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Zweites Bundesliga-Jahr: Reicht der aktuelle HSV-Kader erneut zum Klassenerhalt?

garten-gg (CC0), Pixabay
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Der Hamburger SV hat seine erste Saison nach der siebenjährigen Zweitliga-Zeit erfolgreich beendet. Mit 38 Punkten belegten die Hamburger den 13. Tabellenplatz und hielten die Klasse ohne den Umweg über die Relegation. Neun Siege, elf Unentschieden und 14 Niederlagen ergaben bei einem Torverhältnis von 40:54 eine insgesamt solide, aber keineswegs sorgenfreie Rückkehr in die Bundesliga.

Das Ziel für die Saison 2026/27 kann deshalb nur lauten, den Klassenerhalt zu bestätigen und sich schrittweise in der Bundesliga zu etablieren. Die Voraussetzungen dafür sind grundsätzlich vorhanden: Merlin Polzin bleibt Trainer, das Volksparkstadion ist ein erheblicher Faktor und mehrere Leistungsträger stehen weiterhin unter Vertrag.

Der bisherige Transfersommer wirft jedoch Fragen auf. Der HSV verliert mit Fabio Vieira und Luka Vušković seine beiden auffälligsten Spieler der vergangenen Saison. Zusätzlich haben Ransford Königsdörffer und Robert Glatzel den Verein verlassen. Bislang wurden diese Qualitätsverluste nur teilweise aufgefangen.

Merlin Polzin hat sich das Vertrauen verdient

Der größte Stabilitätsfaktor bleibt Merlin Polzin. Der gebürtige Hamburger übernahm die Mannschaft Ende 2024, führte sie zunächst zurück in die Bundesliga und schaffte anschließend auf Anhieb den Klassenerhalt.

Polzin besitzt noch einen Vertrag bis zum 30. Juni 2027. Eine Verlängerung ist nach dem erfolgreichen ersten Bundesligajahr denkbar, wurde von der neuen Sportvorständin Kathleen Krüger bislang jedoch bewusst nicht überstürzt. Sportlich steht der Trainer nicht ernsthaft zur Diskussion.

Polzins Fußball passte in der vergangenen Saison gut zu den Möglichkeiten des Aufsteigers. Der HSV erzielte zwölf Tore nach Kontern und war damit die beste Kontermannschaft der gesamten Bundesliga. Außerdem holten die Hamburger 16 Punkte nach Rückständen und drehten vier Spiele vollständig. Diese Zahlen sprechen für Tempo, Widerstandsfähigkeit und eine funktionierende Mentalität innerhalb der Mannschaft.

Gleichzeitig wurden auch die Grenzen sichtbar. Mit nur 40 Treffern stellte der HSV die drittschwächste Offensive der Liga. Zudem verursachte die Mannschaft elf Elfmeter – ein negativer Vereinsrekord. Für den nächsten Entwicklungsschritt muss der HSV nicht nur schneller umschalten, sondern auch kontrollierter verteidigen und gegen tief stehende Gegner mehr eigene Chancen entwickeln.

Der Verlust von Vušković ist kaum vollständig zu ersetzen

Die größte sportliche Lücke entsteht in der Innenverteidigung. Luka Vušković kehrt nach dem Ende seiner Leihe zu Tottenham Hotspur zurück. Der Kroate war trotz seines jungen Alters der überragende Hamburger Abwehrspieler.

Vušković erzielte sechs Bundesligatore und war damit der torgefährlichste Innenverteidiger der Liga. Gleichzeitig gewann er 69 Prozent seiner Zweikämpfe – ebenfalls Ligabestwert. Damit vereinte er Defensivstärke, Kopfballqualität und Torgefahr bei Standards.

Eine direkte Verpflichtung des 19-Jährigen war angesichts seines enorm gestiegenen Marktwertes praktisch ausgeschlossen. Dennoch muss der HSV einen Ersatz finden, der zumindest einen Teil seiner Aufgaben übernehmen kann.

Mit Nicolas Capaldo, Warmed Omari, Jordan Torunarigha und Daniel Elfadli besitzt Polzin mehrere erfahrene Defensivspieler. Capaldo bringt Aggressivität und Flexibilität mit, Omari verfügt über Tempo und Torunarigha über Bundesliga-Erfahrung. Keiner dieser Spieler verkörpert jedoch das Gesamtpaket, das Vušković in der vergangenen Saison bot.

Hinzu kommt das Leihende von Giorgi Gocholeishvili. Der Rechtsverteidiger absolvierte 27 Pflichtspiele für den HSV und kehrte zu Schachtar Donezk zurück. Damit besteht auch auf der rechten Abwehrseite Handlungsbedarf. Die bisherige Kaderstruktur enthält keinen eindeutigen Stammspieler für diese Position.

Ein weiterer Innenverteidiger und ein Rechtsverteidiger sollten deshalb zu den wichtigsten Hamburger Transferzielen gehören.

Fabio Vieira hinterlässt die kreative Lücke

Mindestens ebenso schwer wiegt der Abschied von Fabio Vieira. Der vom FC Arsenal ausgeliehene Portugiese war mit sieben Toren und sechs Vorlagen der beste Scorer des HSV. In einer Mannschaft, die insgesamt nur 40 Ligatore erzielte, war seine individuelle Qualität besonders wertvoll.

Vieira konnte Begegnungen durch einen Pass, einen Abschluss oder eine Standardsituation entscheiden. Genau diese Fähigkeiten fehlen dem aktuellen Kader.

Albert Grönbaek soll einen Teil der Verantwortung übernehmen. Der Däne war im Winter von Stade Rennes ausgeliehen worden und wurde inzwischen fest verpflichtet. Verletzungsbedingt kam er lediglich auf sieben Pflichtspiele, erzielte dabei aber ein Tor und bereitete zwei weitere Treffer vor. Beim wichtigen 2:1-Auswärtssieg in Frankfurt war er an beiden Hamburger Toren beteiligt.

Die Festverpflichtung ist nachvollziehbar. Grönbaek ist technisch stark, kann im offensiven Mittelfeld sowie auf dem linken Flügel spielen und besitzt internationale Erfahrung. Allerdings muss er zunächst über einen längeren Zeitraum gesund bleiben. Sieben Einsätze reichen noch nicht aus, um ihn bereits als vollständigen Vieira-Ersatz einzuplanen.

Mit Immanuel Pherai kehrt außerdem ein weiterer offensiver Mittelfeldspieler von seiner Leihe bei der SV Elversberg zurück. Pherai kennt den Verein und besitzt technische Qualität, konnte sich vor seinem Leihwechsel aber nicht dauerhaft als Stammspieler durchsetzen.

Der HSV benötigt deshalb weiterhin einen kreativen Spieler, der regelmäßig Tore vorbereitet und selbst für Gefahr sorgt. Ein weiterer Achter oder Zehner wäre momentan wichtiger als zusätzliche reine Kaderbreite.

Kofi Amoako passt zur Spielidee – ist aber noch kein fertiger Bundesligaspieler

Der bislang einzige vollständig neue externe Sommerzugang ist Kofi Amoako. Der defensive Mittelfeldspieler kommt von Dynamo Dresden und absolvierte dort in der vergangenen Saison 33 Pflichtspiele. Dabei gelangen ihm ein Tor und eine Vorlage.

Amoako bringt Physis, Athletik, Zweikampfstärke und Intensität gegen den Ball mit. Damit passt er gut zu Polzins laufintensivem Umschaltfußball. Der 21-Jährige bezeichnet sich selbst als Abräumer, der vor der Abwehr die Bälle für schnelle Gegenangriffe gewinnen möchte.

Der Transfer ist perspektivisch interessant, sollte aber nicht überbewertet werden. Amoako kommt aus der 2. Bundesliga und besitzt lediglich minimale Bundesliga-Erfahrung aus seiner Zeit beim VfL Wolfsburg. Es wäre zu viel verlangt, wenn er sofort die alleinige Verantwortung im defensiven Mittelfeld übernehmen müsste.

Mit Albert Sambi Lokonga, Nicolai Remberg, Grönbaek und Amoako ist das zentrale Mittelfeld ordentlich besetzt. Auch Capaldo und Elfadli können dort eingesetzt werden. Es fehlt allerdings ein Spieler, der das Tempo einer Begegnung über längere Phasen kontrolliert.

Im Tor verfügt der HSV über interessante Möglichkeiten

Auf der Torwartposition ist der HSV vergleichsweise gut aufgestellt. Daniel Heuer Fernandes bringt Erfahrung und kennt die Mannschaft seit Jahren. Mit Sander Tangvik steht zudem ein junger norwegischer Nationaltorhüter zur Verfügung, der langfristig als Nummer eins aufgebaut werden kann.

Tangvik gehörte im Sommer zum norwegischen WM-Kader und besitzt erhebliches Entwicklungspotenzial. Polzin muss entscheiden, ob er bereits dauerhaft auf den 23-Jährigen setzt oder zunächst weiterhin Heuer Fernandes vertraut.

Ein offener Konkurrenzkampf wäre für den HSV kein Nachteil. Im Gegensatz zu anderen Mannschaftsteilen besteht im Tor derzeit kein dringender Transferbedarf.

Die Offensive hat an Tiefe und Erfahrung verloren

Im Angriff haben Robert Glatzel und Ransford Königsdörffer den Verein verlassen. Glatzel wechselte zum Bundesliga-Absteiger VfL Wolfsburg, nachdem er in seiner letzten Hamburger Saison nicht mehr die gewünschte Spielzeit erhalten hatte. Dennoch verliert der HSV mit ihm einen erfahrenen Torjäger und eine wichtige Persönlichkeit.

Königsdörffer schloss sich nach Ablauf seines Vertrags dem 1. FSV Mainz 05 an. Der HSV hätte gerne mit dem 24-Jährigen verlängert, doch der Angreifer entschied sich für einen Wechsel. Insgesamt bestritt er 138 Pflichtspiele für Hamburg.

Auch die Leihen von Damion Downs und Philip Otele sind beendet. Beide konnten sich während ihrer kurzen Zeit in Hamburg zwar nicht als unverzichtbare Stammspieler etablieren, boten Polzin aber zusätzliche Möglichkeiten.

Damit bleiben für die Offensive momentan vor allem Rayan Philippe, Jean-Luc Dompé, Yussuf Poulsen, Bakery Jatta, Fabio Balde, Alexander Rössing-Lelesiit und Rückkehrer Emir Sahiti.

Philippe ist schnell, dribbelstark und besonders im Umschaltspiel gefährlich. Dompé kann auf der linken Seite durch Einzelaktionen Chancen erzeugen. Poulsen bringt Erfahrung, Führungsqualität und Arbeit gegen den Ball mit. Der inzwischen 32-Jährige ist aber nicht mehr der Angreifer, von dem über eine komplette Saison eine hohe zweistellige Trefferzahl erwartet werden sollte.

Dem HSV fehlt damit ein verlässlicher Torjäger. Schon in der vergangenen Saison erzielte die Mannschaft nur 40 Treffer. Nach den Abgängen von Vieira, Königsdörffer und Glatzel ist die Situation nicht besser geworden.

Ein Mittelstürmer, der acht bis zwölf Bundesligatore erzielen kann, wäre der wichtigste noch ausstehende Transfer.

Die Rückkehrer sind nicht automatisch Verstärkungen

Neben Amoako und Grönbaek stehen mit Joel Agyekum, Immanuel Pherai und Emir Sahiti mehrere Leih-Rückkehrer im Kader. Aboubaka Soumahoro kehrte ebenfalls zurück, wurde jedoch nicht für das erste Trainingslager nominiert und für Gespräche über seine Zukunft freigestellt.

Bei Pherai und Sahiti ist offen, ob sie tatsächlich eine dauerhafte Rolle erhalten. Beide konnten sich während ihrer vorherigen Hamburger Zeit nicht endgültig durchsetzen. Agyekum ist als junger Verteidiger interessant, besitzt aber noch keine Bundesliga-Erfahrung.

Die Rückkehrer verbreitern den Kader. Sie ersetzen jedoch nicht automatisch die verlorene Qualität von Vušković, Vieira oder Königsdörffer.

Das Volksparkstadion bleibt ein wichtiger Vorteil

Der HSV kann weiterhin auf eine außergewöhnliche Unterstützung bauen. In der vergangenen Saison kamen durchschnittlich 56.912 Zuschauer zu den Heimspielen. Das war der fünftbeste Wert der Bundesliga und zugleich ein neuer Vereinsrekord.

Gerade in engen Begegnungen gegen direkte Konkurrenten kann die Atmosphäre im Volksparkstadion Punkte bringen. Der HSV muss allerdings lernen, diese Unterstützung auch spielerisch besser zu nutzen.

Gegen Mannschaften, die selbst defensiv auftreten, reichen Konterfußball und emotionale Schlussphasen nicht immer aus. Polzin muss Lösungen entwickeln, wie seine Mannschaft gegen Schalke, Elversberg, Paderborn oder andere Konkurrenten selbst die Initiative übernehmen kann.

Der HSV gehört nominell erneut zur Abstiegsgruppe

Der aktuelle Hamburger Kader wird auf einen Marktwert von rund 85 Millionen Euro geschätzt. Damit belegt der HSV im Bundesliga-Vergleich Rang 15. Nur die drei Aufsteiger Schalke 04, Elversberg und Paderborn liegen derzeit darunter.

Marktwerte sind keine Abschlusstabelle. Sie verdeutlichen aber, dass Hamburg auch im zweiten Jahr nach dem Aufstieg nicht zum gesicherten Mittelfeld gerechnet werden kann.

Vereine wie Union Berlin, Köln, Gladbach, Bremen, Augsburg und Mainz verfügen nominell über wertvollere beziehungsweise breiter besetzte Kader. Der HSV muss daher erneut vor allem drei Mannschaften hinter sich lassen.

Die Aufsteiger bieten eine realistische Orientierung. Schalke bringt viel Erfahrung und ein großes Umfeld mit. Elversberg besitzt eine klare Spielidee und hat sich kontinuierlich entwickelt. Paderborn verfügt ebenfalls über eingespielte Strukturen. Keiner dieser Gegner wird automatisch absteigen.

Der Saisonstart ist ausgesprochen anspruchsvoll

Der HSV beginnt die neue Saison bei Borussia Dortmund. Danach folgen das Heimspiel gegen Mainz, die Auswärtspartie bei RB Leipzig und das Heimspiel gegen den 1. FC Köln.

Nach vier Spieltagen könnte der HSV deshalb bereits unter Druck stehen. Dortmund und Leipzig sind klare Favoriten. Gegen Mainz und Köln sollten dagegen Punkte geholt werden, um nicht mit einer längeren Negativserie in die erste Länderspielpause zu gehen.

Für Polzin wird es wichtig sein, die Mannschaft auf einen möglicherweise schwierigen Start vorzubereiten. Die Entwicklung darf nicht ausschließlich anhand der ersten Ergebnisse bewertet werden.

Was dem HSV bis zum Saisonstart noch fehlt

Der aktuelle Kader benötigt aus meiner Sicht noch drei Verstärkungen:

Erstens einen Innenverteidiger, der sofort Bundesligaqualität besitzt und Vušković zumindest defensiv ersetzen kann. Zweitens einen Rechtsverteidiger, der sowohl in einer Viererkette als auch als offensiver Schienenspieler eingesetzt werden kann. Drittens einen Mittelstürmer mit nachgewiesener Abschlussqualität.

Auch ein zusätzlicher kreativer Mittelfeldspieler wäre hilfreich. Priorität haben jedoch Abwehrzentrum und Sturm.

Kommen diese Verstärkungen, besitzt der HSV genügend Qualität für einen relativ kontrollierten Klassenerhalt. Bleibt der Kader dagegen weitgehend unverändert, wird die Mannschaft stark von Grönbaeks Gesundheit, Philippes Entwicklung und Poulsens Fitness abhängig sein.

Prognose: Der HSV landet auf Platz 14

Merlin Polzin hat bewiesen, dass er eine Mannschaft entwickeln und auch schwierige Situationen moderieren kann. Der HSV besitzt eine klare Spielidee, viel Geschwindigkeit und eine außergewöhnliche Unterstützung durch seine Fans.

Die Abgänge von Vušković und Vieira wiegen allerdings enorm. Zusammen waren sie nicht nur die individuell besten Spieler, sondern erzielten auch 13 der lediglich 40 Hamburger Saisontore. Zusätzlich fehlen mit Königsdörffer und Glatzel zwei weitere Angreifer.

Amoako und Grönbaek sind sinnvolle Verpflichtungen. Sie reichen aber noch nicht aus, um den Kader bereits stärker als in der vergangenen Saison einzuschätzen.

Mein Tipp: Der Hamburger SV beendet die Bundesliga-Saison 2026/27 auf dem 14. Tabellenplatz.

Der HSV wird erneut längere Zeit im Abstiegskampf stehen, sich aber dank seiner Heimspiele, der Kontinuität unter Polzin und seiner Qualität im Umschaltspiel retten. Entscheidend werden die Begegnungen gegen Schalke, Elversberg, Paderborn, Köln und Bremen.

Realistischer Bereich: Platz 13 bis 16
Prognose: Platz 14
Größte Stärke: schnelles Umschaltspiel und Mentalität
Größtes Risiko: fehlende Tore und der Verlust von Vušković
Wichtigster noch benötigter Transfer: ein verlässlicher Mittelstürmer

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