Nach dem überzeugenden Auftaktsieg gegen Kroatien herrschte rund um England bereits vorsichtige Euphorie. Die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel wurde vielerorts schon wieder zum heißen Titelkandidaten erklärt. Das torlose 0:0 gegen Ghana hat diese Erwartungen nun zumindest vorerst deutlich gedämpft.
Zwar führen die Three Lions ihre Gruppe weiterhin an und haben beste Chancen auf das Weiterkommen ins Sechzehntelfinale, doch die Partie gegen Ghana offenbarte einige Schwächen, die gegen die großen Turnierfavoriten zum Problem werden könnten.
Während Kroatien im ersten Spiel mutig nach vorne spielte und England dadurch Räume bot, präsentierte sich Ghana völlig anders. Die Afrikaner standen tief, verteidigten diszipliniert und überließen den Engländern nahezu den gesamten Ballbesitz. Mehr als 78 Prozent Ballbesitz standen am Ende aufseiten Englands – viel anfangen konnten die Briten damit allerdings nicht.
Über weite Strecken wirkte das englische Offensivspiel ideenlos. Tempo, Kreativität und überraschende Momente waren Mangelware. Besonders auffällig war, dass England kaum Lösungen gegen den kompakten Defensivblock fand. Harry Kane hing lange in der Luft und kam nur selten gefährlich zum Abschluss.
Trainer Thomas Tuchel zeigte sich nach dem Spiel dennoch gelassen. Aus seiner Sicht sei es normal, dass Mannschaften bei einer Weltmeisterschaft auf völlig unterschiedliche Gegner treffen. Tatsächlich darf man nicht vergessen, dass Ghana die Partie taktisch nahezu perfekt anlegte und den Favoriten immer wieder frustrierte.
Dennoch bleiben Fragen offen. Vor allem auf den Außenbahnen fehlte häufig die Durchschlagskraft. Bukayo Saka brachte nach seiner Einwechslung zumindest etwas Schwung ins Spiel und dürfte seine Chancen auf einen Startelfeinsatz deutlich erhöht haben. Auch Marcus Rashford könnte im nächsten Spiel eine größere Rolle spielen.
Im Mittelfeld fehlte ebenfalls die kreative Note. Declan Rice und Elliot Anderson sorgen zwar für Stabilität, doch gegen tief stehende Gegner braucht England oftmals zusätzliche Ideen aus dem Zentrum. Namen wie Morgan Gibbs-White oder Adam Wharton wurden nach dem Spiel bereits als mögliche Alternativen diskutiert.
Hinzu kommt, dass England defensiv nicht immer sattelfest wirkte. Ghana kam im zweiten Durchgang mehrfach zu gefährlichen Kontern. Besonders brenzlig wurde es in der Schlussphase, als die Afrikaner nach einem Zweikampf zwischen Ezri Konsa und Prince Kwabena Adu einen Strafstoß forderten. Viele Beobachter sahen durchaus Argumente für einen Elfmeter.
Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Nach dem überzeugenden Auftakt besteht kein Grund zur Panik. Gleichzeitig hat Ghana gezeigt, dass England noch weit davon entfernt ist, die Konkurrenz zu dominieren.
Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Panama bleibt die Ausgangslage komfortabel. England hat das Weiterkommen weiterhin in der eigenen Hand und kann mit einem Sieg den Gruppensieg perfekt machen.
Doch die Botschaft dieses Abends war eindeutig: Wer Weltmeister werden will, muss mehr Lösungen finden als gegen einen tief stehenden Gegner über weite Strecken den Ball quer durch die eigenen Reihen laufen zu lassen.
Der Traum vom Titel lebt weiter. Die Partie gegen Ghana war jedoch eine Erinnerung daran, dass zwischen guten Ansätzen und echter Weltklasse noch einige Schritte liegen.
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