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Waffenruhe? Von wegen! Im Libanon schlagen weiter Raketen ein – und der nächste Nahost-Deal wackelt schon vor dem ersten Handschlag

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Die angebliche Waffenruhe im Nahen Osten wirkt immer mehr wie ein diplomatischer Etikettenschwindel. Während Washington, Teheran und Pakistan über Gespräche und Deeskalation reden, fliegen im Libanon weiter Raketen, Israel greift erneut Hisbollah-Stellungen an, und selbst die geplanten Verhandlungen zwischen den USA und Iran in Islamabad stehen offenbar noch immer nicht endgültig fest.

Besonders brisant: Der Libanon will nach BBC-Informationen nur dann an direkten Gesprächen mit Israel in der kommenden Woche teilnehmen, wenn vorher tatsächlich eine Waffenruhe gilt. Genau daran aber fehlt es derzeit offensichtlich. Denn die Lage ist hochgradig verworren. Pakistan als Vermittler geht davon aus, dass die US-Iran-Waffenruhe auch den Libanon umfasst. Die USA und Israel sehen das ausdrücklich anders. Ergebnis: Auf dem Papier gibt es eine Feuerpause – in der Realität knallt es weiter.

Israels Armee teilte mit, sie habe Stellungen der Hisbollah angegriffen, nachdem aus dem Süden des Libanon Raketen auf Israel abgefeuert worden seien. Die Abschussorte seien gezielt bombardiert worden, um die Bedrohung auszuschalten. Verletzte habe es nach israelischen Angaben auf eigener Seite nicht gegeben. Die Hisbollah wiederum erklärte, sie habe israelische Soldaten im Süden des Libanon mit Raketen beschossen und Angriffe auf Orte im Norden Israels als Antwort auf israelische Verstöße gegen die Waffenruhe geführt.

Damit wird immer klarer: Diese Waffenruhe ist vor allem eines – löchrig. Ein BBC-Sicherheitsexperte sprach bereits von einer Feuerpause „nur dem Namen nach“. Und tatsächlich wirkt die Lage wie ein Flickwerk aus Drohungen, Missverständnissen und taktischer Härte. Während die große Diplomatie beschworen wird, geht der Krieg an der libanesischen Front einfach weiter.

Im Zentrum der nächsten Eskalationsstufe steht zugleich die Straße von Hormus. Donald Trump attackierte Iran in mehreren Beiträgen auf Truth Social scharf und warf Teheran vor, beim Schiffsverkehr durch die strategisch entscheidende Meerenge einen „sehr schlechten Job“ zu machen. Besonders aufgebracht zeigte sich Trump über Berichte, wonach Iran Gebühren von Tankern verlangen könnte. Tehran solle es besser nicht wagen, „Fees“ für die Passage zu kassieren, schrieb Trump. Dass ausgerechnet ein fragiler Waffenstillstand von einer Meerenge abhängt, durch die rund 20 Prozent des weltweiten Öls transportiert werden, zeigt, wie explosiv die Lage wirklich ist.

Denn obwohl eine sichere Passage zugesagt worden sein soll, bleibt die Schifffahrt dort fast gelähmt. Laut BBC Verify haben seit Verkündung der Waffenruhe gerade einmal 15 Schiffe die Straße von Hormus passiert. Vor dem Krieg waren es fast 140 pro Tag. Iran soll Schiffe gewarnt haben, sie würden ohne Genehmigung „angegriffen und zerstört“, falls sie die Route nutzen. Rund 800 Schiffe sitzen laut Schifffahrtsanalysten weiter im Golf fest. Für die Weltwirtschaft ist das ein Alarmsignal.

Die unmittelbaren Folgen spüren längst nicht nur Ölhändler, sondern bald auch Verbraucher. Während der Terminpreis für Brent-Öl um die 95 Dollar pendelt, liegt der Preis für sofort verfügbare Lieferungen laut Börsendaten deutlich höher. Raffinerien in Europa und Asien zahlen demnach massive Aufschläge, um überhaupt noch kurzfristig beliefert zu werden. Das dürfte Treibstoff, Lebensmittel und viele Alltagsprodukte weiter verteuern.

Vor diesem Hintergrund richtet sich der Blick nun auf Islamabad. Dort sollen am Wochenende Gespräche zwischen den USA und Iran stattfinden. US-Vizepräsident JD Vance ist bereits auf dem Weg und erklärte vor dem Abflug, Washington wolle Iran die „offene Hand“ reichen – vorausgesetzt, Teheran handle „in gutem Glauben“. Neben Vance reisen auch Sondergesandter Steve Witkoff und Jared Kushner an. Doch ob die Gespräche tatsächlich wie geplant starten, ist nach wie vor offen. Ein hochrangiger Vertreter des iranischen Außenministeriums sagte der BBC, das Treffen sei „noch nicht finalisiert“.

Pakistan bereitet sich dennoch sichtbar auf das diplomatische Großereignis vor. In Islamabad wurden Straßen abgesperrt, Stacheldraht rund um die Regierungszone gezogen, Sicherheitskräfte in großer Zahl aufmarschieren lassen und internationale Medien in Stellung gebracht. Alles deutet auf ein Spitzentreffen hin – nur die endgültige politische Zusage fehlt noch.

Iran pokert hart. Aus Teheran heißt es, solange es keine echte Waffenruhe im Libanon gebe, sei die Grundlage für Gespräche fraglich. Das ist strategisch geschickt, denn für Iran steht viel auf dem Spiel: Lässt es die Hisbollah faktisch fallen, verliert es seinen wichtigsten regionalen Verbündeten. Hält es an ihr fest, gefährdet es die heikle Diplomatie mit den USA.

Währenddessen wächst auch auf europäischer Seite die Nervosität. Frankreich und Pakistan äußerten bereits Sorgen über „schwere Verstöße“ gegen die Waffenruhe im Libanon. UN-Generalsekretär António Guterres fordert eine sofortige Waffenruhe und warnt vor einer weiteren Eskalation. Großbritanniens Premier Keir Starmer sprach nach seiner Reise durch die Golfstaaten sogar davon, dass dieser Konflikt „eine Generation prägen“ werde. Er drängt gemeinsam mit Trump auf einen praktikablen Plan, damit der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus wieder anlaufen kann.

Die humanitäre Lage bleibt ohnehin verheerend. Im Iran, im Libanon und darüber hinaus leben Millionen Menschen weiter in Angst. Im Libanon wurden allein bei den massiven israelischen Angriffen vom Mittwoch nach Angaben des Gesundheitsministeriums Hunderte Menschen getötet. In Iran berichten Jugendliche von Dauerstress, Angstzuständen und einem Alltag, der nur noch von Politik, Sirenen und Bomben bestimmt wird.

Unterm Strich ist die Wahrheit brutal einfach: Es gibt keine belastbare Ruhe, keine klare Linie und noch lange keinen Frieden. Es gibt eine wacklige Waffenruhe, die von allen Seiten unterschiedlich ausgelegt wird. Es gibt geplante Gespräche, die politisch noch nicht einmal sicher stehen. Und es gibt einen Nahen Osten, in dem jeder nächste Funke genügen könnte, um den gesamten Deal wieder in Flammen aufgehen zu lassen.

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