Es gibt Geschichten aus der Berliner Bezirkspolitik, bei denen man sich fragt, ob Satire eigentlich überhaupt noch eine Existenzberechtigung hat. Pankow liefert wieder einmal zuverlässig den Beweis: Die Realität ist längst schneller, dreister und schamloser als jede Glosse.
Die Meldung klingt zunächst harmlos:
Pankows Sozialstadträtin Dominique Krössin tritt zurück.
Kann ja passieren.
Politik ist anstrengend, Wahlkampf steht vor der Tür, vielleicht will man kürzertreten.
Aber dann folgt der eigentliche Berliner Pointe-Knaller:
Kaum ist sie zurückgetreten, sitzt sie plötzlich als neue Chefin des Kulturamts im selben Bezirksamt.
Natürlich ganz regulär.
Natürlich völlig unabhängig vom Wahlausgang.
Natürlich im Rahmen eines „regulären Stellenbesetzungsverfahrens“.
Natürlich „Bestenauslese“.
Man muss diese Wortwahl lieben.
In Berlin ist „Bestenauslese“ inzwischen ungefähr das, was in Sizilien „familiäre Vertrauensbasis“ ist.
Denn der zeitliche Zufall ist schon bemerkenswert elegant:
Im September wird gewählt.
Die Bezirksverordnetenversammlung entscheidet danach über die Besetzung der Bezirksämter.
Und ausgerechnet die Linke hat wohl nur noch Anspruch auf einen Stadtratsposten.
Blöd nur, dass mit Jonas Teune bereits der neue Spitzenkandidat geschniegelt an der Startlinie steht.
Da könnte es für Frau Krössin eng werden.
Und siehe da:
Plötzlich findet sich noch vor der Wahl ein schönes, wetterfestes, wahlergebnisunabhängiges Plätzchen im Kulturamt.
Wenn das kein politischer Instinkt ist, was dann?
Andere hamstern Konserven vor Krisen.
In Pankow hamstert man lieber Besoldungsgruppen.
Natürlich wird sofort betont, dass Krössin dort weniger verdient als bisher.
Statt über 10.000 Euro als Bezirksstadträtin nun „nur“ noch bis zu rund 7.640 Euro im Monat.
Da soll der Bürger vermutlich denken:
Na also, ein Opfer! Fast schon selbstlos!
Nur: Wer kurz vor einer möglichen Abwahl elegant in einen sicheren Verwaltungssessel gleitet, ist nicht plötzlich Asketin, nur weil das neue Kissen etwas dünner gepolstert ist.
Das ist ungefähr so, als würde jemand vom Dienstwagen in die obere Mittelklasse wechseln und erwarten, dass man dafür Tränen der Anteilnahme verdrückt.
Noch schöner wird die Nummer durch das, was man nicht erfährt.
Die bisherige Kulturamtschefin?
Weg.
Warum?
Unklar.
Wohin?
Geheim.
Weshalb?
„Personenbezug oder interner Charakter.“
Herrlich.
Wenn in Berlin jemand überraschend verschwindet, ein Parteimensch plötzlich auftaucht und alle Details unter Datenschutznebel verschwinden, dann weiß man:
Hier wird nicht verwaltet – hier wird verteilt.
Und genau das ist der Kern des Problems.
Es geht nicht nur um Dominique Krössin.
Es geht um ein System, in dem Parteien den Staat nicht mehr als neutrale Ordnung begreifen, sondern als Versorgungslandschaft mit Bürotür und Tarifvertrag.
Das Bezirksamt wird nicht als Institution geführt, sondern wie ein Beutestück:
Hier ein Posten, dort ein Amt, da noch schnell eine Anschlussverwendung, bevor der Wähler auf dumme Gedanken kommt.
Die Linke in Pankow demonstriert damit wieder einmal jene ganz besondere Form von politischer Moral, die sie sonst so gern bei anderen anklagt:
Nach außen soziale Gerechtigkeit predigen –
und intern rechtzeitig die eigene Landung absichern.
Man könnte natürlich sagen:
Alles legal.
Mag sein.
Aber nicht alles, was legal ist, ist auch anständig.
Und nicht alles, was nach „Bestenauslese“ klingt, ist in Berlin automatisch mehr als ein administrativ geschniegelt vorgetragener Postenschacher mit Formularsatz.
Besonders pikant:
Berlin kennt dieses Spiel längst.
Nach der Wiederholungswahl 2023 mussten mehrere Bezirksbürgermeister und Stadträte ihre Ämter räumen – und wurden dank Sonderregelung trotzdem weiterbezahlt.
Das wurde damals zu Recht als „bezahltes Nichtstun“ verspottet.
Pankow hat daraus offenbar gelernt.
Nicht im Sinne von: Das darf nie wieder passieren.
Sondern eher im Sinne von:
„Beim nächsten Mal sichern wir die Anschlussverwendung einfach früher.“
Das ist die eigentliche Berliner Verwaltungsinnovation.
Am Ende bleibt ein schaler Eindruck:
- Eine Stadträtin tritt kurz vor einer politisch riskanten Wahl zurück
- landet nahtlos auf einem sicheren Verwaltungsposten
- die bisherige Stelleninhaberin verschwindet ohne Erklärung
- und alles wird als ganz normaler Vorgang verkauft
Wenn Bürger bei so etwas den Glauben verlieren, dann nicht wegen „Politikverdrossenheit“.
Sondern weil sie sehr genau sehen, was hier passiert:
Eine Partei macht sich einen Bezirk zur Beute.
Nicht mit großen Reden.
Nicht mit Idealen.
Nicht mit Visionen.
Sondern mit dem ältesten Berliner Verwaltungsreflex überhaupt:
Wenn die Macht wackelt, wird schnell noch ein Stuhl festgeschraubt.
Oder ganz einfach:
In Pankow wird nicht gewählt, um Politik zu gestalten – offenbar wird vorher erst einmal geklärt, wer nach der Wahl trotzdem weich fällt.
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