Während in Europa Fabriken schließen, die Industrie schwächelt und die Konjunktur kaum vom Fleck kommt, präsentiert sich die amerikanische Wirtschaft erstaunlich widerstandsfähig. Trotz Handelskriegen, geopolitischer Konflikte, steigender Energiepreise und einer anhaltend hohen Inflation wächst die größte Volkswirtschaft der Welt weiter. Die Frage, die Ökonomen diesseits und jenseits des Atlantiks beschäftigt: Warum eigentlich?
Ein Symbol für diese Entwicklung liefern ausgerechnet zwei deutsche Autokonzerne. Während Volkswagens einst prestigeträchtige „Gläserne Manufaktur“ in Dresden Ende vergangenen Jahres die Produktion einstellte, läuft im US-Bundesstaat South Carolina die größte BMW-Fabrik der Welt auf Hochtouren.
Trumps Politik als Belastung – und zugleich als Test
Eigentlich schienen die Voraussetzungen für eine Abschwächung der US-Wirtschaft gegeben. Die von Präsident Donald Trump eingeführten Strafzölle verteuerten Importe, Massenabschiebungen verschärften den Arbeitskräftemangel und die Spannungen im Nahen Osten ließen die Ölpreise steigen.
Viele Experten erwarteten eine klassische Stagflation – schwaches Wachstum bei gleichzeitig hoher Inflation. Doch bislang blieb dieses Szenario aus.
„Die amerikanische Wirtschaft hat sogar die eigenen Fehler der Politik erstaunlich gut verkraftet“, sagt Joe Brusuelas, Chefökonom des Beratungsunternehmens RSM.
Anstatt Investitionen zurückzufahren, hätten viele Unternehmen ihre Ausgaben erhöht. Die Investitionsquote liege inzwischen bei knapp 14 Prozent der Wirtschaftsleistung – ein ungewöhnlich hoher Wert angesichts der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten.
Fracking verändert die Spielregeln
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Energieversorgung. Während Europa nach dem Wegfall russischer Gaslieferungen mit hohen Energiekosten kämpft, profitiert die USA weiterhin von ihrer eigenen Öl- und Gasförderung.
Die Fracking-Revolution der vergangenen zwei Jahrzehnte hat das Land zu einem der weltweit größten Energieproduzenten gemacht. Gleichzeitig ist die Wirtschaft deutlich weniger abhängig vom Ölpreis als früher.
„Der Einfluss steigender Ölpreise auf die Wirtschaftsleistung hat sich in den vergangenen 50 Jahren halbiert“, sagt Brusuelas.
Während europäische Staaten auf langfristige Lieferverträge und komplexe Versorgungsnetze setzen, verlässt sich Amerika stärker auf Marktmechanismen. Das erhöht zwar kurzfristig die Schwankungen, schafft aber mehr Flexibilität.
Europa scheut Risiken
Für die Wirtschaftsexpertin Rebecca Christie vom Brüsseler Thinktank Bruegel liegt ein Teil der Erklärung auch in kulturellen Unterschieden.
„Amerikaner sind lösungsorientiert und deutlich risikofreudiger“, sagt sie. „Europa ist traditionell vorsichtiger.“
Das zeige sich etwa bei der Finanzierung von Unternehmen. In Europa sind Firmen oft stark von Bankkrediten abhängig. In den USA können sie leichter Kapital über Börsen oder Risikoinvestoren aufnehmen.
Diese Strukturen ermöglichen es amerikanischen Unternehmen, schneller auf Krisen zu reagieren und neue Chancen zu nutzen.
Die Schattenseite des Erfolgs
Allerdings warnen Experten davor, die positive Gesamtentwicklung mit der Lebensrealität vieler Amerikaner gleichzusetzen.
Die soziale Ungleichheit ist in den USA weiterhin enorm. Wohnraum wird vielerorts unbezahlbar, die Inflation belastet Haushalte und nicht jeder profitiert vom wirtschaftlichen Wachstum.
„Wenn man in den USA den Anschluss verliert, wird es sehr schwierig“, sagt Christie. „Die Wirtschaft wächst, aber das bedeutet nicht automatisch, dass es allen Menschen besser geht.“
Tatsächlich stiegen die Verbraucherpreise zuletzt wieder stärker. Im Mai lag die Inflation bei 4,2 Prozent und damit auf dem höchsten Stand seit drei Jahren.
Noch die sauberste Weste im Wäschekorb
Trotz aller Risiken bleibt die amerikanische Wirtschaft im internationalen Vergleich bemerkenswert robust. Flexible Märkte, hohe Investitionen, eine starke Energieproduktion und eine ausgeprägte Risikobereitschaft haben dazu beigetragen, dass die USA zahlreiche Krisen besser überstanden haben als viele andere Industriestaaten.
Oder wie Ökonom Brusuelas es formuliert:
„Die USA sind derzeit vielleicht nicht perfekt. Aber sie tragen die sauberste Weste in einem ziemlich schmutzigen Wäschekorb.“
Kommentar hinterlassen