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Studie zu Weichmachern: Millionen Frühgeburten und Tausende Todesfälle bei Neugeborenen mit Plastikchemikalien in Verbindung gebracht

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Zwei weit verbreitete Chemikalien aus der Kunststoffindustrie könnten laut einer neuen Studie mit einer enormen globalen Gesundheitslast verbunden sein: Rund 1,9 Millionen Frühgeburten und etwa 74.000 Todesfälle bei Neugeborenen im Jahr 2018 lassen sich demnach mit zwei sogenannten Phthalaten in Verbindung bringen.

Die Untersuchung wurde im Fachjournal eClinicalMedicine veröffentlicht. Sie analysiert Daten aus 200 Ländern und Territorien und richtet den Blick auf zwei Stoffe, die Kunststoffe flexibel machen: DEHP (Di-2-ethylhexylphthalat) und DiNP (Diisononylphthalat).

Die Autoren sprechen nicht von einem endgültigen Kausalbeweis. Aber sie sehen deutliche Hinweise darauf, dass diese Stoffe erheblich zur weltweiten Belastung durch Frühgeburten beitragen könnten.

Frühgeburten sind ein globales Gesundheitsproblem

Als Frühgeburt gilt eine Geburt vor der 37. Schwangerschaftswoche. Für betroffene Kinder kann das gravierende Folgen haben: Atemprobleme, Entwicklungsverzögerungen, Seh- und Hörstörungen oder neurologische Beeinträchtigungen gehören zu den bekannten Risiken.

In den USA wurde nach Angaben des March of Dimes Report Card 2025 zuletzt etwa jedes zehnte Kind zu früh geboren.

Dass ausgerechnet Chemikalien aus Alltagsprodukten eine Rolle spielen könnten, verleiht der Debatte zusätzliche Brisanz.

Phthalate: Die „Überall-Chemikalien“

Phthalate gelten in der Umweltmedizin seit Jahren als problematisch. Sie werden häufig als „everywhere chemicals“ bezeichnet – also als Stoffe, die praktisch überall vorkommen.

Sie stecken unter anderem in:

  • Lebensmittelverpackungen
  • Frischhalte- und Weichplastik
  • Kinderspielzeug
  • Vinylböden
  • Duschvorhängen
  • Gartenschläuchen
  • medizinischen Geräten
  • Kosmetika und Pflegeprodukten
  • Parfüms, Deos, Nagellacken und Shampoos

Besonders relevant: Sie werden nicht nur in harten Kunststoffprodukten eingesetzt, sondern auch in Verpackungen, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen.

Eingriff in das Hormonsystem

Phthalate gehören zu den Stoffen, die als endokrine Disruptoren gelten. Sie können also in das hormonelle Gleichgewicht des Körpers eingreifen.

Nach Angaben des US National Institute of Environmental Health Sciences werden Phthalate mit einer Reihe gesundheitlicher Probleme in Verbindung gebracht, darunter:

  • Entwicklungsstörungen
  • Fortpflanzungsprobleme
  • Beeinträchtigungen des Immunsystems
  • neurologische Auffälligkeiten

Schon kleine hormonelle Veränderungen könnten in sensiblen Entwicklungsphasen erhebliche biologische Folgen haben.

Der Kinderarzt und Umweltmediziner Leonardo Trasande von der NYU Langone Health, Hauptautor der Studie, spricht von einer „gefährlichen Stoffklasse“.

Was die neue Studie untersucht hat

Die Forscher modellierten für das Jahr 2018 die Belastung durch DEHP und DiNP auf Basis großer nationaler Datensätze aus den USA, Europa und Kanada sowie auf Grundlage früherer Schätzungen für Regionen, in denen weniger systematisch gemessen wird.

Das Ergebnis:

  • 1,9 Millionen Frühgeburten weltweit könnten mit den beiden Stoffen in Zusammenhang stehen
  • etwa 74.000 Todesfälle von Neugeborenen könnten darauf zurückzuführen sein

Besonders stark betroffen seien laut Studie:

  • Afrika
  • der Nahe Osten
  • Südasien

In diesen Regionen wachsen teils sowohl die Kunststoffproduktion als auch die Belastung durch globalen Plastikmüll besonders stark.

Kein endgültiger Beweis – aber ein ernstes Warnsignal

Die Autoren betonen selbst, dass die Studie nicht beweist, dass DEHP und DiNP allein oder direkt Frühgeburten verursachen. Es handelt sich um eine epidemiologische Modellierung, also um eine Wahrscheinlichkeitsrechnung auf Basis vorhandener Daten.

Auch wurden nicht alle Phthalate untersucht – sondern nur zwei Vertreter einer viel größeren Stoffgruppe.

Der Umweltmediziner Donghai Liang von der Emory University, der nicht an der Studie beteiligt war, hält das für plausibel: DEHP sei besonders gut untersucht, DiNP werde zunehmend als Ersatzstoff verwendet. Die größere Sorge gelte aber der gesamten Stoffklasse.

Sein Hinweis ist zentral:
Wer nur einzelne Chemikalien ersetze, ohne das Grundproblem zu lösen, könne die Risiken am Ende unterschätzen.

„Ein gefährliches Whac-A-Mole-Spiel“

Genau darin sehen viele Fachleute ein strukturelles Problem. Wird ein problematischer Stoff reguliert, greift die Industrie oft zu chemisch ähnlichen Ersatzstoffen – mit womöglich ähnlichen oder sogar stärkeren Nebenwirkungen.

Trasande beschreibt das als ein „gefährliches Whac-A-Mole-Spiel“: Ein Stoff gerät unter Druck, verschwindet teilweise vom Markt, ein nah verwandter Stoff rückt nach – und die gesundheitlichen Risiken beginnen von vorn.

Ein Beispiel: In den USA wurde DEHP bereits 2008 in höheren Konzentrationen in Kinderspielzeug und Babyartikeln verboten. Gleichzeitig etablierte sich DiNP in vielen Bereichen als Ersatz.

Wie könnten Phthalate Frühgeburten begünstigen?

Ganz geklärt ist der biologische Mechanismus nicht. Es gibt aber mehrere plausible Hypothesen.

Eine davon betrifft die Plazenta – also das Organ, das den Fötus während der Schwangerschaft mit Sauerstoff, Nährstoffen und immunologischer Unterstützung versorgt.

Fachleute vermuten, dass Phthalate:

  • die Plazentafunktion beeinträchtigen
  • Entzündungsprozesse fördern
  • die Anhaftung der Plazenta an die Gebärmutterwand stören
  • vorzeitige Risse der Fruchtblase begünstigen könnten

All das kann das Risiko für spontane Frühgeburten erhöhen.

Besonders bitter: Frühgeborene kommen nach der Geburt oft in intensivmedizinische Umgebungen, in denen wiederum viele Kunststoffprodukte und Schläuche verwendet werden.

Frühere Studien deuten auf breitere Gesundheitsrisiken hin

Die aktuelle Arbeit reiht sich in eine wachsende Zahl von Untersuchungen ein. Frühere Studien brachten Phthalate bereits in Verbindung mit:

  • Fehlbildungen der Geschlechtsorgane bei Jungen
  • Hodenhochstand
  • geringerer Spermienzahl
  • niedrigeren Testosteronwerten
  • Asthma
  • Übergewicht im Kindesalter
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Krebsrisiken

Eine frühere Studie unter Mitwirkung von Trasande kam 2021 zu dem Schluss, dass Phthalate in den USA jährlich mit 91.000 bis 107.000 vorzeitigen Todesfällen bei Menschen zwischen 55 und 64 Jahren zusammenhängen könnten.

Industrie verweist auf EPA-Bewertung

Der American Chemistry Council, der die US-Chemie- und Kunststoffindustrie vertritt, reagierte zurückhaltend. In einer Stellungnahme verwies der Verband darauf, dass die US-Umweltbehörde EPA bei einer Risikobewertung zu DiNP zu dem Schluss gekommen sei, dass bei den untersuchten Anwendungen kein „unangemessenes Risiko“ für Verbraucher, Bevölkerung oder Umwelt bestehe.

Zu DEHP äußerte sich der Verband in dem zitierten Zusammenhang nicht.

Was Verbraucher tun können

Die gute Nachricht: Phthalate verbleiben nicht dauerhaft im Körper. Experten zufolge werden sie meist innerhalb weniger Tage wieder ausgeschieden. Das bedeutet: Eine Reduktion der Belastung kann relativ schnell Wirkung zeigen.

Fachleute empfehlen unter anderem:

Im Alltag:

  • Produkte mit dem Hinweis „phthalatfrei“ bevorzugen
  • bei Kosmetik auf Begriffe wie DEP, DBP oder BBzP achten
  • Produkte mit „Fragrance“ / „Parfum“ kritisch prüfen, da sich dahinter Phthalate verbergen können
  • Lebensmittel möglichst nicht in Plastik erhitzen
  • Plastikbehälter nicht in die Mikrowelle geben
  • Plastik möglichst nicht in der Spülmaschine stark erhitzen

Zuhause:

  • regelmäßig staubsaugen, da sich Phthalate im Hausstaub anreichern können
  • gut lüften, um die Innenraumbelastung zu reduzieren

Das eigentliche Problem liegt woanders

So hilfreich individuelle Vorsicht sein mag – die Forscher betonen, dass das Problem nicht allein durch Konsumentscheidungen lösbar ist.

Denn die Belastung ist:

  • weit verbreitet
  • oft schlecht gekennzeichnet
  • in vielen Alltagsprodukten kaum vermeidbar

Deshalb fordern Experten vor allem:

  • strengere Regulierung
  • bessere Kennzeichnung
  • sicherere Ersatzstoffe
  • mehr Kontrolle über Chemikalien in Verpackungen und Konsumgütern
  • internationale Regeln im Rahmen eines globalen Plastikabkommens

Fazit

Die neue Studie liefert keinen letzten Beweis, aber ein deutliches Warnsignal: Chemikalien, die in zahllosen Alltagsprodukten stecken, könnten weltweit mit Millionen Frühgeburten und Zehntausenden Todesfällen bei Neugeborenen zusammenhängen.

Gerade weil Phthalate so verbreitet sind, ist die Debatte politisch heikel. Sie berührt nicht nur Fragen des Verbraucherschutzes, sondern auch die Grundsatzfrage, wie mit Chemikalien umgegangen wird, die in großen Teilen der Bevölkerung messbar sind – lange bevor ihre Risiken vollständig geklärt sind.

Die zentrale Botschaft der Studie ist deshalb weniger spektakulär als grundlegend:
Plastik ist nicht nur ein Müllproblem. Es ist zunehmend auch ein Gesundheitsproblem.

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