85.000 Metal-Fans dürfen endlich wieder den „Holy Ground“ stürmen. Das Wacken Open Air 2026 beginnt, die Gitarren sind gestimmt, die Bierbecher gestapelt und die schwarzen T-Shirts frisch aus dem Schrank geholt.
Doch dann diese Nachricht: Sonne. Bis zu 29 Grad. Voraussichtlich kein Matsch.
Entschuldigung, aber das ist nicht mein Wacken.
Mir fehlt der Schlamm.
Wacken ohne Schlamm ist wie Judas Priest ohne Leder, Europe ohne „Final Countdown“ oder ein Festivalbier ohne die spontane Frage, ob man dafür gerade einen Kleinkredit aufnehmen musste.
Der Holy Ground ist plötzlich wirklich Ground
Traditionell wird am Mittwochnachmittag das Gelände vor den Hauptbühnen „Harder“ und „Faster“ gestürmt. Früher bedeutete das: drei Schritte laufen, einen Gummistiefel verlieren und anschließend von fünf Unbekannten aus einem braunen Loch gezogen werden.
2026 dagegen soll es heiter bis sonnig werden.
Die Fans könnten den Holy Ground womöglich betreten, ohne bis zu den Knien in einer Mischung aus Regenwasser, Erde, Bier und historischen Festivalresten zu versinken. Menschen werden ihre Zelte wiederfinden. Autos könnten den Campingplatz aus eigener Kraft verlassen. Schuhe hätten theoretisch die Chance, gemeinsam mit ihren Besitzern nach Hause zu fahren.
Das ist doch nicht normal.
Wo bleibt der Moment, in dem ein völlig verdreckter Mann im Motörhead-Shirt erklärt, dass er seit Donnerstag seine Hose vermisst, aber dafür jetzt Besitzer eines aufblasbaren Krokodils ist?
Ausverkauft – am Ende wurde es doch noch eng
Zunächst sah es in diesem Jahr beinahe so aus, als könnte Wacken nicht ausverkauft sein. Ende Juni waren noch Tickets erhältlich. Für langjährige Fans ein beunruhigender Zustand.
Ein Wacken-Ticket, das man einfach kaufen kann? Ohne Warteschlange, Serverzusammenbruch und emotionale Verhandlungen mit drei verschiedenen Kreditkarten?
Kurz vor Festivalbeginn war die Ordnung dann wiederhergestellt: Alle 85.000 Karten sind weg.
Das Metal-Universum funktioniert also noch.
Judas Priest, Def Leppard und Europas längster Countdown
Zum 35. Geburtstag fährt Wacken ein entsprechend großes Programm auf. Judas Priest kommen, Powerwolf ebenfalls. Def Leppard treten erstmals beim Festival auf und dürfen damit endlich erleben, wie es sich anfühlt, vor Zehntausenden Menschen zu spielen, die gleichzeitig Sonnencreme auftragen und Pommes essen.
Auch die schwedische Band Europe ist dabei. Ihr größter Hit „The Final Countdown“ dürfte selbst jenen bekannt sein, die nach vier Festivaltagen weder ihren eigenen Namen noch den Standort ihres Zeltes wissen.
Sobald das berühmte Keyboard-Intro beginnt, werden 85.000 Menschen begeistert mitsingen. Vermutlich schon beim zweiten Ton, weil bei diesem Lied jeder grundsätzlich zu früh einsetzt.
Electric Callboy wird zu Electric Bassboy
Electric Callboy treten diesmal als „Electric Bassboy“ auf. Geplant ist eine Mischung aus Metal, Techno, DJ-Set und Livegesang.
Früher reichten für Heavy Metal zwei Gitarren, ein Bass, ein Schlagzeug und jemand, der klang, als hätte er beim Frühstück eine Kreissäge verschluckt.
Heute braucht es offenbar zusätzlich ein DJ-Pult, elektronische Bässe und vermutlich jemanden, der während des Auftritts kontrolliert, ob das WLAN funktioniert.
Die Puristen werden schimpfen. Alle anderen werden tanzen. Und spätestens um Mitternacht weiß sowieso niemand mehr, ob gerade Metalcore, Techno oder der Klingelton eines besonders aggressiven Smartphones läuft.
Nachwuchsförderung mit Dinosauriern
Auch Heavysaurus sind wieder dabei. Die Band spielt Heavy Metal für Kinder – in Dinosaurierkostümen.
Das ist konsequent. Schließlich besteht ein erheblicher Teil des erwachsenen Wacken-Publikums ebenfalls aus Menschen, die sich verkleiden, laut brüllen und nach mehreren Stunden nur noch eingeschränkt kommunizieren können.
Die kleinen Fans lernen bei Heavysaurus früh die wichtigsten Festivalregeln: Gehörschutz tragen, Pommes festhalten und niemals einem Erwachsenen glauben, der behauptet, er wisse noch genau, wo das Zelt steht.
Wacken wird komfortabel – und damit verdächtig
Die Anreise läuft offenbar ordentlich. Kaum Staus, viele Fans sind bereits da. Gegen den Matsch wurden außerdem Tausende Quadratmeter Bodenplatten verlegt.
Bodenplatten!
In Wacken!
Früher gehörte es zum Festivalerlebnis, dass man am Montagmorgen gemeinsam mit zwölf Helfern einen Kleinwagen aus dem Acker zog. Heute rollt man möglicherweise bequem über befestigte Wege zum Ausgang.
Am Ende gibt es noch Schattenplätze, saubere Toiletten und Mobilfunkempfang. Dann können wir auch gleich Sitzplatznummern verteilen und in der Pause Häppchen reichen.
Natürlich gönne ich den Fans schönes Wetter. Niemand braucht Unwetter, überflutete Zelte oder gefährliche Bedingungen. Und für Feuerwehr, Rettungskräfte und Veranstalter ist trockener Boden zweifellos angenehmer.
Aber ein bisschen Schlamm hätte es schon sein dürfen.
Nur symbolisch.
Knöcheltief.
Damit man am Montag zu Hause wenigstens beweisen kann, dass man wirklich in Wacken war – und nicht vier Tage lang auf einem sehr lauten Wellness-Campingplatz.
Also: Viel Spaß mit Judas Priest, Def Leppard, Europe, Electric Bassboy und den Dinosauriern.
Aber für mich gilt ganz klar:
Das ist nicht mein Wacken.
Mir fehlt der Schlamm.
Kommentar hinterlassen