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Krieg in Teheran: Wie der Ausnahmezustand den Alltag verschlingt

Shimabdinzade (CC0), Pixabay
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Als im Februar die ersten Bomben auf Teheran fielen, drehte sich die internationale Aufmerksamkeit schnell um Machtfragen, Strategien und den Tod des obersten Führers Ali Chamenei. Viel weniger sichtbar blieb, was Krieg für jene bedeutet, die nicht in Bunkern der Macht sitzen, sondern in Wohnungen, Büros, Klassenzimmern und überfüllten Straßen.

Die iranisch-amerikanische Fotojournalistin Maryam Rahmanian hat in Teheran Menschen porträtiert, die geblieben sind. Ihre Aussagen zeichnen kein vollständiges Bild des Krieges – aber ein präzises. Es ist ein Protokoll des Ausharrens.

Angst wird zur Routine

Viele der Befragten beschreiben denselben Moment: ein Knall, dann Rauch, Chaos, Stille im Kopf. Eine Personalmanagerin berichtet von weinenden Müttern auf den Straßen, einem Heimweg von drei Stunden statt 40 Minuten und Kindern, denen die Angst ins Gesicht geschrieben stand. Seitdem schreckt sie bei jedem Geräusch zusammen. Selbst Baustellenlärm löst Panik aus.

Eine Sprachlehrerin erinnert sich daran, wie sie kurz vor einem Online-Unterricht vom ersten Einschlag überrascht wurde. Dann brach das Internet zusammen. Die Nachricht ihres Schülers lautete nur: „Der Krieg hat begonnen.“ Seitdem seien Nächte das Schlimmste: Explosionen, vibrierende Fenster, Herzrasen.

Bleiben, obwohl man gehen könnte

Nicht alle blieben aus Zwang. Eine Frau erzählt, sie habe ihre Mutter gebeten, nicht zurück in die dunkle, von Stromausfällen betroffene Nachbarschaft zu fahren. Sie selbst blieb trotzdem. Aus Verbundenheit mit der Stadt, aus Trotz, vielleicht auch aus dem Bedürfnis, Zeugin zu sein. „Ich will sehen, was mit meiner Stadt geschieht“, sagt sie sinngemäß.

Andere blieben, weil sie Tiere versorgen mussten, weil Angehörige in der Nähe waren oder weil Flucht längst kein realistischer Plan mehr war. Eine Frau, deren Visum noch am Abend vor Kriegsbeginn bewilligt wurde, spricht von einer Zukunft, die plötzlich ausgesetzt wurde. Sie habe begonnen, zwischen verschiedenen Explosionsgeräuschen zu unterscheiden. Noch erschreckender als die Angriffe selbst sei gewesen, wie schnell die Angst normal wurde.

Verlust ohne Sprache

Am härtesten trifft der Krieg jene, die nicht nur Sicherheit, sondern alles verloren haben. Eine junge Frau berichtet, dass bei einem Angriff zwölf Mitglieder ihrer Familie starben, darunter ihr 17-jähriger Bruder. Das Wohnhaus der Familie sei vollständig zerstört worden. Identifiziert wurden die Toten später per DNA. Es blieb nichts: keine Fotos, keine Kleidung, kein Gegenstand für die Trauer. „Nicht einmal ein Ort, an dem man Beileid empfangen könnte“, sagt sie.

Hoffnung als letzter Rest

Zwischen all dem bleibt ein dünner Faden Hoffnung. Ein älterer Mann aus Afghanistan, seit Jahrzehnten in Iran, gießt die Blumen geflohener Nachbarn. Eine Schriftstellerin fürchtet, Iran könne zu einem Land werden, in dem Krieg zum Dauerzustand wird. Andere sprechen von Durchhalten, von Zusammenhalt, von dem Wunsch nach einem normalen Leben – ohne Krieg, ohne Sanktionen, ohne Pathos.

Vielleicht ist das der nüchternste Befund dieser Porträts: Krieg zerstört nicht nur Häuser. Er frisst sich in Gewohnheiten, Geräusche, Körper und Erinnerungen. Und irgendwann fühlt sich selbst das Unnormale erschreckend vertraut an.

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