Früher war der Ablauf einfach: Lieblingsband kündigt Tour an, man stellt sich brav an, kauft ein Ticket und freut sich. Heute braucht man dafür Nerven wie ein Börsenhändler, Finger wie ein E-Sport-Profi und ein Konto, das auch spontane Kleinkredite verkraftet.
Denn Tickets für begehrte Konzerte und Sportereignisse sind oft schneller weg als gute Vorsätze nach Silvester. Kaum beginnt der Verkauf, heißt es schon: ausverkauft. Der normale Fan sitzt dann vor dem Bildschirm, hat gerade noch die Sicherheitsfrage „Klicken Sie alle Bilder mit Ampeln an“ gelöst – und währenddessen haben Bots bereits halb Block C, Reihe 12 und vermutlich auch den Parkplatz gekauft.
Wenige Minuten später tauchen dieselben Karten auf Ticketbörsen wieder auf. Nur eben nicht mehr zum Originalpreis, sondern zu Tarifen, bei denen man sich fragt, ob im Preis noch ein persönliches Wohnzimmerkonzert, ein Abendessen mit der Band und ein Stück Bühnenboden enthalten sind.
Plattformen wie Viagogo, StubHub und Vivid Seats sind seit Jahren Teil dieses lukrativen Zweitmarkts. Sie verstehen sich als Vermittler zwischen Verkäufern und Käufern. Kritiker würden sagen: als digitale Marktplätze, auf denen aus einem Konzertticket ein spekulatives Finanzprodukt mit Gitarrenbegleitung wird.
Die deutsche Interessenvertretung Pro Musik hatte sich deshalb im Mai mit einem offenen Brief an die Bundesregierung gewandt. Unter dem Motto „Gegen Wucher und Betrug – Tickets dürfen keine Spekulationsobjekte sein“ forderten rund 200 Künstler, Veranstalter und Vertreter der Musikbranche strengere Regeln. Mit dabei: Die Toten Hosen, Die Ärzte, Nina Chuba, Kraftklub, AnnenMayKantereit und Max Giesinger.
Wenn sich Punkrock, Pop und Indie gemeinsam an die Politik wenden, weiß man: Das Problem ist größer als ein überteuerter Merch-Hoodie.
Besonders absurd ist die Rolle der Bots. Während echte Menschen noch überlegen, ob sie bei der Lieferadresse „Straße“ oder „Str.“ schreiben müssen, kaufen automatisierte Programme in Sekunden Hunderte oder Tausende Tickets. Der Fan kämpft gegen Captchas, Warteschlangen und Ladebalken – der Bot dagegen gegen nichts. Er ist der Usain Bolt des Ticketkaufs, nur ohne Sportlichkeit und mit schlechterem Karma.
Nach Angaben von Branchenvertretern stammen große Teile der Tickets auf Zweitmarktplattformen nicht von verhinderten Fans, die leider doch nicht zum Konzert können, sondern von professionellen Händlern. Also von Menschen oder Firmen, deren Geschäftsmodell ungefähr lautet: erst alles leer kaufen, dann Empörung mit Aufpreis zurückverkaufen.
Für Künstler ist das doppelt ärgerlich. Die hohen Aufschläge landen nicht bei ihnen, sondern bei Zwischenhändlern. Trotzdem bekommen sie oft den Frust der Fans ab. Wer 400 Euro für eine Karte zahlt und später merkt, dass sie ursprünglich 89 Euro gekostet hat, denkt selten: „Ach, dieser gewerbliche Wiederverkäufer hat mich aber elegant marktwirtschaftlich überrascht.“ Eher fällt ein weniger druckreifer Satz mit dem Namen des Künstlers.
Auch die Gestaltung vieler Plattformen verdient einen Sonderpreis für psychologisches Drängeln. Da blinkt ein Countdown, dort steht „nur noch zwei Tickets verfügbar“, und irgendwo ist eine Zusatzversicherung schon angehakt, die vermutlich gegen alles schützt außer gegen den Kauf selbst. Verbraucherschützer nennen das „Dark Patterns“. Früher sagte man dazu vielleicht: digitales Anschubsen Richtung Panikkauf.
Besonders perfide: Viele Zweitmarktplattformen erscheinen bei Suchmaschinen weit oben. Manche Fans merken erst nach dem Kauf, dass sie gar nicht beim offiziellen Anbieter gelandet sind. Das ist ungefähr so, als wolle man ein Bahnticket kaufen und landet stattdessen bei jemandem, der einem denselben Sitzplatz für den Preis eines Kleinwagens anbietet.
Auch die FIFA hat zuletzt bewiesen, dass Ticketverkauf ein Fachgebiet zwischen Sport, Magie und Nebelmaschine sein kann. FIFA-Präsident Gianni Infantino erklärte bereits Monate vor der Fußball-WM, praktisch alle 104 Spiele seien ausverkauft. Kurz darauf kamen dann doch weitere Kontingente auf den Markt. Kritiker sahen darin den Versuch, künstliche Knappheit zu erzeugen. Die FIFA weist die Vorwürfe zurück.
Natürlich. Wenn erst alles ausverkauft ist und später wieder Tickets auftauchen, nennt man das nicht Verknappung, sondern vermutlich „dynamische Verfügbarkeitsromantik“.
In New York und New Jersey ermitteln die Generalstaatsanwältinnen nun gegen die FIFA. Es geht um die Frage, ob Aussagen über Verfügbarkeit, gestaffelte Ticketkontingente und Preisgestaltung zu den stark gestiegenen Preisen beigetragen haben. Außerdem wird geprüft, ob Fans über Sitzplatzkategorien und verfügbare Plätze irreführend informiert wurden.
Viagogo wiederum verteidigt sein Geschäftsmodell. Man ermögliche vielen Fans überhaupt erst Zugang zu ausverkauften Veranstaltungen. Das klingt nobel. So könnte auch jemand sagen: „Ich habe Ihnen doch nur geholfen, diese Flasche Wasser in der Wüste für 80 Euro zu bekommen.“
Das Unternehmen verweist auf knappe Ticketbestände, Bots beim Erstverkauf und die Preisgestaltung der Veranstalter. Verbraucherschützer halten dagegen, dass überhöhte Wiederverkaufspreise und mangelnde Transparenz vor allem eines produzieren: wütende Fans mit leeren Konten.
Am Ende bleibt ein Markt, der dringend nach Regeln ruft. Denn Tickets sind keine Oldtimer, keine Goldbarren und keine Aktienpakete. Sie sind Eintrittskarten. Sie sollen Menschen ermöglichen, Musik, Sport und Kultur zu erleben – nicht sie in eine Echtzeit-Auktion gegen Roboter, Spekulanten und psychologische Verkaufstricks schicken.
Vielleicht wäre die Lösung ganz einfach: Wer Tickets massenhaft per Bot kauft und mit absurden Aufschlägen weiterverkauft, muss zur Strafe jedes überteuerte Konzert selbst besuchen. In der letzten Reihe. Hinter einer Säule. Neben dem Mann, der die ganze Zeit filmt.
Und zwar ohne Sitzplatzgarantie.
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