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Wer über Sachsen-Anhalt spricht, sollte den Menschen dort auch zuhören

jorono (CC0), Pixabay
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Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt überschlagen sich vielerorts die Analysen. Kommentatoren, politische Beobachter und Journalisten erklären, warum die Menschen so gewählt haben, welche Motive dahinterstehen und was dieses Ergebnis angeblich über das Land aussagt.

Dabei entsteht jedoch häufig ein merkwürdiger Eindruck: Viele reden über die Menschen in Sachsen-Anhalt, ohne diese Menschen wirklich zu kennen.

Genau an diesem Punkt verdient eine Aussage von Ulrich Siegmund Aufmerksamkeit. Unabhängig davon, wie man politisch zu ihm oder zur AfD steht, lässt sich ein Unterschied nicht einfach wegdiskutieren: Wer über einen langen Zeitraum Wahlkampf vor Ort führt, durch Dörfer, Gemeinden und Städte zieht, mit Bürgern spricht, ihnen zuhört und unmittelbar erlebt, welche Themen sie beschäftigen, bekommt einen anderen Eindruck von der Stimmung im Land als jemand, der Sachsen-Anhalt hauptsächlich aus Umfragen, Statistiken, Parteizentralen oder Fernsehstudios kennt.

Siegmund war nicht nur einige Tage vor der Wahl präsent. Er hat nach eigener Darstellung über viele Monate hinweg Wahlkampf unmittelbar bei den Menschen gemacht. Er war in kleinen Orten ebenso unterwegs wie in Städten und Gemeinden. Diese direkte Begegnung mit Bürgern sollte man bei der Bewertung seiner Aussagen zumindest berücksichtigen.

Das bedeutet keineswegs, dass seine politische Interpretation automatisch richtig sein muss. Auch ein Politiker hört im Wahlkampf nicht zwangsläufig alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen. Aber ebenso wenig sollte der Eindruck entstehen, politische Kommentatoren könnten aus der Distanz besser erklären, was die Menschen in Sachsen-Anhalt bewegt, als diejenigen, die über Monate tatsächlich mit ihnen gesprochen haben.

Gerade hier sollten Medien selbstkritischer werden.

Wer nach einer Wahl fragt, warum Menschen eine bestimmte Partei gewählt haben, darf sich nicht damit begnügen, bekannte Erklärungsmuster abzurufen. Begriffe wie „Protestwahl“, „Frust“, „Angst“, „Populismus“ oder „Radikalisierung“ können Teil einer Analyse sein. Sie ersetzen aber nicht das Gespräch mit den Wählern selbst.

Medien sollten deshalb stärker dorthin gehen, wo politische Stimmung tatsächlich entsteht: in die Dörfer, auf die Marktplätze, in Betriebe, Vereine, kleine Gemeinden und Stadtteile. Dort leben die Menschen, über deren Entscheidungen anschließend in Berliner Studios stundenlang diskutiert wird.

Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt sollte deshalb auch eine journalistische Frage auslösen: Kennen wir die Menschen, über die wir berichten, wirklich gut genug?

Es ist bequem, Wahlergebnisse aus der Distanz zu erklären. Schwieriger ist es, zuzuhören – auch dann, wenn einem die Antworten nicht gefallen.

Genau das wäre jedoch die Aufgabe eines Journalismus, der nicht nur über Menschen spricht, sondern verstehen will, warum sie so denken und wählen, wie sie es tun.

Denn wer verstehen will, was in Sachsen-Anhalt passiert ist, sollte nicht ausschließlich in Parteizentralen und Fernsehstudios nach Antworten suchen.

Er sollte nach Sachsen-Anhalt fahren.

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