Der Bruch zwischen Tucker Carlson und Donald Trump markiert einen bemerkenswerten Moment innerhalb der amerikanischen Rechten. Noch vor nicht einmal zwei Jahren hatte Carlson den nach dem Attentat geretteten Trump auf dem Parteitag der Republikaner als nahezu gottgesandte Figur beschrieben. Nun klingt es plötzlich, als halte er ihn für das genaue Gegenteil.
In seiner Sendung am Montag griff Carlson den Präsidenten so scharf an wie nie zuvor. Er deutete an, Trump könne in einer geradezu apokalyptischen Dimension handeln – und spielte sogar mit der Frage, ob der Präsident eine Art antichristliche Rolle einnehme. Es war eine Wortwahl, die selbst für Carlson, der seit Jahren mit Andeutungen, Verschwörungscodes und kalkulierter Grenzüberschreitung arbeitet, außergewöhnlich drastisch ausfiel.
Auslöser ist vor allem der Krieg gegen den Iran. Carlson, der sich schon länger gegen eine militärische Eskalation ausspricht, warf Trump vor, mit Drohungen gegen zivile Infrastruktur eine moralische und völkerrechtliche Grenze zu überschreiten. Angriffe auf Brücken, Energieanlagen oder andere zivile Ziele seien ein Kriegsverbrechen, sagte er sinngemäß, verbunden mit massenhaftem Leid und Tod. Besonders empörte ihn Trumps martialische Sprache auf Social Media, darunter ein vulgär formulierter Osterpost, in dem Trump dem Iran drohte und dabei nach Carlsons Lesart auch den Islam verhöhnte. Das sei „auf jeder Ebene widerwärtig“, erklärte der Moderator.
Carlson beließ es nicht bei klassischer außenpolitischer Kritik. Er unterstellte der Regierung, womöglich sogar absichtlich eine iranische Grundschule bombardiert zu haben – obwohl erste militärische Untersuchungen eher auf einen versehentlichen Treffer hindeuten. Er spekulierte darüber, Trump könne als Nächstes sogar einen Atomschlag gegen den Iran erwägen, und forderte Menschen im Umfeld des Präsidenten indirekt auf, ihn daran zu hindern. Selbst die berühmten Nuklearcodes, so Carlson, dürften in diesem Moment nicht blindlings dem Präsidenten überlassen werden.
Besonders symbolisch wurde seine Attacke, als er Trumps Vereidigung ins Spiel brachte. Carlson erinnerte daran, dass Trump bei seinem Amtseid nicht die Hand auf die Bibel gelegt habe. Für ihn sei das kein Zufall gewesen, sondern Ausdruck einer bewussten Ablehnung moralischer Grenzen. Daraus entwickelte er eine fast religiös aufgeladene Deutung: Trump könne nicht nur politisch, sondern spirituell destruktiv wirken.
Für Trump ist das mehr als nur ein weiterer Streit mit einem ehemaligen Verbündeten. Carlson gehört zwar nicht mehr zum klassischen Fox-News-Mainstream, seit er sein eigenes Netzwerk betreibt, doch sein Einfluss im rechten Medienökosystem ist weiterhin erheblich. Er gilt als Schlüsselfigur der neuen MAGA-Medienwelt, war maßgeblich daran beteiligt, JD Vance als Trumps Vizekandidaten salonfähig zu machen, und bleibt für viele konservative Wähler eine prägende Stimme. In Umfragen der vergangenen Jahre lag seine Beliebtheit unter Trump-Anhängern bemerkenswert hoch.
Trump reagierte erwartbar schroff. Gegenüber der „New York Post“ bezeichnete er Carlson als jemanden mit „niedrigem IQ“, der keine Ahnung habe, was vor sich gehe. Zugleich behauptete Trump, er habe mit Carlson ohnehin nichts mehr zu tun. Doch so einfach lässt sich der Konflikt politisch nicht abräumen.
Denn der Bruch kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Trumps Umfragewerte unter Druck stehen – gerade wegen des Iran-Krieges. Während sich ein harter Kern der MAGA-Basis weiter hinter den Präsidenten stellt, wächst in anderen Teilen des republikanischen Lagers die Skepsis. In jüngeren Umfragen zeigen sich deutliche Schwächen Trumps bei außenpolitischen Themen, beim Iran-Konflikt und vor allem bei den Benzinpreisen, die infolge des Krieges gestiegen sind. Genau hier könnte Carlsons Angriff gefährlich werden: Er gibt konservativen Wählern, die den Krieg ohnehin ablehnen, eine prominente Legitimation, sich offen von Trump zu distanzieren.
Hinzu kommt, dass Carlson mit seiner Kritik nicht allein steht. Auch andere rechte Stimmen wie Megyn Kelly, Joe Rogan, Tim Dillon, aber auch radikalere Figuren wie Candace Owens, Nick Fuentes oder Alex Jones haben sich gegen den Krieg gestellt. Dass ausgerechnet Alex Jones inzwischen über eine Absetzung Trumps per 25. Verfassungszusatz spekuliert und Carlson am selben Tag mit religiösen Endzeitbildern operiert, zeigt, wie tief die Risse inzwischen sind.
Ganz neu ist die Entfremdung zwischen Trump und Carlson allerdings nicht. Schon in privaten Nachrichten nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 hatte Carlson Trump als destruktive Figur beschrieben. Damals schrieb er, Trump sei „nur gut darin, Dinge zu zerstören“ und bekannte sogar: „Ich hasse ihn leidenschaftlich.“ Diese Nachrichten wurden später im Zuge des Dominion-Verfahrens gegen Fox News öffentlich. Sie zeigten, dass das Verhältnis zwischen beiden schon lange weniger ideologische Partnerschaft als strategische Zweckgemeinschaft war.
Die entscheidende Frage ist nun, was dieser Bruch tatsächlich bedeutet. Carlson allein wird Trumps Basis kaum spalten. Dafür ist das republikanische Lager trotz aller Spannungen noch immer stark auf den Präsidenten ausgerichtet. Aber Carlsons Angriff markiert einen symbolischen Wendepunkt: Wenn selbst einer der einflussreichsten Stimmen des rechten Medienuniversums nicht mehr nur die Berater, sondern direkt Trump selbst attackiert, dann ist das ein Warnsignal.
Für Trump liegt die eigentliche Gefahr nicht darin, dass Carlson plötzlich ein Gegenkandidat wird. Die größere Gefahr ist, dass ein Teil seiner Wähler den Krieg gegen den Iran nicht mehr als notwendige Härte, sondern als politischen Kontrollverlust wahrnimmt – und sich im Herbst bei den Midterms schlicht verweigert. In einem polarisierten Land kann genau das entscheidend sein.
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