Hung Cao wollte schon immer klar machen, wie er das Militär sieht: nicht als Ort für Imagekampagnen, Diversitätstrainings oder symbolische Wohlfühlpolitik, sondern als Härteschule für Menschen, die im Zweifel „ihre eigenen Eingeweide herausreißen, aufessen und Nachschlag verlangen“. So formulierte es der ehemalige republikanische Senatskandidat aus Virginia im Wahlkampf 2024. Nun ist ausgerechnet dieser Mann kommissarisch an die Spitze der US-Marine gerückt.
Donald Trump und Verteidigungsminister Pete Hegseth haben den bisherigen Marineminister John Phelan überraschend abserviert. Sein Nachfolger auf Zeit: Hung Cao, bislang Vize der Behörde – zumindest auf dem Papier. Denn wie CNN berichtet, war Cao als Undersecretary of the Navy zuletzt eher eine Art dekorativer Stellvertreter mit Dienstmarke. Sein Chef habe ihn „in eine Box gesteckt“, heißt es aus dem Umfeld. Wichtige Entscheidungen? Fehlanzeige. Offizielle Termine in Vertretung? Eher nicht. Klassische Stellvertreterrolle? Offenbar unerwünscht.
Dann kam der personelle Blitzschlag aus dem Pentagon. Laut CNN wurde Cao ins Front Office zitiert, bekam sinngemäß gesagt: „Okay, jetzt bist du dran – wir haben etwas geändert.“ Ein Karrieresprung im Trump-Stil also: abrupt, unerquicklich und ohne lange Betriebsanleitung.
Jetzt muss Cao sich in all jene Themen einarbeiten, von denen er zuvor ferngehalten wurde. Ungünstiger Zeitpunkt? Durchaus. Denn die US-Marine spielt derzeit eine Schlüsselrolle bei der Kontrolle des Schiffsverkehrs rund um die Straße von Hormus – also dort, wo geopolitische Spannungen, Ölpreise und militärische Eskalation gerade Hand in Hand marschieren.
Cao bringt dafür zweifellos militärische Vita mit. Der gebürtige Vietnamese kam als Kind nach der Flucht seiner Familie in die USA, diente jahrzehntelang in der Navy, war Taucher, Sprengstoffexperte und Spezialoffizier, mit Einsätzen in Irak, Afghanistan und Somalia. Eine Biografie, mit der sich in Washington gut hantieren lässt: Flüchtlingskind, Elitesoldat, Trump-Loyalist.
Politisch fiel Cao zuletzt vor allem als treuer Kulturkämpfer der MAGA-Linie auf. Im Senatswahlkampf gegen den Demokraten Tim Kaine wetterte er gegen Diversity-Programme und machte die DEI-Politik der Biden-Regierung für Rekrutierungsprobleme verantwortlich. Besonders bekannt wurde sein Satz, die Navy brauche keine Drag Queens für Werbekampagnen, sondern „Alpha-Males und Alpha-Females“.
Im Pentagon kommt das an. Sprecher Sean Parnell lobte Cao als „kampfgestählten Anführer“, der Trumps „America First“-Vision verkörpere. Entscheidend ist aber wohl etwas anderes: Anders als sein gefeuertes Vorgängermodell Phelan gilt Cao als loyal. Laut CNN habe er intern klargemacht, dass er weder Trump noch Hegseth umgehen werde. Keine Alleingänge, keine Direktleitungen ins Oval Office, keine Eitelkeiten. Feedback ja – aber nur innerhalb des Gebäudes. Danach gilt: ausführen.
Es ist das vielleicht wichtigste Qualifikationsmerkmal in Trumps zweiter Amtszeit: nicht nur entschlossen wirken, sondern vor allem wissen, wem man nicht widerspricht.
Ob Cao dauerhaft Marineminister bleibt, ist offen. Vorerst führt er die Navy kommissarisch – als Mann, der öffentlich von „Alpha“-Kriegern schwärmt und intern nun beweisen muss, dass er mehr kann als Schlagworte.
Oder, etwas zugespitzter:
Aus dem politischen Kulturkämpfer ist über Nacht der zivile Chef einer der mächtigsten Marinen der Welt geworden. In Washington gilt das inzwischen fast schon als normal.
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