Startseite Allgemeines Zehn Jahre nach dem Brexit: Die wirtschaftlichen Folgen werden immer sichtbarer
Allgemeines

Zehn Jahre nach dem Brexit: Die wirtschaftlichen Folgen werden immer sichtbarer

daniel_diaz_bardillo (CC0), Pixabay
Teilen

Zehn Jahre nach dem Brexit ziehen Wirtschaftsexperten eine zunehmend klare Bilanz. Während die unmittelbaren Folgen des EU-Austritts Großbritanniens zunächst weniger dramatisch ausfielen als von manchen befürchtet, zeigen zahlreiche Studien inzwischen deutliche langfristige Auswirkungen auf Handel, Investitionen und Wirtschaftswachstum.

Besonders betroffen ist der Warenhandel mit der Europäischen Union. Obwohl das Handelsabkommen zwischen London und Brüssel weiterhin einen weitgehend zollfreien Austausch ermöglicht, haben zusätzliche Bürokratie, neue Dokumentationspflichten und kompliziertere Grenzabfertigungen den Alltag vieler Unternehmen erheblich verändert.

Ein Beispiel dafür ist das britische Unternehmen Eskimo aus Bristol. Der Hersteller energieeffizienter Heizsysteme exportierte vor dem Brexit rund 40 Prozent seiner Produkte in die EU. Bis 2025 sank dieser Anteil auf nur noch fünf Prozent. Nach Angaben des Unternehmens seien weniger die Zölle als vielmehr der zusätzliche Verwaltungsaufwand und die Unsicherheit für Kunden die größten Probleme.

Auch wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Mehrere Studien zeigen, dass die Vielfalt der britischen Exporte in die EU deutlich zurückgegangen ist. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen haben sich vielfach ganz aus dem europäischen Markt zurückgezogen.

Offizielle Handelsdaten belegen ebenfalls eine deutliche Entwicklung. Im Vergleich zu 2019 lagen die britischen Warenexporte in die EU zuletzt rund 14 Prozent niedriger, die Importe etwa zehn Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Verschiedene Wirtschaftsinstitute gehen sogar davon aus, dass der Handel heute rund 15 bis 17 Prozent geringer ausfällt, als dies ohne Brexit zu erwarten gewesen wäre.

Anders entwickelt hat sich hingegen der Dienstleistungssektor. Dienstleistungen machen mehr als 80 Prozent der britischen Wirtschaftsleistung aus. Hier verzeichnete Großbritannien in den vergangenen Jahren deutliche Zuwächse. Vor allem Beratungsunternehmen, Finanzdienstleister, Rechtsanwälte und Technologieunternehmen konnten ihre internationalen Geschäfte ausbauen. Viele der ursprünglich befürchteten Einbrüche im Londoner Finanzsektor blieben aus.

Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchungen betrifft die Investitionstätigkeit britischer Unternehmen. Mehrere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die Unternehmensinvestitionen seit dem Brexit deutlich hinter dem zurückgeblieben sind, was aufgrund früherer Trends zu erwarten gewesen wäre. Schätzungen zufolge liegt die Investitionstätigkeit rund zwölf bis dreizehn Prozent unter dem Niveau, das ohne den EU-Austritt wahrscheinlich erreicht worden wäre.

Auch das britische Pfund geriet nach dem Referendum von 2016 unter Druck. Die Währung verlor deutlich an Wert gegenüber Euro und US-Dollar. Dadurch verteuerten sich Importe und Auslandsreisen, während britische Exporteure teilweise von einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit profitierten.

Befürworter des Brexit verweisen weiterhin auf neue Freiheiten bei Handelsabkommen und Regulierungen. Tatsächlich konnte Großbritannien eigene Handelsverträge abschließen, unter anderem mit Indien und den USA. Die britische Regierung selbst geht allerdings davon aus, dass diese Abkommen die Wirtschaftsleistung langfristig nur geringfügig steigern werden.

Besonders deutlich sichtbar wird die Entwicklung im Güterverkehr durch den Eurotunnel. Vor dem Brexit passierten jährlich rund 1,64 Millionen Lastwagen die Verbindung zwischen Großbritannien und dem europäischen Festland. Im vergangenen Jahr waren es nur noch etwa 1,16 Millionen. Branchenvertreter sehen darin einen klaren Hinweis auf die anhaltenden Handelshemmnisse nach dem EU-Austritt.

In der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung zeichnet sich mittlerweile ein breiter Konsens ab. Die meisten aktuellen Studien kommen zu dem Schluss, dass die britische Wirtschaft heute zwischen drei und acht Prozent kleiner ist, als sie ohne Brexit vermutlich wäre. Als Hauptgründe gelten geringerer Handel, niedrigere Investitionen und die langjährige Unsicherheit während der Austrittsverhandlungen.

Gleichzeitig bleibt die politische Debatte über die zukünftige Beziehung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union offen. Während einige Parteien eine weitere Annäherung an den europäischen Binnenmarkt fordern, wollen andere am bisherigen Kurs festhalten. Fest steht jedoch: Zehn Jahre nach dem Referendum prägt der Brexit die wirtschaftliche Entwicklung Großbritanniens weiterhin maßgeblich.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Schalke04 braucht keine Rentner-Romantik – Schalke braucht Kämpfer!

Glück auf, Schalker! Edin Džeko hat uns mit seinen Toren beim Aufstieg...

Allgemeines

Burnham stellt sich auf Konfrontation mit Trump ein: „Britanniens Interessen stehen an erster Stelle“

Der neue britische Premierminister Andy Burnham schlägt gegenüber US-Präsident Donald Trump einen...

Allgemeines

US-Gericht wirft Trumps Briefwahl-Erlass vorerst in den falschen Briefkasten

Ein US-Berufungsgericht hat einen Erlass von Präsident Donald Trump zur Verschärfung der...

Allgemeines

Social-Media-Verbot: Gute Absicht, schwierige Umsetzung

Der geplante stärkere Schutz von Kindern und Jugendlichen vor den schädlichen Auswirkungen...