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Demichelis legt los – und Marcel Schäfer wartet auf die Durchsage aus Salzburg

jorono (CC0), Pixabay
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Bei RB Leipzig beginnt eine neue Zeitrechnung. Schon wieder.

Martín Demichelis ist am Cottaweg angekommen, das Trainingsgelände ist vorbereitet, die Kinder aus „Bullis Bande“ stehen bereit und irgendwo zwischen Leipzig und Salzburg werden vermutlich noch die letzten Formulierungen für die offizielle Aufbruchsstimmung abgestimmt.

Am Montag treten der neue Trainer und Sportvorstand Marcel Schäfer erstmals gemeinsam vor die Presse. Dabei wird sich nicht nur die Frage stellen, wie Demichelis Fußball spielen lassen möchte.

Mindestens ebenso spannend dürfte sein: Absolviert Marcel Schäfer die Pressekonferenz mit einem kleinen Knopf im Ohr und direkter Leitung nach Salzburg, damit er jederzeit weiß, was er zu sagen hat?

„Martin war immer unsere absolute Wunschlösung.“

Kurze Pause.

Leises Rauschen im Ohr.

„Schon sehr lange.“

Noch eine Pause.

„Genau genommen seit dem Moment, in dem die Entscheidung gefallen ist.“

Demichelis war nicht Schäfers Entscheidung – aber jetzt natürlich seine Überzeugung

Dass die Verpflichtung von Martín Demichelis allein auf Marcel Schäfers persönlicher Wunschliste entstanden ist, darf zumindest bezweifelt werden.

Im weit verzweigten Red-Bull-Fußballkosmos werden bedeutende Personalentscheidungen schließlich selten von einem einzelnen Menschen getroffen. Sie entstehen vielmehr in einem vollkommen unkomplizierten Prozess aus Leipzig, Salzburg, strategischer Konzernlogik, Beratern, globaler Fußballvision und vermutlich einer Präsentation mit sehr vielen Pfeilen.

Möglich also, dass Schäfer bei der Vorstellung gute Miene zum bösen Spiel machen muss.

Oder, wie es in der modernen Fußballsprache heißt: Er identifiziert sich zu hundert Prozent mit der gemeinsam entwickelten Lösung.

Dass diese Lösung womöglich entwickelt wurde, bevor man ihn umfassend nach seiner Meinung gefragt hatte, muss die Begeisterung nicht zwingend beeinträchtigen. Im Profifußball kann man schließlich sehr schnell von Menschen überzeugt sein, die andere für einen ausgewählt haben.

„Ich bin der Martín“ – Leipzig bekommt wieder eine Identität

Die Pressekonferenz beginnt um 12.30 Uhr. Arbeitstitel: „Ich bin der Martín“.

Demichelis wird erklären dürfen, wie er RB Leipzig wieder zu einer Mannschaft machen will, die gleichzeitig erfolgreich, attraktiv, intensiv, mutig, unverwechselbar und selbstverständlich wirtschaftlich verwertbar spielt.

Das ist keine leichte Aufgabe.

Der neue Trainer soll Ergebnisse liefern, junge Spieler entwickeln, Transferwerte steigern, das Publikum begeistern und den Fußball so gestalten, dass man nach drei Pässen sofort erkennt: Das kann nur eine Mannschaft aus dem internationalen Getränkekonzern-Netzwerk sein.

Sollte es nicht funktionieren, wird später festgestellt, dass der eingeschlagene Weg nicht konsequent genug verfolgt wurde.

Sollte es funktionieren, war es natürlich von Anfang an der gemeinsame Plan.

Die große Frage: Wie viel Klopp steckt noch im Bullen?

Auch Jürgen Klopp dürfte bei der Vorstellung gedanklich mit auf dem Podium sitzen.

Der ehemalige globale Fußballchef des Red-Bull-Imperiums soll demnächst möglicherweise Bundestrainer werden. Damit könnte Leipzig schon wieder einen strategischen Vordenker verlieren, bevor vollständig geklärt ist, welche Gedanken er eigentlich hinterlassen hat.

Klopp hatte „Intensity is our identity“ ausgerufen.

Nun muss Demichelis entscheiden, ob Intensität weiterhin Identität ist oder ob Identität künftig möglicherweise etwas weniger intensiv ausfällt.

Vielleicht wird daraus:

„Ballbesitz ist unsere neue Intensität.“

Oder:

„Kontrolle ist unser Chaos.“

Oder ganz klassisch:

„Wir wollen mutig Fußball spielen und von Spiel zu Spiel schauen.“

Mit dieser Aussage kann im deutschen Profifußball grundsätzlich nichts schiefgehen.

Ole Werner und die Kommunikation der kurzen Wege

Ein weiteres Thema dürfte die Kommunikation rund um Ole Werner sein.

Diese soll trotz der sonst angeblich so perfekt abgestimmten RB-Strukturen nicht ganz so perfekt abgestimmt gewesen sein.

Das überrascht.

Schließlich verfügt der Konzern über kurze Entscheidungswege, klare Zuständigkeiten und zahlreiche Menschen, die sich gegenseitig informieren können, bevor jeder öffentlich etwas anderes sagt.

Möglicherweise war die Leitung nach Salzburg an diesem Tag kurz gestört.

Vielleicht hatte jemand den Knopf im Ohr nicht geladen.

Während der Trainer vorgestellt wird, kommt schon der nächste 30-Millionen-Mann

Als wäre die Trainerfrage nicht aufregend genug, arbeitet RB offenbar an der Verpflichtung von Maxime Estève.

Der 24-jährige französische Innenverteidiger steht beim FC Burnley unter Vertrag und soll mehr als 30 Millionen Euro kosten.

Estève ist 1,93 Meter groß, schnell, robust und damit exakt der Spielertyp, bei dem Fußballjournalisten Wörter wie „Hüne“, „Kante“, „Abwehrmonster“ und „beinhart“ aus dem Schrank holen dürfen.

Der Deal soll grundsätzlich vorbereitet sein.

Natürlich sind sich Schäfer und Demichelis bei diesem Transfer vollkommen einig.

Das ist praktisch, denn Demichelis ist noch kaum richtig am Trainingsgelände angekommen und hat bereits gemeinsam mit seinem Sportvorstand einen millionenschweren Verteidiger ausgesucht.

Entweder arbeiten die beiden außergewöhnlich schnell zusammen – oder der Wunschzettel lag schon fertig auf dem Schreibtisch.

Estève bekommt einen Stammplatz – möglicherweise noch vor der Unterschrift

Der Franzose soll von Beginn an einen Stammplatz beanspruchen.

Nach der vorliegenden Einschätzung könnte er diesen offenbar auch direkt erhalten.

Das ist effizient.

Andere Spieler müssen sich im Training empfehlen, taktische Abläufe erlernen und den Trainer überzeugen. Estève könnte seinen Platz bereits durch die Höhe der Ablösesumme sichern.

Mehr als 30 Millionen Euro sitzen schließlich nur sehr ungern auf der Bank.

Sollte er dennoch einmal nicht spielen, müsste vermutlich jemand in Salzburg erklären, warum das investierte Kapital nicht auf dem Rasen arbeitet.

Lukeba oder Bithsiabu: Einer darf bleiben

Mit der möglichen Verpflichtung Estèves beginnt in der Leipziger Innenverteidigung das bekannte Stühlerücken.

Für die linke Seite soll neben dem Neuzugang offenbar nur noch Platz für einen weiteren Spieler sein: Castello Lukeba oder Chad Bithsiabu.

Lukeba würde den Verein gern verlassen. Die einst erhofften mehr als 70 Millionen Euro Ablöse dürften allerdings nicht mehr zu erzielen sein. Realistischer erscheinen 55 bis 60 Millionen.

Ein dramatischer Wertverlust.

RB müsste sich mit einem Gewinn in zweistelliger Millionenhöhe begnügen.

Sollte Lukeba bleiben, könnte Bithsiabu ein Preisschild von mehr als 20 Millionen Euro erhalten. In Leipzig nennt man das nicht Aussortieren, sondern aktive Kaderwertsteuerung.

Antonio Nusa soll noch ein Jahr veredelt werden

Antonio Nusa ist nach Norwegens WM-Aus wieder verfügbar – zumindest theoretisch.

Praktisch erhält er wie die übrigen WM-Fahrer zunächst Urlaub. Das ist sinnvoll, denn auch junge Profifußballer benötigen gelegentlich Erholung, bevor über ihren Marktwert, ihre Torquote und ihren nächsten Karriereschritt gesprochen wird.

Nusa soll in Leipzig bleiben.

Der 21-Jährige gilt als Rohdiamant, der noch Feinschliff benötigt. Übersetzt bedeutet das: Er ist sehr talentiert, aber noch nicht teuer genug für den gewünschten Verkauf.

Vor allem seine Chancenverwertung soll besser werden.

Wenn er nach erfolgreichen Dribblings nicht mehr knapp daneben, sondern regelmäßig ins Tor schießt, könnte er im Sommer 2027 den nächsten Schritt machen.

„Den nächsten Schritt machen“ bedeutet im RB-Wörterbuch meist: für sehr viel Geld zu einem größeren Verein wechseln.

Bis dahin soll er sich am Cottaweg entwickeln – im beiderseitigen Interesse und insbesondere im Interesse der zukünftigen Transferbilanz.

Keine Ausstiegsklausel – diesmal wurde aufgepasst

Nusas Vertrag läuft bis 2029 und enthält angeblich keine Ausstiegsklausel.

Das wird als gute Verhandlungsleistung gefeiert.

Zu Recht: In Leipzig möchte man Spieler schließlich nicht günstig verlieren. Sie sollen den Verein nur zu einem Preis verlassen, bei dem sich selbst die Konzernzentrale kurz zufrieden zurücklehnt.

Der Publikumsliebling darf deshalb bleiben, besser werden und seinen Marktwert steigern.

Romantischer kann moderner Vereinsfußball kaum sein.

Liverpool schweigt, Paris ruft Salzburg an

Beim 19-jährigen Yan Diomande soll RB ein Paketangebot des FC Liverpool über 100 Millionen Euro abgelehnt haben.

Seitdem habe sich Liverpool nicht mehr gemeldet.

Vielleicht ist die Leitung auch dort gestört.

Paris Saint-Germain soll hingegen Interesse hinterlegt haben – und zwar offenbar direkt bei Red-Bull-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff.

PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi und Mintzlaff verstehen sich angeblich ausgezeichnet.

Damit wird erneut deutlich, wie Transfers im Spitzenfußball funktionieren: Trainer trainieren, Sportvorstände geben Pressekonferenzen und ganz oben telefonieren die Menschen, die sich wirklich gut kennen.

Marcel Schäfer darf anschließend erklären, dass sämtliche Entscheidungen in enger Abstimmung getroffen wurden.

Schäfers schwierigste Trainingseinheit findet auf dem Podium statt

Die eigentliche Herausforderung am Montag wartet deshalb möglicherweise nicht auf Martín Demichelis, sondern auf Marcel Schäfer.

Er muss überzeugend vermitteln, dass:

Demichelis die richtige Wahl ist,

er selbst vollständig hinter dieser Wahl steht,

die Kommunikation jederzeit hervorragend funktionierte,

Jürgen Klopps möglicher Abschied kein Problem darstellt,

der Kader strategisch geplant ist,

teure Neuzugänge gemeinsam ausgewählt wurden und

sämtliche Entscheidungen selbstverständlich in Leipzig getroffen werden.

Sollte Schäfer während einer Antwort kurz innehalten, muss das nichts bedeuten.

Vielleicht denkt er nur nach.

Vielleicht sortiert er seine Worte.

Oder vielleicht meldet sich gerade Salzburg auf dem Knopf im Ohr:

„Marcel, bitte noch einmal betonen, dass Martín von Anfang an der Wunschtrainer war.“

Schäfer lächelt.

Demichelis lächelt.

Die Presse schreibt mit.

Und irgendwo im Hintergrund beginnt offiziell die neue Eigenständigkeit von RB Leipzig.

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