England steht im Halbfinale. Herzlichen Glückwunsch! Wer allerdings ein fußballerisches Feuerwerk erwartet hatte, bekam zunächst eher ein gepflegtes Schachspiel auf Rasen serviert – mit erstaunlich wenig Tempo und noch weniger Torchancen.
Die Three Lions hatten zwar gefühlt 87 Prozent Ballbesitz, wussten mit dem Leder aber ungefähr so viel anzufangen wie ein Tourist mit einem IKEA-Bauplan ohne Schrauben. Norwegen ließ sich davon nicht beeindrucken und schlug eiskalt zu. Ausgerechnet die Wikinger gingen durch Schjelderup in Führung und ließen die englischen Fans kurz an das nächste Kapitel der ewigen Leidensgeschichte glauben.
Doch dann kam Jude Bellingham. Der Real-Madrid-Star machte einmal mehr den Unterschied und glich noch vor der Pause aus. Spätestens da war klar: Wenn England heute weiterkommt, dann wohl nur, weil Bellingham beschlossen hat, das selbst in die Hand zu nehmen.
Nach dem Seitenwechsel entwickelte sich endlich ein echtes Viertelfinale. Norwegen spielte mutiger, Haaland arbeitete unermüdlich, doch gegen die englische Defensive fehlte am Ende das letzte Quäntchen Glück. Weil sich beide Teams in der regulären Spielzeit nicht mehr entscheidend durchsetzen konnten, musste die Verlängerung her.
Dort passierte das, was in K.-o.-Spielen so oft passiert: Nicht ein Geniestreich entschied die Partie, sondern ein Fehler. Norwegens bis dahin überragender Torhüter Nyland leistete sich seinen einzigen Wackler – und Bellingham sagte artig Danke. So einfach kann der Weg ins Halbfinale manchmal sein.
England lebt also weiter vom Traum vom ersten WM-Titel seit 1966. Wirklich überzeugend war das erneut nicht, aber Weltmeister fragt später niemand mehr, ob die Siege schön waren.
Norwegen hingegen darf erhobenen Hauptes abreisen. Die Wikinger haben dieses Turnier bereichert, Brasilien geschockt und England an den Rand einer Blamage gebracht. Und Erling Haaland? Der hat zwar diesmal nicht getroffen, bleibt aber trotzdem einer der ganz großen Gewinner dieser Weltmeisterschaft.
England ist weiter. Schön war’s nicht. Effektiv schon. Und manchmal reicht genau das für den ganz großen Wurf.
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