Tausende Menschen haben am Montag in der serbischen Hauptstadt Belgrad an der Beerdigung des verurteilten Kriegsverbrechers Ratko Mladić teilgenommen.
Der frühere Militärchef der bosnischen Serben war im Alter von 84 Jahren gestorben, während er im UN-Gefängnis in Den Haag eine lebenslange Haftstrafe verbüßte.
Mladić war wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Massaker von Srebrenica im Juli 1995, bei dem rund 8.000 bosniakische muslimische Männer und Jungen ermordet wurden.
Das Massaker gilt als schwerstes Verbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Ursprünglich hatte ein serbischer Regierungsvertreter angekündigt, Mladić solle ein Staatsbegräbnis erhalten. Nach Protesten und Einwänden mehrerer europäischer Politiker wurden diese Pläne jedoch geändert.
Die Europäische Union reagierte am Montag mit scharfer Kritik auf die öffentliche Verehrung des früheren Generals.
In einer Stellungnahme erklärte die EU, Ratko Mladić sei ein rechtskräftig verurteilter Kriegsverbrecher gewesen, der Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen habe.
Die Verherrlichung von Kriegsverbrechern, die Leugnung von Völkermord und eine revisionistische Darstellung der Vergangenheit widersprächen den grundlegenden europäischen Werten. Solche Positionen hätten weder in der Europäischen Union noch in Staaten Platz, die der EU beitreten wollten.
Serbien ist seit 2012 offizieller EU-Beitrittskandidat. Die Beitrittsgespräche sind allerdings seit längerer Zeit ins Stocken geraten.
Tausende versammeln sich vor Kirche in Belgrad
Bereits am frühen Morgen bildeten sich lange Schlangen vor der kleinen St.-Lukas-Kirche in Belgrad, in der Mladićs Sarg vor der Beisetzung aufgebahrt worden war.
Viele der Teilnehmer waren ehemalige Soldaten und Kriegsveteranen. Einige Männer hatten Fahnen mit dem Bild Mladićs über ihre Schultern gelegt.
Schon mehrere Stunden vor Beginn der Trauerfeier versammelten sich Menschen vor der Kirche, entzündeten Kerzen und warteten darauf, Abschied nehmen zu können.
Im Inneren der Kirche wurde der Sarg von mehreren Männern bewacht, bei denen es sich überwiegend um Kriegsveteranen handelte.
Mladićs Ehefrau, sein Sohn und seine Enkelkinder nahmen dort Beileidsbekundungen entgegen.
Die Trauerfeier wurde vom Oberhaupt der Serbisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Porfirije, geleitet.
Er erklärte, der Name Mladić werde tief im Gedächtnis und in den Gebeten eines großen Teils des serbisch-orthodoxen Volkes verankert bleiben. Viele Menschen empfänden ihm gegenüber große Dankbarkeit.
Auch mehrere Mitglieder der serbischen Regierung sollen nach Berichten örtlicher Medien an den Gedenkveranstaltungen teilgenommen haben. Dazu gehörten Verteidigungsminister Bratislav Gašić und Justizminister Nenad Vujić.
Sarg mit Regierungsflugzeug nach Serbien gebracht
Die hohe symbolische Bedeutung, die Mladić in Teilen der serbischen Gesellschaft weiterhin besitzt, zeigte sich bereits bei der Überführung seines Leichnams.
Der Sarg war in der vergangenen Woche mit einem Flugzeug der serbischen Regierung nach Serbien gebracht worden.
Sechs Soldaten trugen ihn anschließend aus der Maschine. Der Sarg war mit Fahnen bedeckt.
Für Menschen, die an der Beerdigung teilnehmen wollten, wurden zudem kostenlose Busverbindungen aus Bosnien sowie aus zahlreichen serbischen Städten organisiert.
Auch im Fußball wurde Mladić öffentlich gewürdigt.
Fans von Roter Stern Belgrad präsentierten am Sonntagabend vor dem Derby gegen Partizan Belgrad eine Choreografie zu Ehren des früheren Generals.
Verurteilt wegen Völkermordes
Ratko Mladić war während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 Oberbefehlshaber der Armee der bosnischen Serben.
Seine Truppen kämpften gegen bosniakische und bosnisch-kroatische Streitkräfte.
Unter seinem Kommando wurden große Teile der nicht-serbischen Bevölkerung aus verschiedenen Regionen Bosnien-Herzegowinas vertrieben. Die internationale Justiz bezeichnete dieses Vorgehen als Teil einer systematischen „ethnischen Säuberung“.
Mladićs Streitkräfte belagerten zudem jahrelang die bosnische Hauptstadt Sarajevo.
Während der Belagerung kamen mehr als 10.000 Menschen ums Leben.
Besonders schwer wog Mladićs Verantwortung für Srebrenica.
Im Juli 1995 nahmen bosnisch-serbische Einheiten die damalige UN-Schutzzone ein. In den folgenden Tagen wurden etwa 8.000 muslimische Männer und Jungen systematisch ermordet.
Internationale Gerichte stuften die Tat später als Völkermord ein.
Mladić wurde bereits während des Krieges angeklagt, konnte sich jedoch 16 Jahre lang der Festnahme entziehen.
Erst 2011 wurde er in Serbien gefasst.
Nach einem jahrelangen Prozess wurde er 2021 rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt.
Für viele Serben dennoch eine Heldenfigur
Trotz seiner Verurteilung wird Mladić von Teilen der serbischen Bevölkerung und insbesondere von serbischen Nationalisten weiterhin als Verteidiger des serbischen Volkes verehrt.
Vor allem in der Republika Srpska, dem überwiegend von Serben bewohnten Landesteil Bosnien-Herzegowinas, löste sein Tod zahlreiche Gedenkveranstaltungen aus.
Diese Verehrung steht in scharfem Gegensatz zur Wahrnehmung der Opfer des Bosnienkrieges und ihrer Angehörigen.
Für viele Menschen in Sarajevo, Srebrenica und anderen Orten weckt die öffentliche Ehrung Mladićs Erinnerungen an Krieg, Vertreibung und den Verlust von Familienangehörigen.
Zdravka Gvozdjar aus Sarajevo verlor während der Belagerung der Stadt ihren damals neunjährigen Sohn durch Truppen unter Mladićs Kommando.
Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters bezeichnete sie die Beerdigung in Belgrad als „wirklich schrecklich“.
Mladić hätte ihrer Ansicht nach nicht als Held dargestellt werden dürfen. Er solle ausschließlich als Verantwortlicher für schwerste Verbrechen in Erinnerung bleiben.
Kritik an serbischer Erinnerungskultur
Daniella Peled vom Institute for War and Peace Reporting erklärte gegenüber der BBC, dass Mladić für viele Menschen weiterhin für nationalen Stolz und Widerstand stehe.
Peled hatte den Kriegsverbrecherprozess gegen den früheren General ausführlich verfolgt.
Nach ihrer Einschätzung hat das internationale Tribunal eine außergewöhnlich detaillierte historische Dokumentation der unter Mladić begangenen Verbrechen geschaffen.
Diese Erkenntnisse würden jedoch in Teilen der serbischen Medien und des Bildungssystems nicht ausreichend vermittelt.
Insbesondere die Perspektive der Opfer und Überlebenden sowie das tatsächliche Ausmaß der Verbrechen würden häufig nicht angemessen dargestellt.
Regierungsnahe serbische Medien präsentierten Mladić teilweise eher als loyalen Soldaten, der lediglich seine militärischen Pflichten erfüllt habe.
Für Gesellschaften, die einen Krieg und schwere ethnische Konflikte hinter sich haben, sei es äußerst schwierig, eine umfassende nationale Aufarbeitung zu leisten und Verantwortung für vergangene Verbrechen anzuerkennen.
Die Beerdigung in Belgrad macht damit erneut deutlich, wie tief die Erinnerung an den Bosnienkrieg mehr als drei Jahrzehnte später weiterhin gespalten ist.
Während Tausende Menschen Ratko Mladić als serbischen Militärführer und vermeintlichen Verteidiger ihres Volkes verabschiedeten, bleibt er für die Angehörigen seiner Opfer vor allem eines: ein rechtskräftig verurteilter Verantwortlicher für Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
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