Bespückt, bedroht, ausgegrenzt, sogar entführt: Immer mehr britische Jüdinnen und Juden schildern, wie sich ihr Alltag verändert hat. Manche denken ans Auswandern. Was einst als sicher galt, fühlt sich für viele nicht mehr so an.
Amanda trägt ihren Davidstern noch immer.
Aber nicht mehr so selbstverständlich wie früher.
Jahrelang war das Schmuckstück für die 47-Jährige einfach ein Teil ihres Lebens – Ausdruck ihrer Identität, nichts weiter. Sie engagiert sich in ihrer Gemeinde, arbeitet ehrenamtlich, sitzt im Leitungsgremium der Schule ihrer Kinder, lebt mit ihrer Familie in einem ruhigen Londoner Vorort. Ein normales Leben.
Doch dieses Normale ist brüchig geworden.
In den vergangenen zwei Jahren, erzählt Amanda, sei sie auf der Straße angespuckt worden. Man habe sie als „Babymörderin“ beschimpft. Es habe sogar Todesdrohungen gegeben. Nicht wegen etwas, das sie getan habe. Sondern, sagt sie, weil sie als Jüdin erkennbar sei.
„Es ist schwer, im Alltag offen jüdisch zu sein“, sagt sie.
„Für jüdische Menschen ist das Leben in Großbritannien inzwischen sehr unangenehm geworden.“
Es ist ein Satz, der nachhallt. Vor allem in einem Land, das für viele jüdische Familien einst Zuflucht war.
Vom Nachbarschaftschat zur Exit-Strategie
Amanda erzählt von einer WhatsApp-Gruppe mit rund 20 jüdischen Freundinnen und Freunden. Viele stammen aus Familien, deren Eltern oder Großeltern vor den Nationalsozialisten nach Großbritannien flohen – in der Hoffnung auf Sicherheit, auf Schutz, auf ein Leben ohne Angst.
Heute kreisen die Gespräche dort offenbar nicht mehr nur um Kinder, Schule oder Nachbarschaft.
Sondern um etwas Grundsätzlicheres:
Wie kommt man weg, wenn es schlimmer wird?
„Es gibt praktisch keine jüdische Person, die ich kenne, die nicht einen Plan zum Gehen hat“, sagt Amanda.
„Die erste Frage ist immer: Was ist euer Fluchtplan? Wohin geht ihr? Was macht ihr? Wann geht ihr? Manche sind schon weg oder ziehen gerade um.“
Das ist kein repräsentativer Querschnitt durch alle Jüdinnen und Juden in Großbritannien. Aber es ist ein Stimmungsbild – und eines, das alarmiert.
Tatsächlich zeigen israelische Migrationsdaten: Mehr britische Juden sind in den vergangenen zwölf Monaten nach Israel ausgewandert als in jedem anderen Jahr seit Beginn des Jahrhunderts.
Mit 742 Menschen bleibt die Zahl gemessen an der jüdischen Gesamtbevölkerung Großbritanniens von rund 300.000 zwar relativ klein. Doch sie ist doppelt so hoch wie 2023 – jenem Jahr, das mit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober und dem darauffolgenden Gaza-Krieg eine weltweite Eskalation auslöste.
Eine neue Umfrage des Institute for Jewish Policy Research (JPR) legt nahe: Etwa jeder fünfte britische Jude denkt wegen Antisemitismus darüber nach, das Land zu verlassen.
Nicht nur Angst – auch Ausschluss
Amanda berichtet auch von einem Vorfall, der zeigt, wie subtil Ausgrenzung heute funktionieren kann.
Als sie im vergangenen Jahr eine Chanukka-Feier für ihre Gemeinde organisieren wollte, sei der bereits gebuchte Veranstaltungsort kurzfristig abgesprungen – mit Verweis auf Sicherheitsbedenken nach einem tödlichen Angriff auf eine Chanukka-Veranstaltung im australischen Bondi Beach.
Das Ergebnis: keine Feier.
Für Amanda ist das bitter.
Denn Sicherheitslogik, sagt sie, werde so schnell zur Unsichtbarmachung.
„Juden auszuschließen macht uns nicht sicherer“, sagt sie.
„Es entfernt uns nur aus dem Leben.“
Brandanschläge, Drohungen, Rekordzahlen
Amandas Erfahrungen stehen nicht allein.
Mehr als ein Dutzend jüdische Menschen aus ganz Großbritannien – darunter eine Hebamme im NHS, eine Studentin, ein Musiker, der entführt wurde – berichten von einem Alltag, in dem Antisemitismus nicht mehr wie ein Randphänomen wirkt, sondern wie ein wachsender Druck.
Die Sorgen speisen sich nicht nur aus Beleidigungen oder Online-Hass. Sondern auch aus einer Serie realer Angriffe.
In Nordlondon wurden zuletzt mehrfach jüdische Einrichtungen attackiert:
- Brandanschlag auf Rettungswagen der jüdischen Hilfsorganisation Hatzola in Golders Green
- versuchter Brandanschlag auf eine Synagoge in Finchley
- weitere mutmaßliche Brandversuche an einem Geschäft in Hendon und einer Synagoge in Kenton
Die Community Security Trust (CST), die jüdische Gemeinden in Großbritannien berät und Sicherheitsarbeit leistet, meldet Rekordzahlen antisemitischer Vorfälle.
Im vergangenen Jahr registrierte die Organisation nach eigenen Angaben:
3.700 antisemitische Vorfälle
– also mehr als zehn pro Tag.
Nur 2023 lag noch höher, mit fast 4.300 Fällen.
Die offiziellen Zahlen des Innenministeriums zeigen: In England und Wales wurden im Jahr bis März 2025 insgesamt 10.065 religiös motivierte Hassdelikte erfasst.
Muslime waren zahlenmäßig die am häufigsten betroffene Gruppe. Doch bezogen auf die Bevölkerungsgröße erlebten jüdische Menschen mehr als achtmal so viele Hassdelikte pro Kopf wie Muslime.
Das ist eine Zahl, die schwer zu relativieren ist.
„Ich fühle mich im NHS nicht sicher“
Laura, 62, arbeitet als Hebamme in London.
Sie hat sich jahrelang dafür eingesetzt, dass jüdische Mütter im Gesundheitssystem kultursensibler betreut werden. Sie hat Mitarbeitende geschult, über Antisemitismus gesprochen, Aufklärung betrieben.
Heute sagt sie:
„Es ist sehr schwer, im NHS offen jüdisch zu sein, ohne Angst zu haben.“
Besonders nach mehreren Fällen, in denen Ärztinnen und Ärzte wegen antisemitischer Äußerungen suspendiert oder aus dem Beruf entfernt wurden, sei ihr Vertrauen erschüttert.
„Ich glaube, dass man sich als offen jüdische Person im NHS nicht unbedingt psychologisch sicher mit allen Kolleginnen und Kollegen fühlen kann“, sagt sie.
Auch online erlebt sie Anfeindungen. Sie werde als „rassistisch“ bezeichnet, mit Schimpfwörtern belegt, als „Zio“ beschimpft – eine abwertende Kurzform für Zionist.
Dazu kämen immer wieder Anspielungen und Vergleiche mit Nazi-Rhetorik.
„Das ist unglaublich belastend“, sagt sie.
„Ich versuche nur zu erklären, wie sich jüdisches Leben in diesen sehr aufgewühlten Zeiten anfühlt.“
Universitäten: Jüdische Studierende zwischen Isolation und Schutzwesten
Auch an britischen Hochschulen wächst die Sorge.
Laut einer Umfrage unter 1.000 Studierenden im Auftrag der Union of Jewish Students sagte jeder fünfte Student, er oder sie würde nicht mit einer jüdischen Person zusammenwohnen wollen.
Avital, 21, studiert im Norden Englands. Sie erzählt, einige ihrer jüdischen Freunde hätten ihre Wohnheime verlassen müssen, nachdem Mitbewohner antisemitische Bemerkungen gemacht hätten.
„Es entsteht ein Umfeld, in dem jüdische Studierende isoliert werden – nur weil sie jüdisch sind“, sagt sie.
Besonders drastisch klingt ihre Schilderung jüdischer Studentenpartys:
„Wenn wir eine Party mit Musik und Getränken veranstalten, die eigentlich einfach nur Spaß machen soll, müssen einige Studierende draußen mit stichsicheren Westen stehen und kontrollieren, wer reinkommt.“
Dann sagt sie einen Satz, der die ganze Absurdität einfängt:
„Das ist einfach nicht normal.“
Entführt, weil er Jude ist
Einer der extremsten Fälle ist der des israelischen Musikproduzenten Itay Kashti, der in London lebt.
2024 erhielt er eine E-Mail, die wie eine Einladung eines Musiklabels zu einem Songwriting-Camp in Wales wirkte. Als er mit dem Taxi ankam, wurden er und der Fahrer von drei maskierten Männern angegriffen.
Der Fahrer konnte fliehen.
Itay wurde in einem Cottage an einen Heizkörper gefesselt.
Später gelang ihm die Flucht.
„Ich kam blutüberströmt aus dem Haus“, erinnert er sich.
Drei Männer wurden festgenommen. Alle bekannten sich des Kidnappings schuldig und wurden zu jeweils acht Jahren und einem Monat Haft verurteilt.
Der Richter stellte klar:
Itay war wegen seines jüdischen Hintergrunds ausgesucht worden.
Die Täter seien durch Ereignisse anderswo in der Welt motiviert gewesen.
Itay sagt heute:
„Viele Menschen haben Vorurteile gegen Juden im Allgemeinen – und gegen Israel im Besonderen.“
Und dann formuliert er etwas, das im aufgeheizten Klima oft verloren geht:
„Man kann die Politik eines Landes mögen oder nicht mögen – so wie ich auch vieles an der Politik Israels nicht mag. Aber das bedeutet nicht, dass man einzelne Menschen danach beurteilen oder angreifen darf, woher sie kommen.“
Von der Sprache zur Gewalt
Der Fall Kashti ist extrem. Aber Sicherheitsbehörden und Experten warnen: Gerade weil solche Taten selten sind, müsse man umso genauer auf das Klima schauen, das ihnen vorausgeht.
Jonathan Hall KC, unabhängiger Prüfer der britischen Terrorgesetze, formuliert es deutlich:
„Der Hass auf Juden im öffentlichen Raum hat dazu beigetragen, dass sie eher als Ziel von Terrorismus wahrgenommen werden.“
Es ist eine drastische Diagnose.
Sie verweist auf einen gefährlichen Übergang:
Wenn Feindbilder im Alltag normalisiert werden, sinkt die Hemmschwelle für jene, die Gewalt daraus machen.
Großbritannien hat diese Eskalation bereits erlebt – etwa beim Angriff auf eine Synagoge in Manchester, bei dem im vergangenen Oktober zwei Männer getötet wurden.
Protest, Gaza, Sprache – und die Grenze zur Bedrohung
Zehntausende Menschen sind seit 2023 in Großbritannien auf die Straße gegangen, um gegen Israels Krieg in Gaza zu protestieren und Solidarität mit Palästinensern zu zeigen.
Darunter auch jüdische Teilnehmer.
Die Organisatoren vieler Demonstrationen – darunter die Palestine Solidarity Campaign (PSC) und die Stop the War Coalition – betonen, sie verurteilten Antisemitismus „uneingeschränkt“ und wiesen den Vorwurf zurück, ihre Märsche würden jüdische Menschen einschüchtern.
Doch viele britische Juden schildern genau dieses Gefühl.
Besonders umstritten ist der Slogan:
„Globalise the Intifada“
Für manche Demonstrierende bedeutet er: weltweiter Aufstand gegen Unterdrückung.
Für viele Jüdinnen und Juden bedeutet er: ein Aufruf zu Gewalt gegen Juden – überall.
Hier liegt ein Kernkonflikt der britischen Debatte:
Wo endet politische Meinungsfreiheit?
Und wo beginnt ein Klima, das Menschen konkret bedroht?
Seit 2023 wurden bei pro-palästinensischen Demonstrationen laut Metropolitan Police mehr als 3.500 Menschen festgenommen, fast 3.000 davon in London.
Die Regierung prüft derzeit, ob bestehende Gesetze zum Schutz betroffener Gruppen ausreichen – und ob Polizei und Justiz zu zögerlich handeln.
Jonathan Hall sagt:
Die Gesetze seien grundsätzlich vorhanden. Das Problem sei ihre Durchsetzung.
Er spricht von „übermäßiger Vorsicht“.
Auch der interreligiöse Dialog leidet
Die Folgen reichen tiefer als Sicherheitsfragen.
Viele jüdische und andere religiöse Führungspersönlichkeiten berichten, dass der Dialog zwischen Glaubensgemeinschaften seit dem 7. Oktober deutlich schwieriger geworden sei.
Die Rabbinerin Julia Neuberger sagt, viele Juden seien heute vorsichtiger geworden, wenn es um Beziehungen zu Muslimen oder Christen gehe – nicht aus grundsätzlicher Ablehnung, sondern aus Unsicherheit.
„Sollen wir über Gaza sprechen? Sollen wir nicht über Gaza sprechen? Wie geht man damit um?“, beschreibt sie die Atmosphäre.
Der Krieg in Nahost hat nicht nur politische Fronten verschärft. Er hat auch persönliche Räume vergiftet, in denen früher vielleicht noch Vertrauen möglich war.
Zwischen Angst und Hoffnung
Trotz allem gibt es Stimmen, die nicht aufgeben wollen.
Rabbi Daniel Walker, dessen Synagoge in Manchester angegriffen wurde, hält an einer Idee fest, die in dieser Lage fast trotzig wirkt:
Dass eine Gesellschaft unterschiedliche Ansichten aushalten muss, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren.
„Eine der großen Stärken unserer Gesellschaft war immer, dass wir sehr unterschiedliche Meinungen haben konnten – sogar über fundamentale Fragen – und trotzdem mit Respekt und Toleranz miteinander umgingen“, sagt er.
„Ich glaube, das verlieren wir gerade.“
Und doch bleibt er optimistisch.
„Ich bin unerbittlich positiv“, sagt er.
Manche hielten ihn für naiv. Aber er glaube weiterhin an dieses Land.
Es sind Sätze, die nicht naiv klingen, sondern wie ein bewusstes Festhalten an Hoffnung gegen die Erfahrung.
Fazit
Die Berichte jüdischer Menschen in Großbritannien erzählen nicht nur von einzelnen Übergriffen. Sie erzählen von einer tieferen Verschiebung:
- vom Gefühl der Zugehörigkeit zur Vorsicht,
- von Sichtbarkeit zur Selbstverdeckung,
- vom Alltag zur Exit-Strategie.
Natürlich ist Großbritannien nicht plötzlich zu einem Land geworden, in dem jüdisches Leben unmöglich wäre.
Aber für viele, die dort leben, hat sich etwas verändert, das schwerer wiegt als Statistiken allein:
das Gefühl, nicht mehr selbstverständlich sicher zu sein.
Und wenn Menschen, deren Familien einst vor Antisemitismus nach Großbritannien flohen, heute wieder über Fluchtpläne sprechen, dann ist das mehr als eine persönliche Angst.
Es ist ein gesellschaftliches Warnsignal.
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