Es gibt Menschen, die fahren jedes Jahr in den Urlaub. Und es gibt Harry Taylor. Der fährt seit 34 Jahren nach Wimbledon – allerdings nicht zuerst auf den Centre Court, sondern direkt in die Warteschlange.
Während andere ihre Sommerferien am Strand verbringen, perfektioniert Harry die hohe Kunst des Anstehens. Inzwischen dürfte er mehr Erfahrung mit Zelten haben als so mancher Pfadfinder und kennt vermutlich jeden Grashalm vor den Toren von Wimbledon persönlich.
Diesmal kommt allerdings ein neuer Gegner hinzu: die Hitze. Bis zu 30 Grad sind angekündigt. Für Harry offenbar kein Grund zur Sorge. Er reist an wie jemand, der eine Expedition in die Sahara plant: Paletten voller Wasser, Kühlhandtücher, Ventilatoren, Eiswürfel, Solarpanels und ein 300-Pfund-Zelt, das die Sonne reflektiert.
Früher, erzählt er, habe sich sein Zelt angefühlt wie ein Backofen. Heute könnte er darin wahrscheinlich eine kleine Klimaanlagen-Ausstellung eröffnen.
Seine Motivation ist bemerkenswert. Andere sammeln Briefmarken, Bierdeckel oder Panini-Bilder. Harry sammelt Wimbledon-Warteschlangen. 34 Jahre in Folge. Sollte es irgendwann einmal olympisches Anstehen geben – Gold wäre praktisch schon reserviert.
Besonders tragisch trifft ihn allerdings die Absage von Carlos Alcaraz. Wochenlang campen, tonnenweise Wasser schleppen, Sonnenbrand riskieren – und dann sagt ausgerechnet der Lieblingsspieler ab. Das ist ungefähr so, als würde man für ein Konzert zelten und kurz vor Einlass erfahren, dass die Band heute Karaoke macht.
Natürlich hat Harry längst einen Plan B. Dann eben Jannik Sinner. Und wenn der auch noch ausfallen sollte, schaut man eben den Ballkindern bei der Arbeit zu. Irgendetwas passiert auf dem heiligen Rasen schließlich immer.
Seine Freunde reisen dafür sogar aus China, Australien und Belgien an. Andere treffen sich zum Grillabend – Harry organisiert eine internationale Gipfelkonferenz des gepflegten Wartens.
Das Schönste an der Geschichte ist aber: Während Millionen Fans alles dafür tun, möglichst schnell ins Stadion zu kommen, scheint Harry den größten Spaß genau davor zu haben. Für ihn beginnt Wimbledon eben nicht mit dem ersten Aufschlag, sondern mit dem ersten Hering, der ins Erdreich geschlagen wird.
Vielleicht sollte der Veranstalter langsam reagieren. Wer 34 Jahre lang treu vor den Toren campiert, hat sich eigentlich einen Ehrenplatz verdient. Oder wenigstens eine eigene Statue.
Mit Zelt. Kühlbox. Ventilator. Und einem Schild:
„Hier wartet Harry. Seit ungefähr der Erfindung des Tiebreaks.“
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