Deutschland digitalisiert sich. Zumindest laut Pressemitteilungen.
Denn wenn man den Jubelmeldungen aus Berlin glaubt, ist Digitalminister Karsten Wildberger offenbar kurz davor, das Internet persönlich neu zu erfinden. Überall „Reformen“, „Offensiven“, „Pilotprojekte“ und natürlich die obligatorische „Staatsmodernisierung“. Klingt gigantisch. Der normale Bürger merkt davon allerdings ungefähr so viel wie vom WLAN im ICE: theoretisch vorhanden, praktisch eher Glückssache.
Besonders beliebt ist Wildberger angeblich in der Wirtschaft. Kein Wunder. Wer wenig Konkretes liefert, aber sehr modern klingt, kommt in Deutschland traditionell gut an. „Digitalisierungsoffensive“ hört sich eben deutlich besser an als „Sie brauchen weiterhin drei Formulare und zwei Behördentermine“.
Natürlich gibt es jetzt auch wieder große Zukunftsvisionen:
Eine Deutschland-App! Eine EUDI-Wallet! Schnellere Firmengründungen! Weniger Bürokratie!
Der Bürger denkt sich derweil:
„Fantastisch. Aber warum brauche ich für einen simplen Wohnsitzwechsel immer noch drei Passfotos, zwei PIN-Briefe und die Geduld eines tibetischen Mönchs?“
Besonders herrlich ist der sogenannte „IT-Zustimmungsvorbehalt“. Dahinter verbirgt sich im Wesentlichen die revolutionäre Idee, dass Ministerien vielleicht vorher nachfragen sollen, bevor sie Millionen für neue Software verbrennen. Im privaten Alltag nennt man das übrigens gesunden Menschenverstand. In Berlin gilt es als Verwaltungsrevolution.
Und dann diese Zahlen:
Milliarden sollen eingespart werden.
Milliarden Bürokratiekosten sollen verschwinden.
Milliarden Prozesse sollen effizienter werden.
Das Einzige, was in Deutschland allerdings zuverlässig schnell funktioniert, ist weiterhin die automatische Antwortmail:
„Vielen Dank für Ihre Anfrage. Aufgrund des hohen Aufkommens kann die Bearbeitung mehrere Wochen dauern.“
Auch der Glasfaserausbau „geht voran“. Das erkennt man laut Bericht an den Baustellen vor der Tür. Ein wunderschönes deutsches Symbolbild:
Seit Jahren offene Straßen, orangefarbene Absperrungen und irgendwo ein Schild mit „Hier entsteht Zukunft“.
Die Realität vieler Bürger sieht dagegen weiterhin erstaunlich analog aus:
Drucker kaputt.
Onlineportal abgestürzt.
Termin nur per Fax.
Behörde nur dienstags von 9 bis 11 Uhr erreichbar.
Aber immerhin gibt es jetzt Pilotkommunen. Zwölf Stück sogar. Deutschland rast also praktisch mit ISDN-Geschwindigkeit ins digitale Zeitalter.
Wildberger selbst wirkt dabei wie der perfekte Präsentationsminister:
viel Bühne, viele Buzzwords, viele Interviews – und am Ende freut sich die Regierung darüber, dass irgendwo jetzt ein Fahrzeugschein zusätzlich auf dem Smartphone gespeichert werden kann. Der Staat des Jahres 2026 feiert Dinge, die Banking-Apps schon konnten, als Angela Merkel noch „Neuland“ sagte.
Kurz gesagt:
Wildberger verkauft Digitalisierung wie ein Influencer ein Online-Coaching –
große Versprechen, moderne Schlagworte und beeindruckende Folien.
Nur im Alltag merkt der Bürger davon weiterhin erstaunlich wenig.
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