbruch.
Nach Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters hat US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. intern wesentlich weitreichendere Veränderungen angestrebt, als bislang öffentlich bekannt war. Dazu sollen Überlegungen gehört haben, Milliarden Dollar für die erneute Untersuchung eines möglichen Zusammenhangs zwischen Impfungen und Autismus auszugeben und zeitweise sogar den vollständigen staatlichen Impfplan für Kinder abzuschaffen.
Der Bericht stützt sich auf Gespräche mit 16 gegenwärtigen und früheren Regierungsmitarbeitern, die nach eigenen Angaben unmittelbar an internen Beratungen beteiligt waren. Sie äußerten sich anonym. Das Gesundheitsministerium bestreitet Teile der Darstellung, erklärte jedoch nicht im Einzelnen, welche Angaben aus seiner Sicht falsch seien.
Fünf Milliarden Dollar für eine widerlegte Hypothese
Besonders aufsehenerregend ist ein angeblicher Vorschlag Kennedys an die Leitung der National Institutes of Health. Die Forschungsbehörde sollte demnach fünf Milliarden Dollar ausgeben, um einen möglichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus zu untersuchen.
Die Summe hätte mehr als ein Zehntel des jährlichen NIH-Budgets ausgemacht. Der Vorschlag wurde nach Angaben der Reuters-Quellen letztlich nicht umgesetzt. Der Leiter der Behörde habe Kennedy davon überzeugt, dass bereits erhebliche Mittel in die Erforschung der Ursachen von Autismus flössen.
Die Grundannahme, Impfungen könnten Autismus verursachen, wurde in zahlreichen großen wissenschaftlichen Untersuchungen geprüft. Studien mit Millionen von Kindern haben keinen glaubwürdigen ursächlichen Zusammenhang gefunden. Führende medizinische Organisationen betrachten die These daher als wissenschaftlich widerlegt.
Kennedy akzeptiert diese Bewertung nicht. Hinter den Kulissen suche er weiterhin nach Hinweisen darauf, dass Impfstoffe unzureichend getestet worden seien oder eine Vielzahl schwerwiegender Erkrankungen verursachen könnten, berichten ehemalige und aktuelle Regierungsmitarbeiter.
Vom Umweltanwalt zum mächtigen Impfkritiker
Kennedy wurde zunächst als Umweltanwalt bekannt. Über viele Jahre kämpfte er gegen Unternehmen, denen Umweltverschmutzung und der Einsatz gefährlicher Chemikalien vorgeworfen wurden.
Später entwickelte er sich zu einem der prominentesten Impfgegner der Vereinigten Staaten. Er verbreitete unter anderem die Behauptung, verschiedene Impfungen seien gefährlicher als die Krankheiten, vor denen sie schützen sollen. Zudem brachte er Impfstoffe mit Autismus und Autoimmunerkrankungen in Verbindung.
Diese Positionen stehen im Widerspruch zu einer umfangreichen wissenschaftlichen Beweislage. Impfungen haben weltweit Millionen Todesfälle verhindert und die Folgen von Krankheiten wie Polio, Masern, Diphtherie und Keuchhusten erheblich reduziert. Schwere Nebenwirkungen sind möglich, treten im Verhältnis zu den verhinderten Erkrankungen jedoch selten auf.
Während der Corona-Pandemie gewann Kennedy stark an öffentlicher Aufmerksamkeit. Seine Kritik an Impfstoffen, Kontaktbeschränkungen und staatlichen Gesundheitsmaßnahmen erreichte viele Menschen, die Institutionen und Behörden misstrauten.
Nachdem Kennedy seine eigene Präsidentschaftskandidatur 2024 beendet und Donald Trump unterstützt hatte, wurde er zum Gesundheitsminister ernannt. Während seiner Bestätigungsanhörung versprach er, den Amerikanern keine Impfstoffe wegzunehmen.
Die von Reuters beschriebenen internen Diskussionen werfen nun die Frage auf, wie dieses Versprechen mit seinen späteren politischen Plänen vereinbar ist.
Der Kampf um die Deutung von Autismus
Eine seiner ersten Prioritäten im Amt war offenbar, die Diskussion über Impfungen und Autismus erneut zu öffnen.
Auf Kennedys Anweisung wurde die Internetseite der US-Seuchenschutzbehörde CDC verändert. Dort hatte zuvor gestanden, wissenschaftliche Studien hätten keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gefunden. Die neue Formulierung erklärte dagegen, die Behauptung, Impfstoffe verursachten keinen Autismus, sei nicht ausreichend wissenschaftlich belegt, weil die Möglichkeit angeblich nicht vollständig ausgeschlossen worden sei.
Diese Argumentation verschiebt den wissenschaftlichen Maßstab. In der Forschung lässt sich eine theoretische Möglichkeit nur selten mit absoluter Sicherheit ausschließen. Entscheidend ist vielmehr, ob belastbare Belege für einen Zusammenhang vorliegen. Genau solche Nachweise fehlen im Fall von Impfungen und Autismus.
Medizinische Fachgesellschaften warnen deshalb, Kennedys Vorgehen könne das Vertrauen in Schutzimpfungen schwächen. Gleichzeitig könnten Geld und Aufmerksamkeit von Forschungsansätzen abgezogen werden, die tatsächlich zur Unterstützung autistischer Menschen und ihrer Familien beitragen.
Kennedy hat eine langjährige Vertraute mit der Suche nach möglichen Belegen für Impfschäden und einen Zusammenhang mit Autismus beauftragt. Nach Angaben des Reuters-Berichts besitzt sie keinen wissenschaftlichen oder gesundheitsmedizinischen Hintergrund, nimmt jedoch innerhalb des Ministeriums erheblichen Einfluss auf Entscheidungen.
Zugriff auf sensible Gesundheitsdaten verlangt
Kennedys Mitarbeiter sollen außerdem versucht haben, Zugang zu einem besonders geschützten Datensystem der Arzneimittelbehörde FDA zu erhalten.
Die Datenbank enthält Versicherungsabrechnungen und medizinische Informationen von mehr als 100 Millionen Menschen. Sie dient dazu, die Sicherheit zugelassener Medikamente und Impfstoffe nach ihrer Markteinführung zu überwachen.
Der Zugang ist selbst innerhalb des Gesundheitsministeriums stark beschränkt. Nach Darstellung der Reuters-Quellen befürchteten Fachleute der FDA, Kennedys Umfeld könne die Daten gezielt nach Informationen durchsuchen, die eine bereits feststehende Impfthese bestätigen sollten.
Untersucht werden sollten unter anderem Krankheitsdiagnosen bei geimpften und ungeimpften Kindern. Ein einfacher Vergleich dieser Gruppen kann jedoch irreführend sein. Geimpfte Kinder besuchen möglicherweise häufiger Arztpraxen und erhalten deshalb auch häufiger Diagnosen. Solche Unterschiede müssen in wissenschaftlichen Untersuchungen sorgfältig berücksichtigt werden.
Andernfalls könnte eine statistische Auffälligkeit fälschlicherweise als Folge einer Impfung dargestellt werden, obwohl sie lediglich durch unterschiedliche medizinische Betreuung entstanden ist.
Zeitweise sollte der gesamte Kinderimpfplan verschwinden
Der wohl radikalste Vorschlag betraf den staatlichen Impfplan für Kinder. Nach Angaben mehrerer Regierungsmitarbeiter erwogen Kennedy und seine engsten Vertrauten zeitweise, sämtliche routinemäßigen Impfempfehlungen auf Bundesebene abzuschaffen.
Eltern hätten dann gemeinsam mit ihren Ärzten selbst entscheiden sollen, gegen welche der 17 erfassten Krankheiten ihre Kinder geimpft werden. Bundesstaaten und medizinische Fachverbände hätten eigene Empfehlungen entwickeln müssen.
Der Vorschlag alarmierte zahlreiche Fachleute innerhalb der Regierung. Sie befürchteten, dass ohne einheitliche Richtlinien weniger Kinder geimpft würden und vermeidbare Krankheiten zurückkehren könnten.
Beamte der Arzneimittelbehörde erstellten daraufhin offenbar eine Liste unverzichtbarer Impfungen. Damit wollten sie Kennedy von einer vollständigen Abschaffung des Impfplans abbringen.
Nach internem Widerstand wurde die umfassendste Variante nicht umgesetzt. Stattdessen reduzierte das Gesundheitsministerium die Zahl der allgemein empfohlenen Kinderimpfungen. Impfungen gegen sechs von insgesamt 17 Krankheiten wurden aus dem Routineplan entfernt.
Ein Bundesgericht stoppte die Änderungen später vorläufig. Der Richter entschied zudem, dass das von Kennedy neu zusammengesetzte Impfberatungsgremium nicht rechtmäßig gebildet worden sei. Das Ministerium legte Berufung ein.
Streit um Masern- und Polioimpfungen
Innerhalb der Regierung soll sogar darüber gesprochen worden sein, die kombinierte Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln aus dem regulären Plan zu entfernen. Der Vorschlag sei angesichts eines größeren Masernausbruchs und möglicher politischer Folgen verworfen worden.
Auch die Polioimpfung soll intern zur Diskussion gestanden haben. Vertreter des Weißen Hauses hätten sich dagegen ausgesprochen.
Das Gesundheitsministerium bestreitet, dass eine Entfernung der Impfungen gegen Masern oder Polio jemals ernsthaft erwogen worden sei. Die Darstellung von Reuters basiert dagegen auf mehreren Personen, die nach eigenen Angaben mit den internen Gesprächen vertraut waren.
Gerade Masern zeigen, welche Folgen sinkende Impfquoten haben können. Das Virus ist extrem ansteckend. Wo der Impfschutz in einer Bevölkerung nachlässt, können bereits einzelne eingeschleppte Fälle größere Ausbrüche auslösen.
Polio kann zu dauerhaften Lähmungen und zum Tod führen. Durch internationale Impfprogramme wurde die Krankheit in weiten Teilen der Welt zurückgedrängt. Ein deutlicher Rückgang der Impfungen könnte erreichte Fortschritte gefährden.
Orientierung an Dänemark – trotz großer Unterschiede
Kennedys verkürzter Impfplan orientierte sich laut Reuters weitgehend an Dänemark. Das skandinavische Land empfiehlt routinemäßig Impfungen gegen weniger Krankheiten als die Vereinigten Staaten.
Gesundheitsexperten halten einen direkten Vergleich jedoch für problematisch. Dänemark besitzt rund sechs Millionen Einwohner, eine weitgehend einheitliche Gesundheitsversorgung und einen universellen Zugang zu medizinischen Leistungen.
In den USA leben dagegen mehr als 300 Millionen Menschen. Der Zugang zu Ärzten und Krankenversicherungen ist ungleich verteilt. Auch Krankheitsrisiken, soziale Bedingungen und Reisebewegungen unterscheiden sich.
Andere vergleichbare Staaten wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kanada und Australien empfehlen Impfungen gegen ungefähr 15 bis 17 Krankheiten. Der bisherige amerikanische Plan war damit umfangreich, aber international keineswegs außergewöhnlich.
Einfluss durch Vertraute außerhalb der Regierung
Der Reuters-Bericht beschreibt zudem den Einfluss eines Anwalts, der seit Jahren gegen Impfstoffhersteller und amerikanische Gesundheitsbehörden vorgeht.
Er ist kein Regierungsbeamter, soll aber an der Auswahl von Personal für Gesundheitsbehörden beteiligt gewesen sein und regelmäßig an internen Besprechungen teilgenommen haben. Kennedy habe Mitarbeitern mehrfach aufgetragen, bei impfpolitischen Entscheidungen seine Einschätzung einzuholen.
Der Anwalt bestreitet, von Plänen zur Entfernung bestimmter Impfungen gewusst zu haben. Er erklärte, sein Einfluss sei geringer gewesen, als die Quellen gegenüber Reuters behaupteten.
Seine Kanzlei vertritt zahlreiche Menschen, die Entschädigungen wegen mutmaßlicher Impfschäden verlangen. Damit entsteht zumindest der Anschein eines möglichen Interessenkonflikts: Änderungen an Impfempfehlungen und Entschädigungsregeln könnten zugleich die Zahl möglicher Klagen erhöhen.
Millionenfonds für anerkannte Impfschäden
In den Vereinigten Staaten werden Ansprüche wegen bestimmter Impfschäden überwiegend über ein staatliches Entschädigungsprogramm bearbeitet. Es wurde in den 1980er-Jahren geschaffen, um einerseits Betroffene zu entschädigen und andererseits die Versorgung mit Impfstoffen zu sichern.
Hersteller argumentierten damals, unbegrenzte Zivilklagen könnten sie dazu zwingen, den Markt für vergleichsweise wenig profitable Kinderimpfstoffe zu verlassen.
Kritiker des Systems bemängeln lange Verfahrenszeiten und begrenzte Entschädigungen. Reformbedarf wird auch von Juristen anerkannt, die Kennedys Impfpolitik grundsätzlich ablehnen.
Umstritten ist jedoch, welche Erkrankungen offiziell als mögliche Impfschäden anerkannt werden sollten. Der Kennedy nahestehende Anwalt beantragte, mehr als 300 zusätzliche Krankheitsbilder aufzunehmen, darunter verschiedene Diagnosen mit Bezug zu Autismus.
Würde das Ministerium diesem Antrag folgen, könnten wesentlich mehr Entschädigungsklagen eingereicht werden. Davon könnten auch Kanzleien profitieren, die solche Fälle vertreten und aus dem staatlichen Fonds bezahlte Anwaltsgebühren erhalten.
Eine Impfpolitik mit Folgen über die USA hinaus
Kennedy hat bereits mehrere wichtige Veränderungen durchgesetzt. Dazu gehören die Einschränkung des Zugangs zu bestimmten Corona-Impfungen, die Reduzierung des Kinderimpfplans, die Beendigung einzelner Förderprogramme für mRNA-Technologien und der Rückzug von finanzieller Unterstützung für eine internationale Impfinitiative.
Kritiker warnen, dass die Folgen über die amerikanischen Grenzen hinausreichen könnten. Die Vereinigten Staaten gehören zu den weltweit wichtigsten Geldgebern und Forschungspartnern bei der Entwicklung und Verteilung von Impfstoffen.
Werden Forschungsgelder gekürzt oder internationale Programme beendet, könnte dies besonders Länder treffen, die nicht über eigene Produktions- und Gesundheitssysteme verfügen.
Gleichzeitig beobachten andere Regierungen aufmerksam, wie stark wissenschaftliche Fachbehörden politischem Druck ausgesetzt sind. Werden jahrzehntelang etablierte Empfehlungen ohne transparente wissenschaftliche Verfahren verändert, kann das Vertrauen in Gesundheitsinstitutionen dauerhaft beschädigt werden.
Gesundheitspolitik zwischen Skepsis und Wissenschaft
Fragen zur Sicherheit von Impfstoffen sind grundsätzlich legitim. Kein Medikament und kein Impfstoff ist vollständig frei von Risiken. Verdachtsfälle müssen untersucht, Nebenwirkungen dokumentiert und Betroffene angemessen entschädigt werden.
Wissenschaftliche Prüfung bedeutet jedoch nicht, jede bereits mehrfach widerlegte Behauptung unbegrenzt neu zu untersuchen. Forschungsgelder sind begrenzt. Milliardeninvestitionen in eine unbelegte Hypothese können Mittel von dringenderen Fragen abziehen.
Die entscheidende Grenze verläuft zwischen ergebnisoffener Untersuchung und der gezielten Suche nach Daten, die eine vorgefasste Überzeugung bestätigen sollen.
Genau dieser Vorwurf steht im Zentrum des Reuters-Berichts: Kennedy nutze seine Stellung nicht nur, um offene wissenschaftliche Fragen untersuchen zu lassen, sondern um eine seit Jahrzehnten vertretene impfkritische Weltanschauung in staatliche Politik zu überführen.
Ein grundlegender Umbau des öffentlichen Gesundheitswesens
Die Auseinandersetzung geht deshalb weit über einzelne Impfungen hinaus. Es geht um die Frage, wie medizinische Empfehlungen in einer Demokratie zustande kommen sollen.
Traditionell stützen sich amerikanische Gesundheitsbehörden auf Studien, Fachgremien und öffentliche Beratungsverfahren. Kennedy und sein Umfeld sollen dagegen etablierte Experten teilweise umgangen und Entscheidungen mit einem kleinen Kreis langjähriger Verbündeter vorbereitet haben.
Unterstützer sehen darin einen notwendigen Bruch mit einem selbstbezogenen Gesundheitssystem, das mögliche Risiken lange heruntergespielt habe. Gegner sprechen von einer Politisierung wissenschaftlicher Behörden und warnen vor der Rückkehr vermeidbarer Krankheiten.
Der Konflikt dürfte die amerikanische Gesundheitspolitik noch lange beschäftigen. Gerichte prüfen Kennedys Entscheidungen, medizinische Verbände leisten Widerstand und innerhalb der Regierung werden weiterhin Grenzen seines politischen Spielraums ausgehandelt.
Die zentrale Frage lautet nicht, ob Impfstoffe kritisch überprüft werden dürfen. Sie lautet, ob staatliche Gesundheitsentscheidungen weiterhin auf der besten verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz beruhen – oder zunehmend auf den persönlichen Überzeugungen eines Ministers.
Kommentar hinterlassen