Es ist ein trauriger Reflex, den man nach schweren Vorfällen inzwischen beinahe zuverlässig beobachten kann: Noch sind längst nicht alle Fakten bekannt, noch suchen Ermittler nach Verantwortlichen, noch werden Verletzte versorgt – und schon beginnt die große politische und mediale Deutungsmaschine.
Jeder möchte etwas sagen. Jeder möchte erklären, was jetzt angeblich sofort geschehen muss. Aus jeder politischen Ecke kommt eine Forderung, eine Warnung oder die vermeintlich entscheidende Analyse.
Dabei wäre unmittelbar nach einer solchen Tat etwas ganz anderes angebracht: Augenmaß.
Zunächst einmal müssen die Täter beziehungsweise Verantwortlichen ermittelt und gefasst werden. Die Hintergründe müssen geklärt werden. Und vor allem sollte man nicht vergessen, dass Menschen verletzt wurden und Angehörige möglicherweise Stunden voller Angst und Ungewissheit erleben.
Das sind in diesem Moment die wichtigen Dinge.
Nicht die Frage, welcher Politiker als Erster vor einer Kamera steht.
Erst Fakten, dann Konsequenzen
Natürlich muss über Konsequenzen gesprochen werden. Wenn die Ermittlungen zeigen, dass Sicherheitskonzepte Schwachstellen hatten, müssen diese analysiert und beseitigt werden.
Bei Großveranstaltungen gehört es selbstverständlich dazu, nach einem schweren Zwischenfall genau hinzusehen: Was hat funktioniert? Was nicht? Was war vorhersehbar? Welche neuen Risiken müssen künftig berücksichtigt werden?
Aber diese Diskussion sollte auf Erkenntnissen beruhen und nicht auf Spekulationen wenige Stunden nach einem Ereignis.
Nach dem bisherigen Eindruck hatte der Veranstalter umfangreiche Vorkehrungen getroffen. Besonders wichtig erscheint zudem, dass nach dem Vorfall offenbar eine Panik unter den Besuchern verhindert werden konnte.
Auch das gehört zur Bewertung eines Sicherheitskonzepts.
Es ist leicht, im Nachhinein einen einzelnen Punkt herauszugreifen und zu erklären, was man angeblich alles anders hätte machen müssen. Ein Sicherheitskonzept muss aber nicht nur verhindern, was verhindert werden kann. Es muss auch funktionieren, wenn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen etwas passiert.
Wenn es in einer kritischen Situation gelingt, eine Massenpanik zu verhindern und Menschen kontrolliert aus einer Gefahrenlage zu bringen, sollte das ebenfalls erwähnt werden.
Die mediale Überhitzung hilft niemandem
Besonders befremdlich waren für mich an diesem Tag Teile der Diskussionen bei n-tv.
Zeitweise konnte man den Eindruck gewinnen, als müsse aus einem noch nicht vollständig aufgeklärten Vorfall unmittelbar eine Grundsatzdebatte über die Zukunft Deutschlands gemacht werden. Die Diskussionen wirkten stellenweise derart überzogen, dass man meinen konnte, am nächsten Morgen stehe die gesamte gesellschaftliche Ordnung des Landes zur Disposition.
Das ist keine nüchterne Einordnung.
Natürlich müssen mögliche Motive benannt werden, sobald sie belastbar bekannt sind. Natürlich darf über Extremismus, Radikalisierung, Migration, Sicherheitsbehörden oder Versäumnisse gesprochen werden, wenn diese Aspekte für die Tat tatsächlich relevant sind.
Aber bitte in dieser Reihenfolge: Fakten feststellen, Zusammenhänge aufklären, Konsequenzen diskutieren.
Nicht umgekehrt.
Wer bereits die große gesellschaftspolitische Diagnose stellt, während Ermittler noch versuchen herauszufinden, was überhaupt genau passiert ist, produziert vor allem Lautstärke.
Muss der Bundeskanzler wirklich sofort vor Ort sein?
Ähnlich überflüssig erscheint die Diskussion darüber, ob der Bundeskanzler unmittelbar zum Ort des Geschehens reisen muss.
Was genau würde dadurch besser?
Brauchen Polizei, Rettungskräfte und Ermittler in einer solchen Situation zusätzlich einen Kanzlerbesuch mit Sicherheitsapparat, Fahrzeugkolonne, Pressevertretern und Kameras?
Die operative Gefahrenabwehr und Polizeiarbeit liegt zunächst bei den zuständigen Behörden vor Ort und beim jeweiligen Bundesland. Wo Bundesbehörden betroffen sind oder Unterstützung leisten, gibt es dafür ebenfalls klare Zuständigkeiten. Der Bundesinnenminister kann die Bundesregierung vertreten und sich über die Lage informieren.
Dafür muss nicht zwangsläufig auch der Kanzler anreisen, nur damit anschließend Bilder entstehen, die politische Anteilnahme dokumentieren sollen.
Anteilnahme misst sich nicht an der Entfernung zwischen Kanzleramt und Tatort.
Und politische Führung bedeutet manchmal auch, den zuständigen Einsatzkräften nicht zusätzlich im Weg zu stehen.
Ermittler brauchen keine politischen Regieanweisungen
Vor allem sollte die Politik jetzt eines tun: die Ermittlungsbehörden ihre Arbeit machen lassen.
Polizisten, Staatsanwälte, Kriminaltechniker und andere Fachleute müssen Spuren sichern, Zeugen befragen, Videomaterial auswerten, mögliche Täter identifizieren und Hintergründe rekonstruieren.
Das ist ihre Aufgabe. Dafür sind sie ausgebildet.
Sie brauchen keine Politiker, die ihnen über Fernsehkameras erklären, welche Richtung die Ermittlungen gefälligst nehmen sollen. Und sie brauchen erst recht keine öffentliche Erwartungshaltung, bei der das gewünschte politische Ergebnis bereits feststeht, bevor die Fakten geklärt sind.
Wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind, muss man über Konsequenzen reden.
Wenn sich Sicherheitslücken zeigen, müssen Konzepte verändert werden.
Wenn Behörden Fehler gemacht haben, müssen diese benannt werden.
Wenn gesetzliche Änderungen sinnvoll und notwendig sind, kann darüber parlamentarisch gestritten werden.
Aber eben danach.
Ein bisschen weniger Bühne wäre manchmal mehr Verantwortung
Vielleicht wäre nach solchen Ereignissen generell etwas weniger politische und mediale Betriebsamkeit hilfreich.
Nicht jeder Parteivorsitzende braucht sofort ein Mikrofon. Nicht jeder Innenpolitiker muss innerhalb von zwei Stunden einen Forderungskatalog präsentieren. Und nicht jede Nachrichtensendung muss eine noch weitgehend ungeklärte Tat sofort zum Ausgangspunkt einer maximalen gesellschaftlichen Grundsatzdebatte machen.
Es gibt Momente, in denen Zurückhaltung kein Zeichen von Schwäche ist.
Zuerst geht es um die Menschen, die verletzt wurden.
Dann darum, Verantwortliche zu finden und die Tat vollständig aufzuklären.
Danach muss untersucht werden, welche Lehren daraus gezogen werden können und ob Sicherheitskonzepte für künftige Großveranstaltungen angepasst werden müssen.
Und wenn sich dabei herausstellt, dass der Veranstalter vieles richtig gemacht hat, sollte auch das ausgesprochen werden.
Kritik ist notwendig, wo sie begründet ist. Konsequenzen sind notwendig, wo sie etwas verbessern.
Aber Aktionismus, Spekulationen und der Wettbewerb darum, wer nach einer traurigen Tat am schnellsten die größte politische Forderung formuliert, helfen weder den Verletzten noch den Ermittlern noch der Sicherheit zukünftiger Veranstaltungen.
Manchmal wäre die vernünftigste Reaktion erstaunlich unspektakulär:
Die Verletzten versorgen. Die Verantwortlichen finden. Die Fakten ermitteln.
Und bis dahin diejenigen arbeiten lassen, deren Beruf genau das ist.
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